Tanja Krois (49) ist seit 1997 als Polizistin in der Citywache an der Königstraße und damit die Dienstälteste. „Stadtsheriff" Peter Kramer (60) macht seit 17 Jahren in der Innenstadt Dienst. - © Neue Westfälische
Tanja Krois (49) ist seit 1997 als Polizistin in der Citywache an der Königstraße und damit die Dienstälteste. „Stadtsheriff" Peter Kramer (60) macht seit 17 Jahren in der Innenstadt Dienst. | © Neue Westfälische

Gütersloh Attacken auf Polizisten: „Unverschämtheit nimmt neue Formen an“

Die Polizeibeamten von der Gütersloher Citywache müssen sich jeden Tag einiges gefallen lassen

Jeanette Salzmann

Gütersloh. Der gesellschaftliche Umgangston wird rauer. Zwei, die das deutlich zu spüren bekommen, sind Tanja Krois und Peter Kramer von der Citywache. Die Polizeibeamten geben Einblick in Verbal-Attacken und die alltägliche Respektlosigkeit. Frau Krois, Herr Kramer, wir erleben nahezu täglich Schlagzeilen, dass Busfahrer beschimpft werden, Passanten angepöbelt oder Ordnungshüter unangemessen angegangen werden. Teilen Sie diese Erfahrung? Peter Kramer: Eindeutig ja. Ich habe dafür inzwischen auch nur noch eine Bezeichnung: es ist fürchterlich. Ich bin ein alter Fahrensmann, seit 43 Jahren bei der Polizei, und ich kann von mir sagen, dass ich bei diesem Thema durchaus ein Mitspracherecht habe. Die Respektlosigkeit uns gegenüber hat im Laufe der Jahre stark zugenommen. Können Sie uns einen Einblick geben? Kramer: „Ich weiß wo du wohnst. Ich werde zu dir kommen und dir den Kopf abschneiden." Es ist noch nicht lange her, als ein junger Mann mir diese Worte platt vor den Kopf gesagt hat. Ein Beispiel, an dem klar wird, wie man versucht, mit uns umzugehen. Haben Sie den jungen Mann zuvor gemaßregelt? Kramer: Weil wir massive Probleme mit Fahrraddiebstählen haben, wollte ich ihn kontrollieren . Er fuhr ein Fahrrad, was nicht zu ihm passte. Ich habe ihn angesprochen und nach meinem ersten Satz „Würden Sie bitte einmal stehen bleiben", lautete seine Antwort: „Lass mich in Ruhe, ich habe nichts gemacht. Hau ab!" Lassen Sie sich das gefallen? Kramer: Nein, aber Gespräche nehmen dann ihren Lauf. Dieser Fall hat sich an einem Samstagmittag zugetragen, die Stadt war voll und der Mann hat versucht, sich Unterstützung zu holen und Menschen gegen uns aufgewiegelt, in dem er behauptet hat, wir hätten ihn zu hart angefasst. Er hat den ganzen Markt auf dem Berliner Platz rebellisch gemacht. In solchen Momenten sind wir regelrecht verzweifelt. Das kann alles nicht wahr sein. Wie müssen wir uns Respektlosigkeit in Ihrem Alltag vorstellen? Sie kontrollieren jemanden und der antwortet dann wie? Tanja Krois: Wir hören häufig Sätze wie „Was soll das, was willst du?". „Hast du nichts besseres zu tun. Geh weg!" Dazu werden wir inzwischen permanent geduzt. Bei einer einfachen Fahrradkontrolle schafft man es häufig gar nicht bis zu einem Gespräch, weil sofort Sätze fallen wie „Sie dürfen mich gar nicht anhalten" und sofort der Griff zum Telefon erfolgt, um den Anwalt anzurufen. Da frage ich mich oft, was soll das jetzt? Kramer: Wir hören ganze Kanonaden an Schimpfwörtern. Dazu Sätze wie „Hau ab, wir wollen mit dir nichts zu tun haben." Neulich wurde nach so einem Satz eine Zigarette auf meine Uniform geschnippt. Krois: Oder man wird angespuckt.Wenn Sie ungefragt geduzt werden, duzen Sie ihr Gegenüber dann auch?Krois: Wenn ich auf diese Weise angesprochen werde, antworte ich auf gleicher Ebene. Mit dem Unterschied, dass die Personen nicht selten rebellisch werden und sich über dieses Verhalten beschweren und ausdrücklich darauf bestehen, von mir gesiezt zu werden. Wenn Sie angefeindet werden, können Sie ruhig bleiben? Kramer: Ich bin da sehr entspannt. Zugleich steht es mir aber bis hier (zeigt zur Nasenspitze). Ich gebe immer Auskunft, bleibe immer höflich. Ich mache halt meine Arbeit. Und so freundlich wie ich auf die Leute zugehe, erwarte ich im Gegenzug, dass man mit mir spricht. Das scheint schwieriger zu werden. Krois: Verbale Einsatzbewältigung haben wir Polizisten alle gelernt, aber die Unverschämtheit, mit der uns Menschen begegnen, nimmt schon neue Formen an. An vieles haben wir uns inzwischen auch gewöhnt. Können Sie ermessen, wann es begonnen hat mit diesem Respektverlust? Kramer: Das hat schleichend begonnen. So richtig fest machen kann man das nicht. Krois: Und es ist gesellschaftsübergreifend. Schauen Sie sich in den Schulen den Umgang mit Lehrern an. Da gibt es ja reichlich Parallelen. Der Ton in der Gesellschaft wird einfach rauer. Kramer: Hassmails gehören ja auch in diese Kategorie. Solche Phänomene sind ja neu. Krois: Die Polizeibehörde bekommt bisweilen wirklich böse Mails. Da bleibt einem manchmal schon die Spucke weg. Abgesehen davon, dass man Beleidigungen gegenüber Menschen grundsätzlich unterlassen sollte, finde ich es schon verwunderlich, dass man das ausgerechnet beweisfest gegenüber einer Polizeibehörde tut. Wissen die Menschen womöglich gar nicht, dass es strafbar ist, einen Polizisten zu beleidigen? Kramer: Doch, klar! Sie nehmen es also billigend in Kauf? Krois: Wenn Sie einen Lippenstift klauen und ertappt werden, passiert erstmal nicht so viel. Erst wenn Sie zum 15. Mal erwischt wurden, ändert sich die Situation. Dass heißt, ich darf Ihnen jetzt die übelsten Schimpfwörter an den Kopf werfen und kann dabei ziemlich sicher sein, dass meine verbalen Ausfälle keine Folgen für mich haben? Kramer: Je nach Art der Beschimpfung sind uns manchmal die Hände gebunden. Manchmal werden wir aber auch maßlos enttäuscht, wenn wir Vorfälle aufschreiben und andere Behörden nicht mitziehen. Krois: Nahezu alle Verfahren werden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Kramer: Die meisten Beschimpfungen bringen wir deshalb gar nicht mehr zur Anzeige. Frau Krois, erleben Sie als Frau weniger Respektlosigkeit als Ihre männlichen Kollegen? Krois: Sie zeigt sich anders. Menschen mit muslimischem Hintergrund sprechen nicht gerne mit mir als Frau und drehen sich einfach um. Ein konkretes Beispiel von Respektlosigkeit hat sich auf der Gütersloher Pfingstkirmes abgespielt. Beim Feststellen einer Personalie hat mich ein Schausteller immer wieder „Prinzesschen" genannt und mich „nach meinem Problem" gefragt. Dazu hat er seinen Arm um mich gelegt und sich auch nach Aufforderung kaum abschütteln lassen. Mein Kollege hat sich eingemischt und prompt zu hören bekommen „Was willst du denn, du W...". Hier bedauere ich im Nachhinein sehr, keine Strafanzeige gestellt zu haben. Warum haben Sie das nicht getan? Kois: In dem Glauben, man steht da mental drüber, lassen wir Polizisten uns viel gefallen. Zu viel. Herr Kramer, allein schon wegen Ihrer Körpergröße muss der durchschnittliche Bürger zu Ihnen aufschauen. Macht Ihnen das Angst, wenn Menschen derart respektlos mit Ihnen umgehen? Kramer: Nein, Angst macht mir das nicht. Es ist eher Irritation. Ich bin in vielen Situationen total überrascht, weil ich vor der Person stehe und einfach nicht damit gerechnet habe, in übler Weise angegangen zu werden. Ist es eine besondere Altersgruppe, die es an Respekt vermissen lässt, oder geht das quer durch die Gesellschaft?Krois: Es sind Ausländer genauso wie Deutsche. Es sind Junge genauso wie Alte. Da gibt es auch die Rentner, die bei einer Kontrolle schimpfen „Haben Sie nichts besseres zu tun?" Kramer: Das meiste spielt sich aber bei den jungen Erwachsenen ab. Die 25 bis 30-jährigen Männer sind schon auffällig. Inzwischen ärgern uns aber auch schon Kinder, die sich das von den Großen abgeguckt haben. Das ist zwar harmlos, gab es früher aber nicht. Haben Sie mal ein Beispiel? Kramer: Neulich ist mir auf der Moltkestraße eine Mutter mit Kind begegnet. Der Kleine sagt „Guck mal, da ist ein Polizist" und die Mutter anwortet ihm „sei bloß ruhig, sonst legt er dich noch um." Zu solchen Sätzen fällt mir überhaupt nichts mehr ein. Da bin ich wirklich sprachlos. Wenn Eltern ihren Kindern Angst machen mit der Polizei, brauchen wir uns alle nicht zu wundern. Sind die Jugendlichen unerschrockener im Umgang mit der Polizei? Kramer: Wenn wir die jungen Leute bisweilen mit ihrem Verhalten maßregeln, sprechen wir häufig vor eine Wand. Das ist aber harmlos im Verhältnis zu den Halbstarken, die uns als Fußmatte benutzen und täglich gucken, wie weit sie mit ihrem Verhalten gehen können. Das ist mühselig und anstrengend. „Wenn wir junge Leute mit ihrem Verhalten maßregeln, sprechen wir vor eine Wand"... und löst bei Ihnen als Polizist welche Gefühle aus? Kramer: Es sammelt sich wirklich eine Menge Frust an. Ich fühle mich im Dienst zu anderen Dingen berufen als diese ganzen Grabenkämpfe mit den jungen Bengels auszuhalten, die in der Clique gerne zeigen wollen, was sie mit einem Polizisten alles machen können. Nimmt die Respektlosigkeit zu, wenn Menschen Ihnen nicht alleine gegenüberstehen, sondern in einer Gruppe unterwegs sind? Kramer: Aber ja. Die Kaltschnäuzigkeit steigert sich von Satz zu Satz und geht dann bisweilen in unfassbare Größenordnungen. Wenn dann noch Alkohol im Spiel ist oder Drogen, erleben wir den menschlichen Urknall. Die Hemmschwelle einzelner Menschen sinkt bisweilen auf unter Null. Ist das Verhalten nur bei Männern zu beobachten? Krois: Bei den Mädchen und jungen Frauen auch. Das kommt nicht so oft vor, aber das gab es früher tatsächlich nicht. Es ist noch nicht sehr lange her, als mich eine 14-Jährige angespuckt und in den Unterleib getreten hat. Greifen Passanten eigentlich ein in die von Ihnen geschilderten verbale Auseinandersetzungen?Krois: Geguckt wird wird, aber dann folgt nicht selten der Griff zum Handy, um die Szene zu filmen. Dann finden wir uns bei Youtube wieder. Kramer: Manchmal greifen Leute lautstark ein, von denen ich das gar nicht erwartet hätte. Dann fallen Sätze wie „Du Rotzlöffel, hast du gar keinen Respekt?" Das tut offen gestanden manchmal ganz gut, denn ich habe ja bei vielen Auseinandersetzungen gar keinen Straftatbestand. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nichts niederschreiben. Respektlosigkeit steht nicht im Strafgesetzbuch. Was sollen wir tun? Kostet die Arbeit mehr Kraft als früher? Kramer: Der Job hat mir eine gewisse Kapazität an Nerven geraubt. Es geht nicht spurlos an einem vorbei und gewisse Auseinandersetzungen kosten viel Kraft. Ein absolutes No-Go beginnt für mich, wenn die Anfeindungen ins Private reichen. Das ist wohl bei jedem Schutzmann so, weil man sein Zuhause schützen möchte...

realisiert durch evolver group