Mit dem aktuellen Modell: Rainer Horstmann und sein Derenville Modulaire. Links vorne ist der Antrieb eingebaut, der Tonarm bewegt sich tangential auf einem Schlitten. Falls Horstmann die Wehmut überkommt, kann er die Schallplatte mit dem Gütersloher Nachtsanggeläut auflegen, eine LP, die er einst selbst produziert hat. - © Ludger Osterkamp
Mit dem aktuellen Modell: Rainer Horstmann und sein Derenville Modulaire. Links vorne ist der Antrieb eingebaut, der Tonarm bewegt sich tangential auf einem Schlitten. Falls Horstmann die Wehmut überkommt, kann er die Schallplatte mit dem Gütersloher Nachtsanggeläut auflegen, eine LP, die er einst selbst produziert hat. | © Ludger Osterkamp

Gütersloh Gütersloher baut teuersten Plattenspieler der Welt

Ludger Osterkamp
03.06.2017 | Stand 03.06.2017, 14:20 Uhr

Gütersloh. So ist das manchmal mit den Zahlen. Einmal gesagt, kriegt man sie nicht mehr eingefangen. Rainer Horstmann hat mal einen Plattenspieler gebaut, von dem er fand, der war noch gar nicht fertig. Doch Koreaner, Chinesen, Amerikaner, sie wollten das Gerät unbedingt kaufen. Irgendwann war Horstmann es leid. Um seine Ruhe zu haben, nannte er eine Zahl, von der er hoffte, sie würde jegliches Interesse ein für allemal ersticken: 500.000 Euro. Leider hat die Sache nicht funktioniert. Statt die Leute abzuschrecken, lockte sie sie vielmehr an. Und Horstmann gilt seither als jener, der den „teuersten Plattenspieler der Welt" erfand. Der 67-jährige Tüftler kann über diese Geschichte inzwischen lächeln. 2011, vor sechs Jahren, spielte sie sich ab, und sein „Derenville VPM 2010" steht nach wie vor bei ihm zu Hause. „Er ist noch immer nicht fertig", sagt Horstmann, „wird er vielleicht auch nie." Er brauche das Gerät. Es dient ihm als technische Basis, um Neues auszuprobieren. Für den gebürtigen Gütersloher ist der angeblich teuerste Plattenspieler der Welt im Grunde nur eine Werkbank. Horstmann ist Medientechniker mit Maschinenbaustudium und einer welligen Vita hinter sich. Man könnte dazu neigen, ihn als harmlosen Tüftler abzutun, der mit Rumschrauben die müßige Zeit seines Ruhestands verbringt. Doch das wäre ein Irrtum. In Wirklichkeit ist er ein Selbstständiger, den die Fachwelt ernst nimmt. Was er da in seinem Heimbüro erdenkt und in der Garagenwerkstatt zurechtfräst, verschafft ihm erstaunliche Aufmerksamkeit. Auf der High End vor drei Wochen in München – Europas größte Messe für hochwertige Unterhaltungselektronik – zählte sein Stand zu den umlagertsten. Die Hifi Tunes, Branchenmagazin der deutschsprachigen Hifi-Szene, widmete ihm in der jüngsten Ausgabe einen zwölfseitigen Artikel, den es mit „extremem Maschinenbau" betitelte. Für Menschen, die auf Vinyl stehen, bietet Horstmann das Maximum. Sonopress holt Maschine aus dem Keller „Ich bin jemand, der an der Nadel hängt", sagt er. Davon gebe es immer mehr. Jährlich, und das seit gut zehn Jahren, wachse der Schallplattenmarkt um 25 bis 30 Prozent. Studios, die jahrelang nur CDs veröffentlicht hatten, bringen plötzlich wieder Platten heraus, Künstler, denen es reichte, gestreamt zu werden, wollen sich wieder auf Vinyl sehen. Selbst die Bertelsmann-Tochter Sonopress hat unlängst ihre alte Pressmaschine aus dem Keller hochgeholt – wenn auch nur aus Jux und wegen der Neugier einiger Ingenieure, die wissen wollten, ob es das Schätzchen überhaupt noch täte. Erkenntnis: Tut es. Selber pressen will Bertelsmann jedoch nicht, die Auflagezahlen reichen nicht. Man überlässt kleineren Firmen wie Pallas in Diepholz oder Optimal Media in Röbel an der Müritz den Markt. Bei denen boomt es. „Unser Ohr funktioniert analog", sagt Horstmann. „Digitale Aufnahmen zu hören, ist unnatürlich." Vor 15 Jahren hatte ein Magazin-Artikel ihn angefixt, er staunte damals über die Widerstandsfähigkeit dieses klein gewordenen Marktsegmentes, die Summen, die dort gezahlt wurden, den Aufwand, den manche Leute betrieben, um mit ihren Laufwerken, Tonarmen und Abnehmern die Grenzen der Schallplattenwiedergabe auszuloten. Horstmann, lange Jahre Inhaber Betreiber eines Tonstudios, wollte auch so einen Apparat bauen. Er liebte es, Eva Cassidy, Clannad oder Bert Kaempfert auf LP zu hören, genoss den Klang aus seinen Revox-Verstärkern und den Tannoy-Canterbury-Boxen, doch vielleicht entging seinem feinen Gehör ja doch noch etwas? Horstmann besorgte sich eine Deckel-FP2-Fräsmaschine mit nachträglich eingebautem Digitalsteuer- und Messgerät, füllte damit eine Hälfte der Doppelgarage aus und baute seinen Derenville VPM-2010 ohne Kompromisse und mit allem Zipp und Zapp. Vier Jahre brauchte er dafür. Um den Kasten ans Laufen zu bringen, hatte er sich zwei Elektroniker dazu geholt, Hifi-Junkies wie er: Johannes Gremme und Dr. Hans-Bernhard Bröcker. Sie hauchten dem Laufwerk Leben ein. Vergleichbares hatte die Welt bis dahin weder gesehen noch gehört. Der 120 Kilo schwere Koloss, auf vier luftgefederten Standbeinen ruhend, zog trotz ästhetischer Fragwürdigkeit – „das Design war das letzte, worüber ich mir Gedanken gemacht hatte" – bei einem Analog-Forum 2011 derart die Blicke auf sich, dass Horstmann fortan keine Ruhe mehr fand. Zuvor unlösbares Problem gelöst Aber er selbst gab auch keine. Er entwickelte Nachfolgegeräte, neue Laufwerke, zuletzt die Antriebseinheit Derenville Modulaire. Dessen 20 bis 35 Kilo schwere Plattenteller, bestehend aus Schichten von Corian, Aluminium und Messing, sind magnetgelagert: Sie schweben. Horstmann hatte das Problem gelöst, auf das andere Hersteller zuvor keine Antwort gefunden hatten: Durch das Einarbeiten von Mu-Metallscheiben in den Teller bekam er das Magnetfeld derart abgekapselt, dass selbst der empfindliche Tonabnehmer beim Abtasten keine Reaktionen mehr zeigt, nicht mal mehr die kleinste. „Man könnte einen Kompass dranhalten, er würde nicht reagieren", sagt Horstmann. Für die Seitenführung des Tellers verwendet er zwei Kugellager und eine Technik, die ihm unlängst Hausbesuch eines Entwicklungsingenieurs von FAG (Schaeffler-Gruppe) bescherte, der sich diese Sache mit der maximalen Laufruhe mal näher ansehen wollte. Parallel entwickelte Horstmann Weiteres: Er konstruierte einen tangentialen Tonarm, der auf einem Schlitten in stetem 90-Grad-Winkel von außen zur Plattenmitte fährt – so weit, so gewöhnlich. Das Besondere an seiner Erfindung: Sie schafft es, die natürliche Schiefstellung der Nadel beim Abspielen einer Platte zu korrigieren. Der Problem, Spurfehlwinkel genannt, resultiert daraus, dass die Platte eine Spirale ist und die Nadel den gesamten Tonabnehmer inklusive Arm hinter sich herziehen muss. Führt dieser Mechanismus bei herkömmlichen Radialtonarmen zu einem Neigungswinkel von zwei bis fünf Grad, gelingt es dem Horstmann’schen Tangentialtonarm, den Fehlwinkel unter ständiger Justierung durch eine Laser-Steuerung fortlaufend auf ein nicht mehr wahrnehmbares Maß zu korrigieren. Der eingebaute Mess-Laser aus der Schweiz, laut Horstmann der kleinste der Welt, registriert und behebt Abweichungen ab fünf Tausendstel Millimeter. Die Schiefstellung damit ausgeschaltet zu haben, bringt eine Reihe von Vorteilen: Die Schallplatte bleibt unbeschadet, weil ihre äußeren Rillenflanken nicht mehr stärker als die inneren belastet sind, die Nadel hält länger, und man hört – sofern man über ein Gehör wie Horstmann verfügt – nicht mehr diese störenden Zischgeräusche, etwa, wenn Scott McKenzie sein „San Francisco" singt. Circa 200.000 Euro hat Horstmann in seine Entwicklungen gesteckt, von Zeit gar nicht zu reden. Inzwischen, das beruhigt ihn und auch seine Frau Irene Derenville (richtig, die Namensgeberin), verzeichnet er erste Einnahmen. Besonders gut verkauft sich die Auflagematte für den Plattenteller, eine reißfeste, spülmaschinentaugliche Matte, auf die ihn ein Mediziner aus den Niederlanden gebracht hatte. Dort kleiden sie mit dem Zeug die Schubläden für das sterile OP-Besteck aus. Bestehend aus 0,4 Millimeter Silikon mit einem Kern aus Glasfiber, ruht die Schallplatte wunderbar haftend obenauf; wie ein Fusselroller für Textil nimmt die Matte sogar den Staub von der Platte auf. Überprüfung mit dem Stethoskop Auch die Antriebseinheiten (Motordosen) für die Laufwerke, deren Gehäuse eine Werkstatt für Behinderte fertigt, verkauft er separat. Dass die Motoren keinen Mucks von sich geben, das überprüft Horstmann zur Not mit dem Stethoskop. Eine Steuerung per Tablet oder Smartphone ist ohnehin allen Geräten eigen. Wer möchte, kann sie mit einem Aufwachmodus programmieren, auf dass sich der Plattenteller alle 72 Stunden für zwei Minuten dreht, damit das Lager schön geschmiert und der Riemen geschmeidig bleibt. Seine Laufwerke (Plattenspieler) baut er dagegen nur auf Bestellung. „Das sind alle Unikate. Serienproduktion will ich nicht." Bei einer Bauzeit von mehreren Wochen seien vier bis fünf Laufwerke pro Jahr realistisch. Aus seinem 2011er-Prototyp hat Horstmann inzwischen einige Nachfolgegeräte entwickelt, auch solche, die bezahlbar sind. Den „Derenville Modulaire", jüngstes Produkt aus seinem Hause, gibt er für rund 35.000 Euro ab, je nach Ausstattung, den Tangential-Tonarm für 39.000 Euro. Keine Schnäppchen, gewiss. Aber es gebe genügend Vinyl-Freunde auf dieser Welt, die zahlen solche Preise. Erst dieser Tage habe jemand aus dem schweizerischen Luzern angerufen und sich nach dem Erstling erkundigt, ob der denn inzwischen zu kaufen sei. Horstmann sagte, er habe am Telefon gelächelt und abgewunken: Nein, der sei noch immer nicht fertig.

realisiert durch evolver group