Mit dem ersten Gütersloher „Pride Day" beteiligt sich die Dalkestadt am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, der jedes Jahr am 17. Mai gefeiert wird. - © picture alliance
Mit dem ersten Gütersloher „Pride Day" beteiligt sich die Dalkestadt am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, der jedes Jahr am 17. Mai gefeiert wird. | © picture alliance

Gütersloh Früher Julia, heute Max: 16-Jähriger über das Gefühl, im falschen Körper zu leben

Gütersloh feiert am Freitag seinen ersten kleinen „Christopher Street Day“ – ein Zeichen für sexuelle Vielfalt. Auch der 16-jährige Max wird dabei sein. Er lebte früher als Mädchen.

Gütersloh. Auf Max’ Personalausweis stand lange ein anderer Name. Ein ganz anderer – ein Mädchenname. Denn Max hieß früher Julia (Namen von der Redaktion geändert). An Julia erinnert aber inzwischen nichts mehr, wenn der 16-Jährige vor einem steht. Und darauf ist er verdammt stolz. Denn dafür musste er viel kämpfen. Vor allem gegen sich selbst. Anders hat sich Max schon lange gefühlt. Benennen konnte er es aber nie. Mit Beginn der Pubertät werden die Zweifel immer größer. „Ich habe mir damals gedacht, irgendetwas stimmt doch hier nicht. Bin ich lesbisch? Oder bi? Wer bin ich eigentlich?" Max beginnt, sich selbst zu verletzen Max beginnt, sich selbst zu verletzen. Er versucht, all’ die Zweifel zu verdrängen, und zerbricht fast daran. Als er sich schließlich in ein Mädchen verliebt, bricht er zusammen. Er erzählt seiner Mama alles. Langsam wird ihm schließlich klar, dass er sich im falschen Körper fühlt. Max beginnt eine Therapie wegen der Selbstverletzungen. Gemeinsam mit seinen Eltern spricht er mit Psychologen und Pädagogen – auch in der Schule. Sein Entschluss steht fest: Er möchte als Junge leben und wahrgenommen werden. Aus Julia wird Max. Endgültig. Mit seinem ursprünglichen Namen möchte Max heute nichts mehr zu tun haben. „Darüber sprechen wir nicht mehr", sagt er selbstbewusst, „ich heiße Max und fertig." Am Freitag wird Max einer von vielen Jugendlichen und Erwachsenen sein, die ein Zeichen für mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen, Inter- und Trans-Personen setzen möchten. "Es gibt immer noch Menschen, die beleidigt oder sogar körperlich angegriffen werden, weil sie schwul oder lesbisch sind" Denn dann feiert Gütersloh seinen ersten eigenen kleinen „Christopher-Street-Day" auf dem Berliner Platz. „Pride Day" hat die Initiative „Gütersloh ver/liebt sich" die Aktion genannt. Mit Infoständen von zahlreichen Organisationen, Mitmachaktionen, Reden und einem „Rainbow-Flash" soll die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt Güterslohs in den Fokus gerückt werden. Mitorganisator Stefan Pape: „Es gibt immer noch Menschen, die beleidigt oder sogar körperlich angegriffen werden, weil sie schwul oder lesbisch sind. Auch hier in Gütersloh." Gerade in vergleichsweise kleineren Städten seien Aktionstage wie der Pride Day extrem wichtig. Homosexualität oder Transidentität seien nicht bloß Großstadtthemen. Für Max’ Familie ist die Situation mittlerweile normal. Natürlich sei die Umstellung am Anfang „etwas komisch" gewesen, sagt Max heute rückblickend. Aber alle hätten sich gut arrangiert. „Auch meine Großeltern sind super dabei. Ab und an verwechseln sie noch die Personalpronomen, aber sie stehen voll hinter mir. Vor allem mein Opa ist total stolz auf mich", sagt Max und muss ein wenig grinsen. Max nimmt gegengeschlechtliche Hormone Auch, wenn in seinem nahen Umfeld alle Max’ Entscheidung respektieren und akzeptieren – Max kennt auch die andere Seite. Einige seiner Mitmenschen haben ihn weiterhin mit dem falschen Namen angesprochen. Trotz mehrfacher Bitte. Max lässt sich davon aber nicht unterkriegen. Er hat mittlerweile einen Personalausweis mit seinem richtigen Namen, nimmt gegengeschlechtliche Hormone. Geschlechtsangleichende Operationen werden folgen. „Wir informieren uns derzeit über alles, was möglich ist. Das sind schließlich Entscheidungen fürs Leben", sagen seine Eltern. Max ergänzt: „Einige Ops sind auch erst ab 18. Bis dahin hab’ ich ja noch ein bisschen Zeit." Ob er sich wirklich allen sieben Operationen, die zu einer kompletten Geschlechtsumwandlung nötig wären, unterziehen will, weiß er noch nicht. Er ist glücklich, dass er sich überhaupt getraut hat, den Schritt des Outings zu gehen. Und Max will auch anderen Jugendlichen Mut machen. Er ist viel in Jugendtreffs unterwegs. Auch bei „Gütersloh ver/liebt sich" engagiert er sich – genau wie seine Mama. „Eltern zu finden, die offen und ehrlich über die Situation sprechen, ist teilweise aber noch schwierig. Dabei ist der Austausch super wichtig. Man kann viel dazulernen und sich gegenseitig Zweifel und Ängste nehmen." Mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit Mittlerweile gebe es in Bielefeld eine Elterngruppe, die sich einmal im Monat trifft. Gütersloh stehe noch am Anfang, wenn es um Themen wie Transidentität oder Homosexualität gehe. Aber es entwickele sich weiter. Aktionen wie der „Pride Day" sollen mehr Aufmerksamkeit schaffen. Und Max und seine Eltern wollen genau dabei helfen.

realisiert durch evolver group