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Beleuchtet und begehbar: Eine Glasplatte deckt historische Pfostenlöcher ab. Sie stammen aus einer Zeit, als es noch keine Fachwerkbauten gab. Helga Mertens (l.), Hans Mertens und Brunhilde Kohls machen möglich, dass man sie sich ansehen kann. - © Patrick Menzel
Beleuchtet und begehbar: Eine Glasplatte deckt historische Pfostenlöcher ab. Sie stammen aus einer Zeit, als es noch keine Fachwerkbauten gab. Helga Mertens (l.), Hans Mertens und Brunhilde Kohls machen möglich, dass man sie sich ansehen kann. | © Patrick Menzel

Gütersloh Güterslohs Ur-Keller zu besichtigen

In wenigen Tagen ist die Sanierung des Fachwerkensembles Am Alten Kirchplatz abgeschlossen

Ludger Osterkamp
16.01.2017 | Stand 16.01.2017, 10:37 Uhr

Gütersloh. Brunhilde Kohls hält nichts davon, die Leute mit Zahlen zu überfüttern. "Dönekes, Kuriositäten, lebendig erzählte Geschichten, so etwas kommt viel besser an", sagt Kohls. Und so steht die zertifizierte Stadtführerin im Keller eines uralten Hauses am Kirchplatz, hüpft auf einer Glasplatte herum und freut sich, erzählen zu können, dass dieses Glas aus derselben Gelsenkirchener Werkstatt wie jenes auf dem 1.200 Meter hohen gläsernen Skywalk über dem Grand Canyon kommt. "Der Small Canyon von Gütersloh" kalauert Hans Mertens schlagfertig dazu. Der Architekt und Diplom-Ingenieur ist Besitzer des Hauses Am Alten Kirchplatz 11, jenes Gebäudes, unter dessen Sockel ein Grabungsteam im Sommer die Pfostenlöcher eines Baus aus dem 12. Jahrhundert freigelegt hatte; die Pfostenspuren gelten seither als Zeugnisse des ältesten Gebäudes der Stadt, älter noch als die Fundamentreste von Turm und Chor der als St. Pankratius errichteten ersten Kirche Güterslohs von 1201. Die Glasplatten, auf denen Mertens und Kohls stehen, decken vier Pfostenlöcher ab. Sie sind in Metallleisten eingefasst, beleuchtet und erlauben einen Blick auf dieses historische Bauzeugnis. Von Frühjahr an wird es den Güterslohern möglich sein, diesen Blick zu genießen: Kohls, 2011 mit dem Tourismuspreis des Verkehrsvereins ausgezeichnet, wird Besuchergruppen in den Keller führen dürfen. Der Gang die Treppe hinunter, die Besichtigung der Pfostenspuren sowie von Mauerresten des historischen Kirchhofes werden der Höhepunkt ihrer Führung sein. Es ist die erste der vielen themenorientiert ausdifferenzierten Stadtführungen, die sich ausschließlich mit dem Alten Kirchplatz beschäftigt, der Keimzelle dieser Stadt. "Der historische Kern gibt genug Geschichten für eine eigene Führung her", sagt Kohls. In ihrer Vorbereitung unterstützt von Stadtarchivar Stephan Grimm und vom Stadtarchäologen Johannes W. Glaw, weiß sie viel darüber zu berichten. Dass die ältesten Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert stammen, dass sie sich aus Speichern entwickelten, die sich einst unter dem Schutz der Kirche anordneten, dass manche mit reichen Schnitzereien verziert sind - all das sind Angaben, die sie kaum unerwähnt lassen wird, aber richtig interessant werde die Führung erst durch die Geschichten und Sagen, die sich darum ranken. Kohls sagte, davon habe sie einige parat. Im Keller, beim Anblick von Güterslohs ältestem Bauzeugnis, neben roh behauenen Kellerwänden und einer Vitrine mit mittelalterlichen Keramikscherben, Tierknochen, Pferdezähnen und Bruchstücken alter Tonpfeifen, kämen sie besonders gut zur Geltung. Die Mertens GbR, bestehend aus Hans, Helga und Saskia Mertens, stellt ihr Haus gerne für diesen Zweck zur Verfügung. Ende des Monats werde man die Sanierung des alten Ensembles abgeschlossen haben, zu dem die Häuser Am Alten Kirchplatz 11, 10 und Berliner Straße 2 gehören. Alle drei stehen unter Schutz, ihre Sanierung wurde eng mit dem städtischen Denkmalpfleger Ulrich Paschke und Dr. Barbara Pankoke von der westfälischen Denkmalbehörde in Münster abgestimmt. Begonnen im Februar 2016, hat es ein Jahr gedauert, das Ensemble zu sanieren. Die drei Häuser sind untereinander verschachtelt, wer vom Kirchplatz aus durch die Eingangstür tritt, hat Mühe, die Orientierung zu behalten. Manche Wohnungen gehen unmerklich von einem ins andere Haus über, Treppen und Stiegen schaffen weitere Verbindungen, auch der Gemeinschaftsterrasse mit Blick auf die Martin-Luther-Kirche ist es völlig egal, über welches der Dächer sie sich erstreckt. 850 Quadratmeter umfasst das Ensemble, sie verteilen sich auf neun Wohnungen unterschiedlichen Zuschnitts (zusammen 500 Quadratmeter) sowie auf die Eisdiele und auf einen kleinen, noch zu beziehenden Laden im Erdgeschoss des Hauses 11. Hans und Helga Mertens sind froh und dankbar, dass die Sanierung geglückt ist. Manches sei baulich schwierig und ohne das Entgegenkommen der Behörden kaum zu lösen gewesen. "Aber darin sind wir uns alle einig: Was nützen Denkmäler, wenn sie leer stehen und verfallen?" Güterslohs Keimzelle bewohnbar zu halten, sei ihnen ein Herzensanliegen, so Mertens. "Und am liebsten so, dass es für die nächsten Jahrhunderte reicht."

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