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Felix Heiligenstühler und Katja Niebergall von der SDAJ mit dem symbolischen neuen Namensschild für die Hermann-Simon-Straße. - © FOTO: ROLF BIRKHOLZ
Felix Heiligenstühler und Katja Niebergall von der SDAJ mit dem symbolischen neuen Namensschild für die Hermann-Simon-Straße. | © FOTO: ROLF BIRKHOLZ

GÜTERSLOH Hermann-Simon-Straße symbolisch umbenannt

Jugendverband SDAJ unterstützt mit Aktion vor LWL-Klinik Bürgerantrag

VON ROLF BIRKHOLZ
23.07.2012 | Stand 22.07.2012, 18:40 Uhr

Gütersloh. Für kurze Zeit hieß die Hermann-Simon-Straße am Samstagmittag Paul- Wulf-Straße. Eine Gruppe der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) hatte das Straßenschild in Höhe Fichtenstraße mit dem neuen Namen überklebt. Mit der angekündigten, symbolischen Aktion sollte der 2011 gestellte Bürgerantrag auf Umbenennung der vor dem ehemaligen Haupteingang der LWL-Klinik verlaufenen Straße unterstützt werden.

Denn es könne nicht sein, hieß es in einem am Samstag von Felix Heiligenstühler verlesenen Aufruf, dass "Gütersloher Straßen nach Sozialdarwinisten und Faschisten benannt werden". Die SDAJ bezieht sich dabei auf Äußerungen des ehemaligen Ärztlichen Direktors (1919-34) der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Gütersloh, die bei einem infolge des Bürgerantrags abgehaltenen LWL-Forum zu Hermann Simon im März zitiert worden waren.

Demnach taugten "Geisteskranke, Idioten, Schwachsinnige, Psychopathen, Nervöse, und Schwächlinge, Verbrecher, Säufer und Trottel" nicht zu einem "starken und tüchtigen" Nachwuchs, sie gefährdeten "mit ihrer Fortpflanzung nur die Zukunft ihres Volkes und verursachten ihm damit nutzlose und schädliche wirtschaftliche und soziale Belastung."

In einem SDAJ-Flugblatt wird die laut einem Forums-Beitrag "biologistisch-sozialdarwinistisch geprägte Ideenwelt" des Psychiaters Simon selbst als "krank" bezeichnet, der die Zwangssterilisierung von "’Minderwertigen’" und "’Ballastexistenzen’" gefordert und unterstützt habe. Mit seinen "faschistischen Aussagen" habe Simon "die Grundlagen für die spätere Euthanasie im Nationalsozialismus" geschaffen. "Ist dies eine Person für Gütersloher Straßenschilder?"

Die SDAJ schlug stattdessen vor, die Straße nach Paul Wulf (1921-99) zu benennen. Der aus dem Münsterland stammende Wulf sei als Kind in die Psychiatrie von Marsberg gekommen und den dortigen "’rasse-hygienischen Maßnahmen’" ausgesetzt gewesen. Seine Eltern hätten seine Sterilisation beantragt, um den Sohn vor dem KZ zu bewahren. Nach seiner Entlassung habe Wulf aktiv gegen den Hitler-Faschismus Widerstand geleistet. Später habe er sich für die Aufklärung über die NS-Zeit eingesetzt.

Vor 65 Jahren, im Todesjahr Hermann Simons (1867-1947), war, wie der 1975 erschienenen Gütersloh-Chronik von Werner Lenz zu entnehmen ist, die vormalige Bissingstraße in Hermann-Simon-Straße umgetauft worden.

In einer Fachtagung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und des Westfälischen Heimatbundes hatten voriges Jahr Juli 200 Teilnehmer "Grenzfälle" von Namensgebern diskutiert. Eine klare Empfehlung hinsichtlich des Falls Simon und auch zu anderen Namen wie Carl Diem gab es am Ende nicht. Der Landschaftsverband erstelle keine "schwarze Liste", sagte LWL-Direktor Wolfgang Kirsch.

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