Kein Stress, kein Meckern, kein Leistungsdruck: In der Gütersloher Schulstation lernen Kinder eine Schule noch mal anders kennen. Kimberly gehört auch dazu. Zusammen mit Sonderpädagoge Michael Pohl lernt sie, ihre Angst vor dem Schulalltag aus der Vergangenheit zu überwinden. Dabei ist längst nicht alles gut. Aber es wird besser. - © Andreas Frücht
Kein Stress, kein Meckern, kein Leistungsdruck: In der Gütersloher Schulstation lernen Kinder eine Schule noch mal anders kennen. Kimberly gehört auch dazu. Zusammen mit Sonderpädagoge Michael Pohl lernt sie, ihre Angst vor dem Schulalltag aus der Vergangenheit zu überwinden. Dabei ist längst nicht alles gut. Aber es wird besser. | © Andreas Frücht

Gütersloh Warum immer mehr Kinder Probleme mit der Regelschule haben

Die 14-jährige Kimberly hat sich auf der Regelschule nicht mehr zurechtgefunden. Sie ist kein Einzelfall. Die Zahl der Schulschwänzer nimmt deutlich zu. Viele Kinder verweigern sich komplett. Aber warum?

Jeanette Salzmann

Gütersloh. Ganz oben auf dem Zeugnis, gleich unter der Namensnennung, sind sie aufgeführt. Unter Kimberly Schmidt stehen 344 Fehlstunden. Einige davon unentschuldigt. "Stimmt gar nicht", sagt Mutter Katja, "alle Stunden sind entschuldigt. Das ging ja gar nicht anders." Wochenlang hat der Hausarzt Atteste ausgestellt, damit Kimberly "schwänzen" kann. Es scheint der einzige Ausweg. Die 14-Jährige leidet am Syndrom "Schule". Statistisch betrachtet ein Totalausfall. Menschlich betrachtet ist Kimberly verloren gegangen in einem System, das darauf beruht, dass Kinder funktionieren. Tun sie es nicht, beginnt ein Leid, das in Deutschland keinen Weg kennt. "Ich bin hier, weil ich in meiner alten Schule von meinen Mitschülern krass gemobbt wurde", erklärt Niklas (alle Namen geändert). Jan sieht müde aus und sagt nur "Ich habe mich nicht mit den Lehrern vertragen." Robert ist elf und erst seit zwei Tagen dabei. Er sagt nur: "Ich bin von der Schule geflogen." Die 17-jährige Sandra fehlt, aber alle wissen, dass sie kommen wird. Heute ist Mittwoch, und das ist der Tag an dem "Reiten" auf dem Stundenplan steht. Motivation genug, um aufzustehen. Und sie kommt tatsächlich. Mit einem Lächeln setzt sich das zierliche Mädchen an ihren Platz und erklärt: "Ich bin hier, weil ich es nicht schaffe, zur Schule zu gehen. Ich krieg mein Leben nicht zusammen." Neben ihr sitzt Kimberly. Neun Schicksale bündelt die "Schulstation" Gütersloh. Mehr als acht gehen eigentlich nicht, aber "wir wollen keinen hängen lassen", erklärt Sonderschullehrer Michael Pohl. Gemeinsam mit Kollegin Stephanie Brune-Pollak und Andreas Thumel als Sozialpädagogen begrüßt er die Kinder an diesem Morgen, verteilt Aufgaben, gibt Hilfestellungen. Die einen gehen in die Teeküche zum Lernen, die anderen bleiben im Klassenraum. Frontalunterricht an der Tafel ist eher selten. "Die Kinder sind zwischen elf und siebzehn Jahre alt", das Leistungsniveau so weit auseinander, dass jeder seinen eigenen Lehrplan benötigt. "Und sechs Stunden Unterricht am Stück sind hier ohnehin nicht möglich", sagt Pohl. An manchen Tagen reicht es schlicht, den Kindern eine Struktur zu geben. Und Geduld zu beweisen. "Beharrlichkeit ist die neue Autorität", sagt Pohl mit einem Lachen. In seinem Job ist es bitterer Ernst. "Das System der Hilfestellung müsste viel früher greifen" 5 bis 10 Prozent aller Kinder und Jugendlichen fehlen regelmäßig in der Schule. Dahinter verbirgt sich kein kurzfristiges Schulschwänzen, weil andere Dinge gerade mal wichtiger erscheinen, dahinter verbirgt sich ein systematischer Prozess. Der sogenannte Schulabsentismus bündelt die Verweigerung, Vermeidung, Angst und Phobie vor dem Lernort. Lehrer, Therapeuten und Eltern gleichermaßen sind mit der zunehmenden Problematik konfrontiert. Schulabsentismus passiert nicht plötzlich. Das Fernbleiben ist oft der Endpunkt einer sich immer mehr zuspitzenden Entwicklung. "Sie war immer schon etwas anders. Stiller als die anderen Kinder", sagt Katja Schmidt über ihre Tochter Kimberly. Aber warum auch nicht? "Aktiv im Unterricht mitmachen, das war noch nie ihr Ding." In der Grundschule ist Kimi - wie sie von allen genannt wird - unauffällig. Sie wiederholt die dritte Klasse, aber es scheint alles in Ordnung. "Sie hatte viele Freunde", schiebt Vater Mike ein. Die Schwierigkeiten beginnen mit dem Wechsel zur Sekundarschule. "Und richtig los ging es ab Klasse sechs." Bauchschmerzen, Kopfschmerzen. Abwechselnd oder gleichzeitig. "Wir haben das medizinisch alles abklären lassen", sagt die Mutter, die längst eine Ahnung hat von dem, was sich abspielt. Morgens fängt Kimberly an zu diskutieren, will nicht zur Schule gehen. Den Schulbus meidet sie, will lieber mit dem Auto gebracht werden. Auf dem Parkplatz vor der Schule mag sie den Wagen der Mutter nicht verlassen, erklärt immer wieder, dass sie da nicht hin will. Am Ende geht sie doch. "In den Pausen war ich immer alleine", Kimberly verliert ihre Freundin und weiß nicht mehr, wohin. In Englisch steht sie mangelhaft. Die Schule erscheint ihr "zu groß" und von ihrer Lehrerin erwartet sie keine Hilfe mehr. "Sie wusste Bescheid über meine Probleme, aber sie konnte mir anscheinend nicht helfen." Kimi will nach Hause. "Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern", sagt sie leise und meint diesen Tag nach den Osterferien 2017, als plötzlich gar nichts mehr geht. Im Auto vor der Schule steigt sie nicht aus. Diesmal bleibt sie sitzen. Sie diskutiert nicht mehr, sie sagt "Mama, ich will. Aber ich kann nicht." "Wir kennen hier zwei Gruppen von Schulverweigerern", sagt Michael Pohl, "die einen haben mit Spielsucht, Drogen und Alkohol zu kämpfen. Sie verlieren sich und alle Strukturen im Internet oder verbringen ihre Zeit im Umfeld von Bahnhöfen anstatt in der Schule. Die anderen kommen morgens nicht aus dem Bett." Es geht um Depressionen, Angststörungen und Störungen des Sozialverhaltens. Es betrifft Jungen wie Mädchen gleichermaßen. Etwa jedes 5. Kind hat vor der totalen Schulverweigerung körperliche Probleme. Um Versagensängste zu bekämpfen hilft Schwänzen - zumindest kurzfristig. In Wahrheit beginnt der Kreislauf. "Das System der Hilfestellung müsste viel früher greifen", reklamiert Sonderpädagoge Pohl. "Die Ärzte schreiben die Schüler krank, um ihnen Luft zu verschaffen, aber am Zustand wird nicht gearbeitet." Ginge es nach Pohl, würde jeder Arzt nach der zweiten Krankschreibung zum Hörer greifen und die Schule informieren, um mal nachzufragen, was da läuft. Vernetzung ist wichtig im Kampf gegen Schulabsentismus. "Wie oft haben wir erlebt, dass jeder wieder von vorne anfängt zu puzzeln." Eltern, Ärzte, Lehrer, Sozialeinrichtungen, Jugendämter. "Schulverweigerung chronifiziert", weiß der langgediente Pädagoge. Was sich über vier Jahre eingeschliffen habe, brauche acht Jahre, um wieder zu seiner Ursprungsform zurückzufinden. "Da ist kein Knopf am Kind, den man drücken könnte. Das Problem kriegt man nicht mal eben wieder gedreht." "Wir mussten die Türzargen ausbauen." Im Dezember letzten Jahres folgt Kimberly dem Rat der Ärzte und geht in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Acht Wochen lang verbringt sie dort. Anlass der Aufnahme ist der Schulabsentismus seit einem halben Jahr. Es soll geklärt werden, ob Depressionen oder andere Faktoren eine Rolle spielen. An den Wochenenden darf sie nach Hause. "Die Rückfahrten am Sonntagabend waren anfangs die Hölle", sagt Katja Schmidt. Kimberly will nicht aussteigen. Vorher schließt sie sich zuhause im Bad ein. "Wir mussten die Türzargen ausbauen. Es war einfach nur schrecklich, aber wir mussten hart bleiben", sind sich die Eltern sicher. Sorgen, Vorwürfe, Ängste - die Familie erlebt in diesen Wochen das gesamte Spektrum emotionaler Ausschläge. Mike Schmidt: "Man ist mit den Nerven einfach fertig." "Wir suchen hier nach Lösungen, die es eigentlich nicht gibt", sagt Michael Pohl mit Blick auf seine Schüler. Sie alle sind irgendwie durchs Raster gefallen. Niklas hat von seiner Stammschule ein Abschlusszeugnis erhalten. Die Schulzeit ist ausgereizt, ein Abschluss nicht erbracht. "Und er kann viel zu wenig", die Arbeitsagentur stuft ihn als "nicht ausbildungsfähig" ein. Das Team der Schulstation setzt derzeit alles daran, den Abstimmungsprozess mit allen Behörden und Beteiligten zu forcieren und Hilfen einzurichten. Dann hätte der 17-jährige eine Chance, ein Jahr in der Schulstation zu bleiben, "damit wir ihn stabilisieren, sein Selbstwertgefühl stärken und ihn auf den Übergang auf eine andere Schule vorbereiten können. Sonst steht er auf der Straße." Wie kann es passieren, dass ein Kind an einer Regelschule in eine solche Situation gerät? Pohl winkt ab. "Diese Frage kostet nur Nerven. Wir gucken hier lieber nach vorne."Auch für Sandra muss eine Perspektive gefunden werden. Eine Gütersloher Gesamtschule ist bereit, dabei zu helfen. Sandra weiß, sie muss jetzt lernen, ihr Leben "zusammenzukriegen", morgens aufzustehen und die Bettdecke nicht mehr über die Ohren zu ziehen, um das Leben auszusperren. Sandra lebt bei ihrem Vater. Er kann ihr nur begrenzt helfen. Er ist an Krebs erkrankt. "Schulverweigerung geht durch alle Schichten", weiß Michael Pohl. Seit elf Jahren arbeitet er in der Schulstation, eine Kooperation der Jugendhilfe Bethel und der Hermann-Hesse-Förderschule - ein multiprofessionelles Team. Kinder aus dem gesamten Kreis Gütersloh werden hier aufgenommen. "Wir sind die, die ins Spiel kommen, wenn alle anderen nicht mehr weiter wissen", erklärt Michael Pohl. Die Finanzierung läuft über das Jugendamt; ohne die Spenden, die Bethel erhält und beisteuert, wäre die Maßnahme nicht möglich. "Im Ursprung sollten hier Schüler betreut werden mit besonderen Bedarfen. An Schulabsentismus haben wir am Anfang gar nicht gedacht." Erst als Pohl auf einer Fortbildungsmaßnahme vom Problem der Schulverweigerung in allen Facetten erfährt, entwickelt sich die Station. Ein Klassenraum, eine Teeküche, ein Lehrerbüro - in der Englischen Straße Nummer 11 befindet sich vermutlich die kleinste Schule in Gütersloh. "Es ist alles sehr familiär hier", und das ist auch gewollt. Die Kinder sollen ankommen - möglichst pünktlich - und sich wohl fühlen. "Alle müssen an Schule wieder herangeführt werden. An Anforderungen, ans Lernen, an schulische Perspektiven." Zwischendurch immer wieder Krisenintervention und Problembewältigung. "Wir sind hier alles in einer Person", und so verwundert es nicht, wenn Pohl versehentlich auch mal mit "Papa" angeredet wird. "Es wurde viel geredet mit den Lehrern. Aber es ist nichts passiert" Kimberly kommt pünktlich. Mit dem Taxi wird sie aus Versmold abgeholt. Sie mag den Schulstationshund "Bobby" von Frau Brune-Pollak, liebt die Reitstunden und sogar Mathe. "Aber das war nicht von Anfang an so", erinnert sich Michael Pohl. Als Kimi im Februar an der Schulstation ankommt, weigert sie sich, in die Klasse zu gehen. Stattdessen setzt sie sich in die Teeküche nebenan. Stundenlang. Tagelang. "Das ist okay", jeder erhält die Zeit, die er braucht...

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