Pieter Kohnstam kannte Anne Frank gut. - © Anne Frank Zentrum/picture alliance
Pieter Kohnstam kannte Anne Frank gut. | © Anne Frank Zentrum/picture alliance

Gütersloh Anne Frank war seine Babysitterin: Einer der letzten lebenden Bekannten erzählt

Pieter Kohnstam ist einer der letzten lebenden Bekannten von Anne Frank. Sie war seine Babysitterin. Heute wäre sie 90 Jahre alt geworden. Deshalb reist der 83-Jährige aus den USA jetzt nach Gütersloh.

Jemima Wittig
12.06.2019 | Stand 12.06.2019, 18:21 Uhr

Herr Kohnstam, Sie wurden 1936 geboren. Mit sechs Jahren sind Sie aus Amsterdam vor den Nazis geflohen. Erinnern Sie sich an die Zeit davor? Pieter Kohnstam: Ja, ich erinnere mich. Es war eine friedliche Zeit. Die Leute waren freundlich zueinander. Ich hatte viele Freunde, mit denen ich auf der Straße gespielt habe und zur Schule gegangen bin. Während und nach der Machtübernahme haben wir eine Zeit der Besetzung, Diskriminierung und des Verrats erlebt. Nachbarn, Freunde und Kinder wurden verhaftet, abtransportiert oder verschwanden einfach und wurden nie wieder gesehen. Das Tragen des Davidsterns verursachte eine Diskriminierung und teilte die Gesellschaft in einer Weise, die es zuvor so noch nie gegeben hatte. Anne Frank war Ihre Babysitterin, wie haben Sie sie erlebt? Kohnstam: Während der friedlichen Zeit war Anne fast täglich in unserer Wohnung. Wir hatten eine Erdgeschosswohnung mit einem Garten dahinter. Anne hat ihrer Fantasie freien Lauf gelassen, geschrieben und mit mir gespielt. Meine Mutter und Großmutter waren immer froh, wenn Anne mich unterhalten hat. Wie konnte Ihre Familie überleben und die von Anne Frank im Haus nebenan nicht? Kohnstam: Wir konnten durch die Gnade Gottes, Hartnäckigkeit und den Willen meiner Eltern überleben. Die Franks und meine Familie erhielten den gleichen Befehl, sich am Bahnhof für die Deportation nach Westerburg zu melden. Die Franks fragten meine Familie, ob wir mit in ihr Versteck gehen wollten. Aber meine Eltern wussten, dass das nicht funktionieren wird. Ich war ein aktiver Sechsjähriger und die Ehe meiner Eltern scheiterte gerade. Deshalb beschlossen sie, dass wir fliehen sollten. Christliche Freunde halfen uns, nach Maastricht zu fliehen. Anne Frank wäre heute 90 Jahre alt geworden. Warum müssen wir uns heute an sie erinnern? Kohnstam: Wir müssen uns an sie erinnern, weil ihr Geist uns Kraft gegeben hat und ein Zeichen war, zusammenzuarbeiten, die Werte Freiheit und Frieden zu lehren und zu fördern. Sie würde sagen: Es gibt Hoffnung auf eine bessere Welt. Was müssen wir tun, damit rechte Parteien nie wieder die Macht übernehmen? Kohnstam: Um Santayana (Anmerkung der Redaktion: George Santayana war ein spanischer Philosoph und Schriftsteller) zu zitieren: „Die, die die Vergangenheit vergessen, werden die gleichen Fehler wieder machen. Es ist ein Rezept für eine Katastrophe. Weiter möchte ich in diesem Interview nicht darauf eingehen. Sie sind 1942 ein Jahr lang zu Fuß von Amsterdam nach Barcelona geflohen. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Flüchtlingssituation? Kohnstam: Ich bin nicht anders als die Flüchtlinge heute. Die Welt wird gerade durch die Flucht von tausenden Menschen mit einem massiven, komplizierten Problem konfrontiert. Angesichts dieser Herausforderungen, müssen sich die Anne Frank Organisationen für die Aufklärung, Information und Bereitstellung eines Bildungsprogramms für Schulen und Universitäten einsetzen, in dem die Existenz des Holocausts und die Botschaften von Anne Frank vermittelt werden. Es ist noch viel zu tun, um diese Welt zu verbessern.

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