Lars Jurzik füllt an der Ems-Fußgängerbrücke mit einem speziellen Schöpfgerät Wasser in eine sterile Probeflasche. - © GNU
Lars Jurzik füllt an der Ems-Fußgängerbrücke mit einem speziellen Schöpfgerät Wasser in eine sterile Probeflasche. | © GNU

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück Gefährliche Krankheitserreger im Wasser gefunden

Die Gemeinschaft für Natur- und Umweltschutz sieht dringenden Handlungsbedarf für die Ems: "Hunde sollten bis auf weiteres nicht mehr in der Ems baden"

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück. In der Ems bei Rheda-Wiedenbrück sind bei Proben der Bochumer Ruhr-Universität an zwei Stellen sogenannte multiresistente Keime gefunden worden. Nur – wie kommen sie ins Wasser? Die Proben wurden am 23. Juli im Auftrag der Gemeinschaft für Natur- und Umweltschutz im Kreis Gütersloh (GNU) sowie des Bündnisses gegen die Tönnies-Erweiterung direkt an der Ausleitung der Kläranlage Rheda sowie an der Ems-Fußgängerbrücke St. Vinzenzstraße entnommen. Die dabei gefundenen Bakterien wurden auf Resistenzen gegenüber 14 verschiedene Antibiotika untersucht. "In beiden Proben haben wir Keime nachgewiesen" Das Ergebnis: „In beiden Proben haben wir Keime nachgewiesen, die gegenüber sechs bis acht Antibiotika resistent waren", erläutert Lars Jurzik, Fachgebietsleiter Mikrobiologie und Probenahme der Ruhr-Uni. Zudem enthielten beide Tests Colibakterien (E.coli), die sich gegen drei von vier Reserveantibiotika resistent gezeigt hätten. Diese sollen bei schweren Infektionen als letztes Mittel gelten, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen. „Eine Resistenz gegen drei dieser Antibiotika wird als sehr problematisch eingeschätzt", betont Jurzik. Von multiresistenten Keimen spricht man, wenn sich Bakterien entwickelt haben, denen gewöhnliche Antibiotika nichts mehr ausmachen. Laut Bundesumweltamt entstehen diese vor allem in Kliniken und in der landwirtschaftlichen Tierhaltung, da dort Antibiotika viel und häufig angewendet werden. Von dort gelangen sie mit dem Abwasser oder durch die Ausbringung von Klärschlämmen, Gülle oder Gärresten aus Biogasanlagen in die Umwelt, wo es zur weiteren Bildung und Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien kommen könne. „Wassersport sollte erst einmal nicht mehr erlaubt werden" Aufgrund dieses Ergebnisses sieht die GNU nun dringenden Handlungsbedarf. „Das ist gravierend. Der Kontakt mit dem Wasser könnte für Kinder, Schwerkranke und ältere Menschen mit einem schwachen Immunsystem gefährlich sein", betont Vorstandsmitglied Angelika Daum. In einem Schreiben an den Rat der Stadt sowie an Bürgermeister Theo Mettenborg, mit Datum 23. Oktober, fordert sie, „unverzüglich Maßnahmen" zu ergreifen, um die „Einleitung der multiresistenten Keime zu ermitteln und zu unterbinden". Ferner wird die Stadt aus Vorsorgegründen aufgefordert, Aktionen auf, an und in der Ems zu verbieten. „Wassersport wie Kanufahren sollte erst einmal nicht mehr erlaubt werden, auch Hunde sollten „bis auf weiteres" nicht mehr in der Ems baden", sagt Daum auf NW-Anfrage. Inwieweit die Stadt Rheda-Wiedenbrück nun diese Forderungen umsetzt und etwaige Maßnahmen ergreift, bleibt abzuwarten. Auf Nachfrage hieß es seitens der Pressestelle, dass ein solches Schreiben „bis dato noch nicht eingegangen" sei. Ist der Schlachthof Tönnies dafür verantwortlich? Woher nun die Keime kommen, ist unklar. Für Daum wäre es zwar plausibel, dass das nahegelegene Sankt Vinzenz Hospital sowie der Schlachthof Tönnies ihre Abwässer der Ems zuführen und somit verantwortlich seien, möchte sich aber nicht festlegen. „Das muss die Stadt herausfinden." Tönnies jedenfalls, von dem laut Stadt im Jahr 2017 rund 28 Prozent des Abwassers kamen, weist diesen Vorwurf „scharf" zurück. „Wir betreiben mit hohem Aufwand die Behandlung des Schmutzwassers, so dass dieses, bevor es dem städtischen Teil der Kläranlage zugeführt wird, sauberer ist als das häusliche Abwasser", sagt André Vielstädte, Leiter der Unternehmenskommunikation. Außerdem belegten das Bundesinstitut für Risikobewertung wie auch das Umwelt-Bundesamt, dass Antibiotikaresistenzen ein grundsätzliches Problem in ganz Deutschland seien, das auf die Humanmedizin und die Tierhaltung zurückzuführen sei. Antibiotika oder nicht? Georg Rüter, Geschäftsführer des St. Vinzenz Hospitals, sieht das ähnlich. Zwar berichtet er, dass die Abwässer des Krankenhauses durch die Kanalisation in die Kläranlage geführt werden, sieht aber das Hospital nicht in der Verantwortung. „In den vergangenen Jahren sind die multiresistenten Keime zunehmend zur Geissel der Menschheit geworden", sagt er, was auf den inflationären Gebrauch von Antibiotika zurückzuführen sei. „Um keine Resistenz aufzubauen, sollte man sich viermal überlegen, ob bei einer Krankheit gleich Antibiotika genommen werden müssen." Um generell den Keimen in der Ems Rechnung zu tragen, wird laut Stadtpressesprecherin Maximiliane Plöger die Kläranlage bis 2021 um eine vierte Reinigungsstufe erweitert. Sie wird mit Ozon betrieben, das keimtötend wirkt und Mikroschadstoffe und somit auch Medikamente aus dem Abwasser entfernt.

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