Wo sind die Akten? Weil Roger Warnken sämtliche Infos über seine Inobhutnahme fehlen, hofft der 54-Jährige auf Zeitzeugen. - © Andreas Frücht
Wo sind die Akten? Weil Roger Warnken sämtliche Infos über seine Inobhutnahme fehlen, hofft der 54-Jährige auf Zeitzeugen. | © Andreas Frücht

Gütersloh Vom Kinderheim in eine Pflegefamilie: Gütersloher berichtet von brutaler Kindheit

Nach der Berichterstattung über das ehemalige Gütersloher Kinderheim fasst Roger Warnken Mut und meldet sich. Auch er hat als Kleinkind dort gelebt. Das Haus wird zur grausamen Schicksalsstation.

Jeanette Salzmann
21.04.2019 | Stand 18.04.2019, 14:15 Uhr

Gütersloh. „Das hier ist meine ganze Kindheit", sagt Roger Warnken und hält einen weißen Din A4-Umschlag in den Händen. Darin eine Geburtsurkunde, ein Adoptionsnachweis und eine handvoll Fotos aus Kindertagen – herausgetrennt aus einem Fotoalbum. „Sie wurden mir irgendwann kommentarlos zugeschickt", sagt er. Zwei einzelne Fotos gehören nicht dazu. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Weihnachtsfest im Haus an der Bismarckstraße 5. Welches Jahr? „Ich weiß es nicht", sagt Warnken, „ich weiß nicht einmal, ob ich das bin, oder vielleicht doch meine Schwester." Ebenfalls im Kuvert ein NW-Zeitungsartikel mit dem Titel „Das vergessene Kinderheim". „Vier Jahre war ich in dem Heim untergebracht." Mit der Abgabe in eine Pflegefamilie beginnt die Hölle Die Erinnerung an diese Zeit fehlt dem Gütersloher fast vollständig. Trotzdem: „Heute würde ich sagen, es wäre wohl besser gewesen, ich hätte im Heim bleiben können." Denn mit der Abgabe in eine Pflegefamilie begann für den damals Fünfjährigen Roger die Hölle. 1964 erwartet Familie Wennekers Nachwuchs. Nach Thomas und Ulf (Namen der Geschwister geändert) kommt Roger am 5. Dezember zur Welt. Ein Jahr später folgt Dorothea. Drei Jahre danach Frank, aber da sind die Geschwister bereits außer Haus. Die Familie wohnt in Löhne. Vermutlich unter desolaten Verhältnissen. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter „irgendwie" nicht da, als 1965 Schwester Luise und ihre Freundin Lieselotte Kramp kommen, mit der Absicht, die Kinder da rauszuholen. Beide sind vorbereitet in Form einer Flasche Schnaps. „Wir haben ihn betrunken gemacht, damit wir die Kinder mitnehmen konnten", erinnert sich Kramp. "Keine einzige Akte über mich" Die 90-Jährige wird von den Kindern bis heute nur „Krammi" genannt. Über Hintergründe vermag auch sie als ehemalige Mitarbeiterin des Kinderheims nichts zu sagen. Die vier kleinen Wenneckers wechseln ins Heim nach Gütersloh und wohnen fortan mit rund 30 anderen Kindern an der Bismarckstraße unter Leitung von Schwester Luise. Warum eigentlich Gütersloh? „Das wüsste ich auch gerne", sagt Roger Warnken. „das Jugendamt Herford war für uns zuständig. Aber hier gibt es angeblich keine einzige Akte über mich." Schon mit 18 Jahren hat der heute 54-Jährige begonnen, etwas über seine Herkunft und die Umstände seiner Adoption herauszufinden. Fehlanzeige. Wo er auch fragt, er steht im Nichts. „Auch in Gütersloh habe ich nachgefragt. Das Jugendamt will ebenfalls keine Unterlagen haben." Recherchen in einem Archiv in Wiedenbrück verlaufen ergebnislos. Roger muss in den Keller ziehen Dabei war der Gütersloher nicht nur auf der Suche nach seiner eigenen Geschichte, sondern auch nach dem Verbleib seiner Schwester. „43 Jahre lang habe ich gesucht." Als Dorothea ins Kinderheim kommt, ist sie vermutlich erst wenige Wochen alt. Eine Pflegefamilie wird für das kleine Mädchen gefunden. Zu diesem Zeitpunkt ist sie dreieinhalb. Das Jugendamt verhängt Auskunftssperre. In dem Haus an der Rhedaer Straße wohnen drei Familien. Roger zieht ins Erdgeschoss zu seinen neuen Pflegeeltern und deren Uroma, der das Haus gehört. Zusammen teilen sie sich drei Zimmer. Roger ist untergebracht im Schlafzimmer der Eltern bis er acht Jahre alt ist. „Es war der Zeitpunkt, als meine Pflegeeltern ein eigenes Kind erwarteten. Ich musste die Wohnung verlassen und in den Keller ziehen." Roger wird ein Raum mit einem Bett und einem Schreibtisch hergerichtet. "Ich hatte immer Angst im Keller" Er ist dort unten jahrelang allein. „Ich hatte immer Angst im Keller. Aber das interessierte niemanden." Schläge und Prügel bezieht er vom Pflegevater von Anfang an. „Gewalt war an der Tagesordnung", erinnert sich Warnken. Wenn Alkohol im Spiel ist, eskaliert die Situation bisweilen völlig. „Mein Bruder Ulf wollte mich einmal aus der Familie holen, nachdem er Zeuge wurde, wie mein Pflegevater mich verprügelt hat." Vergeblich. 1972 erfolgt die Adoption. Roger Warnken kennt das Datum nur, weil es auf der Adoptionsurkunde steht. „Ich weiß, dass bei meiner Schwester Geld geflossen ist, um die Unterschrift meiner Mutter zu erwirken", ob das bei seiner eigenen Adoption auch der Fall ist, Roger Warnken weiß es nicht. „Ich würde keine Wahrheiten bekommen", ist er sich sicher. Beide Mütter leben inzwischen in Pflegeheimen und schweigen beharrlich. Wurden die Verhältnisse in den Pflegefamilien geprüft? „Man war augenscheinlich nur froh, dass man uns Kinder im Heim los war", geprüft habe, so die Vermutung, die Verhältnisse in den Pflegefamilien niemand. Mehr noch: Das Jugendamt Gütersloh wollte auch mit Kenntnisnahme der Situation nicht handeln. „Ich erinnere mich an mehrere Besuche bei der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterin. Ich habe ihr erzählt, was mir in der Familie widerfährt", erklärt Warnken. „Ich wurde nicht ernst genommen." Ein offizieller Besuch in der Familie ist die Folge. Ändern tut sich nichts. Die Pein hingegen ist wohl für jedermann sichtbar. „Schon in der Grundschule hätte man es sehen müssen", Warnken erinnert sich an viele blaue Flecken und Striemen auf der Haut, „die ich gar nicht verstecken konnte." Die beiden ältesten Jungs Thomas und Ulf kehren nach einer Odyssee durch verschiedene Heime für schwer Erziehbare zurück zur leiblichen Mutter. Der jüngste, Frank, bleibt in Gütersloh. Er wächst ein paar Straßen weiter von Roger in einer Familie auf. Auch wenn sie sich nie als Geschwister erleben können, wissen doch alle umeinander. Bis auf eine: Dorothea bleibt für alle verschwunden. Als Warnken mit seinem Mofa im Alter von 15 Jahren in eine Straßenkontrolle gerät, will die Polizei seine Personalien überprüfen. Auskunftssperre. Auch für die Beamten. „Ich wusste das bis dahin gar nicht und habe mich nur gewundert. Die aber auch." Weiß die Schwester überhaupt, dass es Geschwister gibt? Es ist Rogers Tochter, die 2013 die Initiative ergreift und in den Einwohnermeldeämtern hartnäckig recherchiert. Sie findet Dorotheas Adresse schließlich in Winterberg und schreibt ihr einen Brief. „Ich hätte gar nicht gewusst, was man in einem solchen Brief schreibt", sagt Warnken. Zu groß ist die Freude, zu groß die Verunsicherung. Ob die Schwester überhaupt weiß, dass es Geschwister gibt? Nein, sie weiß es nicht. Zwei Wochen später stehen Frank, Roger und Ulf vor ihr. Drei Fremde – und doch so vertraut. Aufgewachsen in einer Familie in Schieder-Schwalenberg im Lippischen wächst sie behütet auf. Mit der Heirat kommt die Gewalt auch zurück in ihr Leben. Roger Warnken senkt den Kopf. „Ist doch Wahnsinn, wie sich die Dinge im Leben spiegeln. Immer und immer wieder." Manchmal schlägt er ein Zelt auf Ausreißen ist ein probates Mittel. Roger Warnken flüchtet schon in jungen Jahren aus seiner Adoptionsfamilie, treibt sich viel an der Weberei herum, die ihm ein Zufluchtsort ist. Manchmal schlägt er ein Zelt auf. „Dann hat man mich aber immer wieder eingefangen und zurück gebracht." Es ist Rogers Klassenlehrerin an der Hauptschule Süd, der heutigen Janusz-Korkzak-Gesamtschule, die schließlich die Initiative ergreift. Sie sieht, was mit dem Jungen los ist, er vertraut sich ihr an. Der Weg aus der Familie führt übers Jugendgericht – die Lehrerin sagt für ihn aus, Roger wechselt in die Familie seines Freundes. Mit 17 braucht er einen neuen Platz. Er entscheidet sich, seinen Weg ohne die Hilfe der Erwachsenen fortzusetzen. Seit diesem Tag kommt er alleine klar. Das Herz macht immer wieder schlapp „Man kann aus so einer Kindheit nur das Beste draus machen. Und ich denke, das habe ich, denn nichts davon ist irgendwie wieder gutzumachen." Da sei keine Wut, keine Aggression, die kontrolliert werden müsste. „Mir war früh klar, das Leben, das ich als Kind hatte, wollte ich nicht weitergeben." Hat er auch nicht. Der 54-Jährige Hilfsarbeiter ist mit seiner Frau Simone seit 32 Jahren verheiratet, zwei Töchter gehören zur Familie, die in Avenwedde wohnt. Alles ganz solide, wäre da nicht dieses verdammte Herz. Es macht immer wieder schlapp. Ohne Medikamente geht es nicht. Seit dem Wiedersehen mit seiner Schwester sind die Albträume dazu gekommen. „Es kommt plötzlich vieles aus der Vergangenheit hoch", Gefühle, die er bislang irgendwo im Inneren unter Verschluss halten konnte. Ja, da waren früher diese monatelangen Kopfschmerzen, bei denen ihm kein Arzt helfen konnte. Aber das Leben muss halt weiter gehen. "Kellerräume meide ich möglichst immer noch" Oder auch nicht, denn vor gut einem Jahr mag gar nichts mehr so recht funktionieren. Die Psyche spielt Roger Warnke einen Streich. „Ich muss lernen zu fühlen, wie es mir geht. Was meine Bedürfnisse sind." Vielleicht haben Haut und Seele früh gelernt, das eigene Empfinden einzustellen. Die Strategie stattdessen: „Wenn es mir schlecht ging, habe ich immer noch mehr gearbeitet. Es hat mich abgelenkt." Roger Warnken hat sich Hilfe geholt, um mit all dem klarzukommen. Mit Therapeuten arbeitet er die Dämonen aus Kindheitstagen auf. „Kellerräume meide ich möglichst immer noch", und auch die Rhedaer Straße. Es gibt andere Wege. Was bleibt, schmeckt bitter: „Wozu das alles? Ich hätte genausogut in meiner Familie bleiben können. Es wäre nicht schlechter gewesen."

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