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Zwei Gütersloher rufen zum Klimafasten auf. - © picture alliance / Andreas Franke
Zwei Gütersloher rufen zum Klimafasten auf. | © picture alliance / Andreas Franke

Gütersloh "Esst weniger Fleisch!" Gütersloher rufen zum Klimafasten auf

Die übermäßige Produktion und der Verzehr von Fleisch belasten unser Klima - in Gütersloh rufen zwei engagierte Menschen jetzt zum Klimafasten auf

Ingo Müntz
06.03.2019 | Stand 06.03.2019, 14:17 Uhr

Gütersloh. Die Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh möchte Menschen anregen, während der Fastenzeit häufiger auf Fleisch zu verzichten. Die Organisatoren nennen die Aktion „Klimafasten". Sie wollen so auf die Unmengen von Treibhausgasen aufmerksam machen, die durch Massentierhaltung verursacht werden. Wie bei jedem Fasten geht es um eine Selbstverpflichtung für die Zeit vom 6. März bis zum 20. April. Teilnehmer können eine schriftliche Teilnahmeerklärung in einer der evangelischen Kirchen in Gütersloh abgeben. Die Ergebnisse werden am Ostermontag, 22. April, 9.30 Uhr, in der Apostelkirche präsentiert. Die Verzichttage aller Teilnehmer werden summiert und als eingesparte CO2-Menge gezeigt. Teilnehmer können eines von zehn vegetarischen Menüs gewinnen. Glauben Sie, dass Fasten in unserem Alltag machbar ist – oder durchkreuzen Kantine und Wurstbrot die Vorsätze? JAN ELLIGER: Ich bin davon überzeugt, dass Fasten auch heute möglich ist. Damit das klappt, müssen wir uns ein bisschen Zeit nehmen und alte ausgetretene Pfade verlassen. Es gibt viele Möglichkeiten, das Brot zu belegen oder zu bestreichen. Auch wenn man auf Wurst verzichten oder ein vegetarisches Essen zubereiten möchte. Wir müssen das nur beim Einkaufen planen, dann klappt es auch. Viele Kantinen bieten heute ein vegetarisches Gericht und eine Salatbar an. Selbst beim Fastfood gibt es vegetarische Alternativen. Brauche ich ein „Klimafasten" als Anreiz, eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen? ERIKA ENGELBRECHT: Schon seit einigen Jahrzehnten gibt es in der evangelischen Kirche während der Passionszeit die Aktion „7 Wochen ohne". Wer mitmacht, verzichtet bis Ostersonntag freiwillig auf Gewohnheiten und Abhängigkeiten wie Alkohol, Süßigkeiten, Fernsehen oder Fleisch. Was ich faste, entscheide ich; es sollte etwas sein, was mich einschränkt. Die Fastenaktion für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit kommt ursprünglich von der westfälischen Landeskirche und ist eine viel jüngere Initiative. Sie wurde ins Leben gerufen, weil der Klimawandel Leiden verursacht und das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen gefährdet. Sie regt an, der Schöpfung Gutes zu tun. Was ist das eigentliche Ziel der Fastenzeit im Christentum? ENGELBRECHT: Die Fastenzeit ist die Zeit der persönlichen und gesellschaftlichen Erneuerung. Sie lädt ein zu Besinnung, Umkehr und Verzicht. Die Frage ist zum einen, ob wir alles brauchen, was wir haben und verbrauchen – und zum anderen, wer auf unseren Verzicht und unsere Hilfe angewiesen ist. Fasten ist ein Moment der Konzentration auf sich selbst und ein Zeichen der Nächstenliebe. Wenn ich mich verpflichte, am Klimafasten teilzunehmen, aber plötzlich unbändiges Verlangen nach einem Steak habe – was kann ich tun? ELLIGER: Dann machen Sie sich halt ein Steak. Denn auch das Fastenbrechen gehört zur christlichen Tradition. Früher wurde nur von Montag bis Samstag gefastet. Am Sonntag, dem Tag der Feier der Auferstehung, durfte dann wieder Fleisch gegessen werden. Bei unserer Aktion erwarten wir nicht, dass Sie an allen Tagen auf Fleisch verzichten, sondern nur an so vielen Tagen, wie Sie es sich zutrauen. Wirken sich solche Aktionen messbar auf den Ausstoß von Klimagasen aus? Oder ist Ihr hintergründiges Ziel, für Tradition und Schutz der Umwelt zu sensibilisieren? ELLIGER: Natürlich kann diese Aktion die Klimakatastrophe nur ein bisschen beeinflussen. Jeder einzelne Mensch beeinflusst die Zukunft mit seinen täglichen Entscheidungen. Wir wollen zeigen, dass unser Einfluss messbar ist und dass wir uns nicht in der Masse verstecken können. Es gibt dazu ein sehr schönes Sprichwort aus Afrika: Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern. Die Fleischproduktion wächst stetig, ebenso die fleischverarbeitende Industrie? Was ist Ihre Meinung zur „Verwurstung der Schöpfung"? ENGELBRECHT: In der Schöpfungsgeschichte der Bibel bekommt der Mensch den Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Sie ist uns als Lebensraum und Wohnung geschenkt, nicht zur Ausbeutung und Vernichtung freigegeben. Dieses Geschenk will im Gedenken an den Schöpfer pfleglich behandelt sein. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es unseren Mitgeschöpfen gut geht. Wir tragen die Verantwortung für den Erhalt von Gottes guter Schöpfung, das heißt vor allem ihrer Vielfalt. Es kann nicht so weiter gehen, dass unendlich viele Arten auf dieser Erde aussterben! Der Trend, billiges Fleisch zu kaufen, ist ungebrochen. Zudem werden diese Billigeinkäufe auch gerne mit dem Auto befördert. Welches Umdenken sollte „Klimafasten" bewirken? ELLIGER: Für uns ist es selbstverständlich, dass wir genug zu essen haben, dass wir alles für wenig Geld im Supermarkt kaufen können. „Geiz ist geil", finden immer noch viele von uns. Aber uns sollte bewusst sein, dass andere oder wir selbst den gerechten Preis dafür bezahlen müssen – meist nur später. Das Fleisch ist so billig, weil es von Schweinen kommt, die wir mit Soja füttern, das in Brasilien auf ehemaligen Urwaldflächen angebaut wird. Die Schweine erhalten Antibiotika, die zurBildung resistenter Keime beitragen. Die Gülle dieser Schweine verteilen die Bauern auf die Felder, was zur Verunreinigung unseres Grundwassers führen kann. Die Schlachter, die diese Schweine zerlegen, sind teilweise Wanderarbeiter aus Rumänien, arbeiten hier zu Dumpinglöhnen und hausen bei horrenden Mieten in abbruchreifen Häusern. Einer bezahlt immer, wahrscheinlich sind es am Ende wir oder unsere Kinder. Essen wir weniger, aber dafür hochwertiges Biofleisch aus der Region, dann wissen wir, dass wir für den höheren Preis besseres Fleisch bekommen – und das mit weniger negativen Auswirkungen auf uns und die Gesellschaft. Fasten soll in Maßen gesund sein. Welche Menschen glauben Sie, mit der Aktion aktivieren zu können? ELLIGER: Es gibt viele verschiedene Gründe, den Fleischkonsum zu reduzieren. Im Januar berichtete die NW, dass nach einer Umfrage von Emnid im Auftrag von Greenpeace mehr als 50 Prozent der Deutschen im Jahr 2019 weniger Fleisch essen wollen. Genau diese 50 Prozent wollen wir motivieren, ihren Vorsatz umzusetzen und an unserer Aktion teilzunehmen. ENGELBRECHT: Es gibt alle zwei Wochen ein Fastentreffen. Die Treffen starten montags, 11. März, 25. März und 8. April, um 19 Uhr im Haus der Begegnung, Kirchstraße 14a. Weitere Infos gibt es telefonisch bei Jan Elliger, (0 52 41) 3 00 75 94.

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