Befasst sich mit einem heiklen Thema: Karl Beine, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie.
Befasst sich mit einem heiklen Thema: Karl Beine, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie.

Gütersloh Bis zu 21.000 Tote: Ehemaliger Gütersloher Klinikleiter legt Studie über Patiententötungen vor

Der ehemalige Gütersloher Klinik-Chef Karl Beine legt ein Buch vor, das sich mit Tötungsserien in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen beschäftigt. Dass ihm Sprecher des deutschen Gesundheitssystems Panikmache vorwerfen, überrascht ihn keineswegs

Ludger Osterkamp
01.04.2017 | Stand 01.04.2017, 20:24 Uhr

Gütersloh. Der ehemalige Gütersloher Klinikleiter Karl Beine hat massive Kritik über seine Studie zu Patiententötungen einstecken müssen. Beine hatte behauptet, in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen stürben deutlich mehr Patienten durch die Hände von Pflegern oder Ärzten als bisher angenommen. Nach seiner empirischen Schätzung könnte es pro Jahr zu 21.000 Tötungen kommen. Ärztekammer, Krankenhausgesellschaft und andere Verbände werfen Beine Panikmache vor. Beine befasst sich seit seiner Zeit in Gütersloh mit dem Thema Patiententötungen. Anlass war der Fall des Krakenpflegers L., der auf einer Station der Westfälischen Klinik zehn Menschen durch Luftinjektionen getötet hatte. Beine kannte sowohl den Pfleger als auch einige seiner Opfer. Er hat seither drei Bücher zu dem Thema veröffentlicht. Das jüngste präsentierte er Anfang der Woche, es trägt den Titel: "Tatort Krankenhaus: Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert" (Droemer). Mit einem Team von Mitarbeitern hatte Beine einen Fragebogen an Ärzte und Pfleger in ganz Deutschland geschickt. Zwei der Fragen lauteten: "Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?" Und: "Haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten schon einmal von einem oder mehreren Fällen gehört, bei denen an Ihrem Arbeitsplatz das Leiden von Patienten aktiv beendet wurde?" Kritik an Beines Ergebnissen Aus den Ergebnissen der Befragung (5.000 Rückläufe) gelangte Beine zu der empirischen Schätzung, dass es in Krankenhäusern zu 14.461 und in Heimen zu 6.857 Tötungen kommt. "Hirnrissige und unverantwortliche Panikmache" kommentierte Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, diese Zahlen. "Völlig unseriöse Behauptungen" nannte sie Thomas Reumann, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte, er hoffe, dass die Zahlen zu hoch seien und warnte davor, einen ganzen Berufsstand unter Generalverdacht zu stellen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hielt Beine eine "billige Semantik" vor. Im Gespräch mit der NW sagte der Autor, ihn überrasche nicht, dass manche Seiten Kritik an der Studie äußerten. "Ich habe keineswegs nur mit Beifall und Schulterklopfen gerechnet. Es gibt einigen Änderungs- und Handlungsbedarf auf diesem Gebiet. Wenn die Studie in dieser Hinsicht etwas bewegen kann, hätten wir etwas erreicht." Politiker erkennen Handlungsbedarf Im Übrigen habe er auch positive Stellungnahmen gehört. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Montgomery, habe sich zurückhaltender als Windhorst geäußert, und auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, habe den Handlungsbedarf erkannt, der sich aus den Inhalten der Studie ergebe. Letztlich, so Beine, sei es ohnehin unerheblich, ob man von 100 oder 1.000 Tötungen rede. "Die Zahlen sollten nicht den Blick auf die eigentlichen Aussagen der Studie verstellen. Erstens: Bei Patiententötungen handelt es sich nicht, wie oft behauptet, um Einzelfälle. Zweitens: Es gibt Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen." Vor allem gehe es darum, den Berufsalltag anders zu gestalten, die Pfleger und Schwestern zu entlasten. "Dass eine Krankenschwester durchschnittlich weniger als zehn Jahre in ihrem Beruf verweilt, sollte uns allen ein Warnsignal sein." In Deutschland seien in den vergangenen Jahren etliche Tötungsserien bekannt geworden. Die bekannteste: Niels H. in Delmenhorst und Oldenburg. Dennoch, so Beine, werde weiter so getan, als handele es sich um Einzelfälle. "Davor kann ich nur warnen. Das ist an der Realität vorbei." Beine spricht von einem "großen Dunkelfeld", und das habe seine Ursachen: In Krankenhäusern und Heimen werde viel gestorben, da dauere es lange, bis ein Kollege argwöhnisch werde. Dem Pflegepersonal unterstelle man zunächst grundsätzlich, dass es den Patienten schützen wolle. Ihn zu töten, dieser Gedanke liege daher so fern. Krankenhäuser an Gewinn orientiert Problematisch, so Beine, sei auch eine dürftige "Fehlerkultur": Vorgesetzte bezichtigten den, der einen Verdacht äußere, schon mal des Denunziantentums. In manchen Häusern mangele es zudem an Bereitschaft, sich zu Fehlern zu bekennen. "Man befürchtet Wettbewerbsnachteile." Auch das Folge des immensen Kostendrucks. Dass sich Krankenhäuser als gewinnorientiertes Unternehmen begriffen, statt sich vorrangig dem Gemeinwohl verpflichtet zu sehen, habe Auswirkungen auf die Personalsituation, den Zeitdruck, die Mitarbeiterbelastung. Beine: "Krankenhäuser sollten verpflichtet werden, statt einer schwarzen Null Behandlungsqualität abzuliefern." Die Fokussierung auf die Kostenfrage spiele eine Rolle dabei, dass sich jene, die sich um die Patienten kümmern, ebenfalls in ihrer Arbeit entwertet fühlen. In Sonntagsreden hörten sie wohlfeile Worte, montags bis samstags drücke sich das an keiner Stelle aus. Überfordert zu sein, sich in einer unerträglichen Situation zu sehen, führe im schlimmsten Fall zu einer projektiven Identifikation: Die Täter verwischen die Grenzen zwischen eigenem und fremdem Leiden. Sie glauben zu wissen, was das Beste für den Patienten ist. Und dann schaffen sie dem Patienten - und damit ihrem eigenen Leiden - ein Ende. Potenzielle Täter auszumachen, ihnen beizustehen, müsse Bestandteil des Krankenhausalltages werden. "Früherkennungsmechanismen" nennt er das: Neigt der Mitarbeiter zu Zynismus, flüchtet er in die innere Emigration, verroht seine Sprache? Kollegen und Leitung müssten in die Lage versetzt werden, solche Signale zu erkennen; eine zeitliche Entlastung sei nicht der schlechteste Weg, derlei zu erreichen. Sein neues Buch enthalte Vorschläge dafür. Von den kritischen Stimmen irritieren lasse er sich nicht, so Beine. "Ich plane weitere Veröffentlichungen. Das Thema bietet genügend Forschungsansätze." Den Kritikern wünsche er, dass sie sich an weniger an Zahlen denn an realen Arbeitsbedingungen rieben. Dass just dieser Tage in Rheinland-Pfalz ein Altenpfleger inhaftiert wurde, zeige, wie aktuell das Thema sei.

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