0
Zeitzeuge Pieter Kohnstam (2.v.l.) mit (v.l.) Patrick Siegele (Anne-Frank-Zentrum), Willemijn van Haaften (niederländische Botschafterin), Bürgermeister Henning Schulz, Roland Thiesbrummel (FB Jugend) und Komponist Helmut Bieler-Wendt. - © Andreas Fruecht
Zeitzeuge Pieter Kohnstam (2.v.l.) mit (v.l.) Patrick Siegele (Anne-Frank-Zentrum), Willemijn van Haaften (niederländische Botschafterin), Bürgermeister Henning Schulz, Roland Thiesbrummel (FB Jugend) und Komponist Helmut Bieler-Wendt. | © Andreas Fruecht

Gütersloh Darum fand die zentrale Gedenkfeier für Anne Frank in Gütersloh statt

In der Anne-Frank-Gesamtschule findet die zentrale Gedenkveranstaltung zum 90. Geburtstag der Namenspatin statt. Pieter Kohnstam schildert die gemeinsame Zeit

Matthias Gans
12.06.2019 | Stand 13.06.2019, 09:15 Uhr

Gütersloh. Als Pieter Kohnstam ans Rednerpult tritt, wird es ganz leise im vollbesetzten Forum der Anne-Frank-Gesamtschule (AFS). Der 83-Jährige ist der letzte lebende Mensch, der die Namenspatin der Schule noch persönlich gekannt hat. Sie war seine Babysitterin. Und nun hier an dem Tag zu reden, an dem Anne Frank 90 Jahre alt geworden wäre, hätten sie die Nazis nicht im KZ Bergen-Belsen im Februar 1945 an Typhus und Erschöpfung sterben lassen, das ist auch für den eigens aus den USA angereisten Kohnstam ein bewegender Moment. 100 Schulen haben sich mittlerweile nach dem Mädchen benannt, das 1929 in Frankfurt geboren wurde, 1934 mit der Familie vor den Nazis in die Niederlande flüchtete und an ihrem 13. Geburtstag, im Versteck eines beengten Hinterhauses in Amsterdam begann, Tagebuch zu schreiben. An 250 Schulen begehen 40.000 Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr am 12. Juni den Anne-Frank-Tag, einen bundesweiten Aktionstag gegen Antisemitismus und Rassismus. Dass Gütersloh für die zentrale Feier des Berliner Anne-Frank-Zentrums ausgesucht wurde, hat einen bestimmten Grund. "Anne Franks Botschaft wird an dieser Schule gelebt" Diesen erläutert dessen Direktor Patrick Siegele damit, dass die AFS seit vielen Jahren in vorbildlicher Weise an Anne Frank erinnere. "Ihre Botschaft wird an dieser Schule gelebt." Schulleiter Jörg Witteborg hört das mit Stolz. Er überbringt auch die Grüße der Schirmherrin, Altbürgermeisterin Maria Unger. Auch Bürgermeister Henning Schulz würdigt zahlreiche Projekte der Schule, die einen wertvollen Beitrag zur Stadtgeschichte geliefert hätten. Und wie zur Bestätigung des Gesagten berichten die beiden Schülersprecher Pinar Sarilkan und Timo Güthenke, wie sie an diesem Aktionstag dem Zertifikat als "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" gerecht werden wollen: durch Vermittlung der Lebensgeschichte von Anne Frank an die Fünftklässler, durch Auseinandersetzung mit Themen wie fairem Handel, sexueller Vielfalt, Zivilcourage oder Mobbing. "Symbol für den Kampf gegen Antisemitismus" Bereits zum dritten Mal nimmt die stellvertretende niederländische Botschafterin an diesem Aktionstag teil. In Gütersloh stellt Willemijn van Haaften die Frage, warum das Tagebuch nach wie fasziniert. Und gibt die Antwort: "Weil es die Fragen Heranwachsender behandelt und Jugendliche sich heute noch damit identifizieren können." Mit ihrem Tagebuch sei sie nicht nur zum "Symbol für die Opfer des Holocaust" geworden, sondern auch zum "Symbol für den Kampf gegen Antisemitismus". Mit Spannung wird vor allem die eigens für den Anlass von Helmut Bieler-Wendt komponierte "Anne Frank-Suite - für das Leben" erwartet. In dem Stück verdichtet der Komponist die Stationen von Annes Leben zu einem musikalischen Bogen, der auch für die Verfolgung und den Tod des Mädchens eindrucksvolle Klänge findet. Zeitzeuge Pieter Kohnstam erinnert sich mit leiser Stimme Mit einem fröhlichen "Nigun" sollte das Stück ursprünglich ausklingen, wie Bieler-Wendt erklärt. Doch der weltweit erstarkende Antisemitismus hat ihn dazu bewogen, die Suite mit nachdenklich-dunklen Tönen enden zu lassen. "Erst wenn Hass und Rassismus überwunden sind, kann man dieses Ende streichen", so der Tonsetzer, der schon öfter für Ensembles der ASF komponiert hat. Die Bläserklasse 7d bringt das schwierige Stück unter der Leitung von Ludwig Stienen beachtlich souverän zur Uraufführung. CDs mit Aufnahmen des Stückes bekommen Botschafterin und Ehrengast Pieter Kohnstam geschenkt. Dieser ist so beeindruckt von der Musik, dass er sich wünscht, die Bläserklasse würde das Stück auch in Amsterdam, Berlin oder New Yorks Carnegie Hall zur Aufführung bringen. Dann spricht Kohnstam auf Englisch und mit leiser Stimme von Anne Frank, die damals, obwohl sieben Jahre älter als er, gerne mit ihm gespielt habe, ihm vorlas, oft lachte und in ihren selbst geschriebenen Stücken viel Fantasie bewies. Die sich auch mal ein Kleid seiner Mutter auslieh, weil sie sich wie ein Filmstar geben wollte. Es hört sich fast wie die Schilderung eines normalen Kinderlebens an, wäre da nicht das schreckliche Ende Anne Franks und seine eigene schwierige Flucht über Belgien und Frankreich nach Argentinien und in die USA. Vor dem Festakt hatte Kohnstam dem Jahrgang 12 ausführlich von dieser Zeit berichtet. "Euer Engagement ist ganz in ihrem Geist" Dann lobt der 83-Jährige, der noch in Berlin und in Velbert an Schulen sprechen wird, die AFS: "Euer Engagement ist ganz im Geiste Anne Franks." Und er mahnt, wachsam zu bleiben, Zivilcourage zu zeigen, für eine bunte Welt einzustehen. Denn: "Man kann diese Dinge nicht ungeschehen machen, man kann aber dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholen." Von einem Mann mit diesem Lebenshintergrund gesprochen, klingt ein solcher Satz gar nicht mehr nach einem für Gedenkveranstaltungen üblicher Allgemeinplatz. Sondern wie eine Verpflichtung, die sich im Alltag noch zu bewähren hat.

realisiert durch evolver group