Auch in Gütersloh haben in den vergangenen Jahren immer mehr von ihnen eröffnet. - © Andreas Frücht
Auch in Gütersloh haben in den vergangenen Jahren immer mehr von ihnen eröffnet. | © Andreas Frücht

Gütersloh Shishas und E-Zigaretten: Wie gefährlich sind sie wirklich?

Lungen- und Suchtexperten sind alarmiert: "Wir haben das gleiche Problem wie bei der Zigarette, bei der es 50 Jahre dauerte, um die langfristigen Folgen zu erkennen"

Gütersloh. Die Zahl rauchender Jugendlicher sinkt seit Jahren. Gütersloher Lungen- und Suchtexperten zeigen sich trotzdem besorgt, denn der Konsum von Wasserpfeifen – gerne auch Shishas genannt – und E-Zigaretten nimmt im gleichen Zug zu. „Es findet eine Verschiebung dahin statt", sagt Peter Köching von der Suchtberatung der Caritas. Die alternativen Rauchangebote wirken harmlos, sind jedoch gefährlich. Halb zwölf mittags, große Pause an einer Gütersloher Schule. Am Rande des Pausenhofes, außerhalb des Blickfeldes der Lehrer, stehen sie in Grüppchen, die Raucher, die auch bei Minusgraden zur Zigarette greifen. Früher lehnten mehr Schüler an der Backsteinwand. Griff 2005 noch fast jeder Fünfte 15- bis 20-Jährige regelmäßig zur Zigarette, so war es laut Statistischem Bundesamt 2017 nur noch jeder Zwölfte. Milena ist eine der Verbliebenen. „Es geht nichts über eine gute Zigarette", so die 17-Jährige. Fast jeder hat schonmal dran gezogen Die Shisha habe sie, selbstverständlich, auch schon ausprobiert. „In den vergangenen Jahren ist das immer mehr geworden", meint sie. „Ich schätze, dass bei mir in der Jahrgangsstufe fast jeder schon einmal daran gezogen hat. Man sitzt in einer Runde zusammen, hat dann etwas zu tun und wird von den Anderen mit reingezogen." Ihre Freundin Lisa ergänzt: „Sie sagen dann, dass das besser als normale Zigaretten schmeckt." Traube-Minze, Mango, Apfel: Die Palette an Aromastoffen, die dem Wasserpfeifentabak beigefügt werden, ist schier endlos – und der Einstieg für eigentliche Nichtraucher dadurch auch einfacher, so die Ansicht von Gernot Schoch. Er ist Facharzt für Pneumologie am St.-Elisabeth-Hospital. „Die Wasserpfeife hat den Vorteil, dass der Rauch durch das Wasserbad abkühlt", sagt Schoch. „Das ist angenehmer für die Bronchien. Daher wird tiefer und öfter inhaliert." Tabak im eigentlichen Sinne wird beim „Shishan" nicht geraucht, da er nicht verbrennt, sondern nur verschwelt. Ist eine Shisha wirklich gesünder? Dies macht die Shisha jedoch nicht gesünder. „Man muss sich klarmachen, dass durch den Rauch alleine schon viele Gefahrstoffe aufgenommen werden", meint der Lungenspezialist. Gesundheitsschädigende Stoffe wie Benzole und Formaldehyd würden eingeatmet. Auch gebe es Hinweise darauf, dass ein dauerhafter Wasserpfeifen-Konsum zu Veränderungen der Blutgefäße führt. Die Wissenschaft stehe, so Schoch, erst am Anfang der Forschung. „Wir haben das gleiche Problem wie bei der Zigarette, bei der es 50 Jahre dauerte, um die langfristigen Folgen zu kennen." Eine weitere, im schlimmsten Fall tödliche Auswirkung beobachtet Nils Weigelt, Leitender Oberarzt am Klinikum. „In der Notaufnahme erreichen uns vermehrt Fälle von Kohlenstoffmonoxid-Vergiftungen durch Shisha-Rauchen", sagt Weigelt. Im Vergleich zu einer gewöhnlichen Zigarette wird die zehnfache Menge an Kohlenmonoxid aufgenommen, es wird quasi glühende Grillkohle eingeatmet. Hinzu kommt, dass die Kohlenmonoxid-Konzentration in geschlossenen Räumen steigt. "Das Tückische ist, dass man das nicht merkt" „Das Tückische ist, dass man das nicht merkt", so Weigelt. „Es ist geruchs- und geschmacklos. Man wird müde und führt das nicht sogleich auf eine Vergiftung zurück." Die eingelieferten Patienten bekämen dann hochdosierten Sauerstoff. Für Shisha-Bars will die NRW-Landesregierung bis Mitte des Jahres neue Regelungen festlegen, nach denen dann Kohlenmonoxid-Melder verpflichtend sind. Neben den Shishas sieht Lungenexperte Schoch einen weiteren Trend kritisch: E-Zigaretten, oft im hippen Design. Immer neue Fabrikate landen auf dem Markt, ein besonderes Augenmerk hat er derzeit auf „Juul". „An US-amerikanischen Colleges sorgte Juul bereits für eine kleine Epidemie", sagt Schoch. „Sie kommt mit sehr attraktiven Düften daher und sorgt für einen bemerkenswerten Nikotinflash." Das kalifornische Startup ist mit seiner optisch einem USB-Stick ähnlichen E-Zigarette seit Dezember auch in Deutschland vertreten. Helfen die Nichtraucherschutzgesetze? Laut Firmen-Homepage gibt es in Gütersloh einen Händler, der „Juul" vertreibt. Wie bei der Wasserpfeife kenne man auch bei unscheinbar daherkommenden E-Zigaretten die langfristigen Folgen nicht, so Schoch, der mahnt: „Für Nieraucher sind Verdampfer wie die elektronischen Zigaretten der Einstieg in die Nikotinabhängigkeit." Restriktive Maßnahmen bei den alternativen Rauchangeboten sind nach Meinung von Peter Köching, Leiter der Sucht- und Drogenhilfe bei der Gütersloher Caritas, unabdingbar. „Die Nichtraucherschutzgesetze helfen spürbar", sagt er. „Nur Präventionsarbeit kann das nicht leisten." Und auch die scheint bei Shisha, „Juul" & Co. noch ausbaufähig zu sein. „Wir hatten nur einmal jemanden in der Schule, der kurz was dazu erzählt hat", so die 17-jährige Milena. „Zigaretten werden wesentlich schlechter geredet, selbst Kaffee kommt schlechter weg als Shishas und E-Zigaretten." Viele ihrer Mitschüler, so die 18-jährige Lisa, „wissen gar nicht, dass das überhaupt schädlich ist".

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