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Anna-Maria Zimmermann posiert auf dem Berliner Platz in der Gütersloher Innenstadt. - © Patrick Menzel
Anna-Maria Zimmermann posiert auf dem Berliner Platz in der Gütersloher Innenstadt. | © Patrick Menzel

Gütersloh/Rietberg Anna-Maria Zimmermann besucht ihren Geburtsort Gütersloh

Die Schlagersängerin spricht im Interview über ihre Karriere, den Bezug zur Heimat, ihre Zeit bei DSDS und ihren Schicksalsschlag vor sechs Jahren

Johannes Hülstrung
12.08.2016 | Stand 31.08.2016, 13:44 Uhr

Gütersloh/Rietberg. Zehn bekannte Persönlichkeiten verraten in der neuen Interview-Reihe der NW, was sie mit ihrer Geburtsstadt verbindet. Schlagersängerin Anna-Maria Zimmermann ist ihr zumindest räumlich am nächsten. Im Interview erklärt die Ex-DSDS-Kandidatin, was Gütersloh für sie bedeutet und wie sie heute mit den Folgen des dramatischen Helikopterabsturzes umgeht. Frau Zimmermann, was bedeutet Gütersloh für Sie? Anna-Maria Zimmermann: Hier ist meine Heimat. In Gütersloh mache ich eigentlich alles, was eine Frau so braucht, gehe shoppen oder zum Friseur. Ich habe meine Kindheit und Jugend hier verbracht. Wenn wir als Kinder von Rietberg aus dahin gefahren sind, war das ein Ausflug in die große Stadt. Gibt es besondere Erinnerungen an Gütersloh? Zimmermann: Wir waren eigentlich immer zum Shoppen oder zum Feiern in Gütersloh – also nur schöne Erinnerungen (lacht). Aber ich finde es traurig, dass mittlerweile so viele Geschäfte in Gütersloh schließen. Ihr dramatischer Absturz mit dem Helikopter bei Altenbeken ist mittlerweile schon fast sechs Jahre her. Wie sehr hat Sie der Unfall geprägt? Zimmermann: Schon ziemlich. Der Unfall ist ein Teil von mir, den ich akzeptieren muss. Aber ich habe ihn Gott sei Dank überstanden. Außer meinem Arm, der noch nicht so richtig will, bin ich wieder hundertprozentig fit – sogar fitter als vor dem Unfall. Dann haben Sie Ihren Frieden damit gemacht? Zimmermann: Der Unfall hatte auch positive Seiten. Ich verbinde viele schöne Dinge mit ihm. Er hat uns als Familie noch mehr zusammengeschweißt. In meiner Physiotherapeutin habe ich meine beste Freundin gefunden. Alles ist gut gegangen, dadurch bin ich stärker geworden. Was soll mir denn jetzt noch passieren? Der Unfall hat mir die Augen für meine Umgebung geöffnet. Davor, als 21-jähriges Mädel, habe ich nur an meinen Job, an Party und meine Freunde gedacht. Vor einigen Wochen haben Sie gestanden, dass Sie noch lange nach dem Unfall tablettenabhängig waren. Zimmermann: Ich habe mich gewundert, dass alle so überrascht waren. Leute, was glaubt ihr denn? Dass ich nach so einem Unfall aus dem Bett aufstehe, nach Hause gehe und nichts mehr nehmen muss? Ich war vollgepumpt mit Medikamenten! Sonst hätte ich mein Leben gar nicht wieder starten können. Das war unfassbar, von Morphium über Lyrica bis zu Betablockern, alles hoch dosiert. Einfach, um diese Schmerzen auszuhalten. Ein dauerhafter Schmerz schlägt auf die Psyche. Es gibt Menschen, die werden depressiv, liegen in der Ecke und können mit ihrem Leben nichts mehr anfangen. Um das zu verhindern, wurde ich mit Tabletten eingestellt, und das jahrelang. Die Tablettenabhängigkeit wurde bestätigt? Zimmermann: Wenn ich in den Urlaub gefahren bin, habe ich überlegt: Wie viele Tage bin ich weg, so viele Tabletten brauche ich am Tag, kurz mal ausrechnen, nimm mal doch lieber 20 Tabletten mehr mit. Da kann man definitiv von einer Abhängigkeit sprechen. Haben die Ärzte Ihnen beim Weg aus der Abhängigkeit geholfen? Zimmermann: Ich musste den Ärzten immer wieder sagen, irgendwann muss das ja auch einmal zu Ende sein. Das hat mich geärgert. Ich wusste gar nicht, ob ich die Tabletten überhaupt noch nehmen musste. Da wurde ich im Stich gelassen. Die Ärzte sagten: Ach, Sie sind gut eingestellt, sehen gut aus und fühlen sich gut, nehmen Sie das mal weiter. Aber es kann ja nicht gut für den Körper sein, ein Leben lang Tabletten zu nehmen. Und vorher musste es mir echt schlecht gehen, bevor ich überhaupt mal eine Ibuprofen nahm. Wie lief der Entzug? Zimmermann: Gut. Ich habe die Tabletten abgesetzt, war eine Woche ein bisschen schlapp, habe mir Ruhe angetan, auf Sport verzichtet. Jetzt bin ich komplett frei. Ich habe immer noch Schmerzphasen, aber die hatte ich auch mit den Tabletten. Gut, dass dieses Kapitel in meinem Leben vorbei ist. Ein weiteres abgeschlossenes Kapitel Ihres Lebens ist die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar", die Sie 2005 bekannt machte. Zimmermann: Erst kürzlich habe ich meine ganzen DSDS-Magazine aus dem Schrank geholt. Zur Hochzeit meiner guten Freundin Carolina Escolano, die ich bei DSDS kennengelernt habe, habe ich ein riesiges Paket vorbereitet und brauchte noch ein altes Bild von uns. Ich habe diese Magazine durchgeblättert und mir gedacht: Gott, waren wir jung! Bereuen Sie die DSDS-Zeit? Zimmermann: Überhaupt nicht. Manche Kollegen von damals wollen die Zeit ja komplett ausblenden. Das finde ich total affig. Ich stehe zu all dem, was ich bis jetzt gemacht habe. Bei DSDS habe ich hinter der Kamera wahnsinnig viel gelernt. Wie ich mit der Presse umgehe, in die Kameras gucke, Interviews führe, mich style, schminke, bewege, wie ich mein Lungenvolumen ausschöpfe. Das alles kann mir keiner mehr nehmen. Meine Mutter sagt immer, ich sei als Kind nach Köln gegangen und als junge Frau zurückgekommen. Gesungen haben Sie damals vor allem Popsongs. Zimmermann: Schlager durfte ich nicht. Ich hätte gerne eine deutschsprachige Mottoshow gehabt. Die Verantwortlichen meinten: Anna-Maria, das geht nicht, wir sind RTL, wir sind international! Ein Jahr später ging es mit Vanessa Neigert los, dann kam Norman Langen und später Beatrice Egli, die mit Schlager gewonnen hat. Haben Sie Sorge, dass DSDS den Schlagermarkt überflutet? Zimmermann: Ich bin da eigentlich ganz entspannt. Wir werden alle nicht jünger. Es muss ja etwas nachkommen. Und das sagen Sie als 27-Jährige. Zimmermann: (lacht) Ja, aber es ist so! Ruckzuck ist man 40, dann kann man sich nicht mehr gegen den Nachwuchs wehren. Alle sollen ihre Chance bekommen. Trotzdem lehne ich mich zurück. Ich habe schon ganz viele kommen und gehen gesehen. Ich gönne es jedem, aber man muss sich auch beweisen. Eine gute Stimme alleine bringt gar nichts. Die Leute müssen dich gut finden, du musst auf der Bühne gut rüberkommen, du musst Entertainer sein. Das alles hat bei mir echt lange gedauert. Entertainen müssen Sie auch bei Ihren Auftritten im Bierkönig auf Mallorca. Zimmermann: Mallorca war meine beste Schule. Da ist das härteste Publikum der Welt. Die Leute lieben oder hassen dich. Entweder jubeln sie oder werfen dir einen Bierkübel an den Kopf. Ich fühle mich da pudelwohl. Ohne Mallorca wäre ich jetzt live auf der Bühne nicht so gut. Aber es ist sicher auch ganz schön, vor Leuten zu spielen, die noch einigermaßen klar im Kopf sind. Zimmermann: Definitiv. Sechs Tage die Woche will ich nicht auf Mallorca auftreten. Ich mache das so lange, bis ich irgendwann das Gefühl bekomme, dort nicht mehr hinzugehören. Vor zwei Jahren war ich noch zweimal die Woche da, das wurde mir zu viel. Ihre Auftrittszeit um 18 Uhr ist für Mallorca ziemlich früh. Zimmermann: Letzte Saison habe ich nachts um halb drei gespielt. Da sind die Leute wirklich nicht mehr klar im Kopf. Einige wussten am nächsten Tag bestimmt nicht mehr, dass ich da war. 18 Uhr ist Kult geworden. Die Leute kommen vom Strand, haben auch schon zwei Sangria getrunken, sind aber noch klar und in einer coolen Urlaubsstimmung. Diesen Job darf mir keiner nehmen. Ich bin eben eine Partymaus. Das brauche ich einfach. Aber wieso muss es ausgerechnet Schlager sein? Zimmermann: Schlager ist in! Auf jeder Feier läuft spätestens um Mitternacht deutsche Musik. Und alle singen mit, obwohl sie überhaupt keine Schlager-Fans sind. Mit Popmusik hätte ich keine 180 Jobs im Jahr. Privat höre ich gerne Pop, aber beruflich mache ich weiter Schlager. Mit Schlager kriege ich sie alle. Bei mir vor der Bühne stehen 17-jährige Jungs, die meine kompletten Texte kennen, das ist unfassbar. Ich hätte gedacht, die hören Kollegah oder so. Aber ich bin ehrlich, international ist der Markt zu hart, um an den Start zu kommen. Helene Fischer wird es nächstes Jahr international schaffen, aber die Frau ist auch einfach ein Multitalent. Lassen Sie sich am Erfolg messen? Zimmermann: Natürlich hätte ich auch gerne wieder einen Hit. Der letzte, „1.000 Träume weit (Tornerò)", ist schon von 2009. Wir arbeiten daran, dass der nächste Song mindestens in die Top Ten kommt. Ein Hit wie Helene Fischers „Atemlos" ist auch eine musikalische Einschränkung. Zimmermann: Das ist bei mir auch schon so. „1.000 Träume" spiele ich zwölfmal die Woche, alleine auf Mallorca zweimal pro Abend. Den Song werde ich nicht mehr los. Trotzdem bekomme ich immer wieder Gänsehaut, wenn die Leute den Song schon singen, bevor ich auf die Bühne komme. Ich ärgere mich nicht, dass ich schon wieder dieses Lied spielen muss. Wann kommt das neue Album? Zimmermann: Daran arbeiten wir gerade. Ich würde es gerne noch dieses Jahr veröffentlichen. Ich weiß aber nicht, ob wir es zum Weihnachtsgeschäft schaffen oder doch erst nach der Karnevalszeit. Es bringt nichts, im November rauszukommen, wenn uns eigentlich noch fünf gute Songs fehlen. So lange habe ich zwar noch nie für ein neues Album gebraucht, aber das muss wohl einfach mal sein. Im Sommer war auch noch die Fußball-EM, da hatten alle etwas anderes im Kopf. Hätte Sie ein EM-Song gereizt? Zimmermann: Überhaupt nicht. Beim Thema Fußball sollten Frauen einfach mal die Klappe halten. Einen EM-Song von einer Sängerin braucht niemand. Das nehmt ihr Männer uns doch sowieso nicht ab. Einen Fußball-Hit müssen Mickie Krause oder Willi Herren grölen. Da halte ich mich dezent zurück. Passen Sie mit den beiden überhaupt in eine Reihe? Zimmermann: Die Mischung auf Mallorca macht es so interessant. Ich habe eine gute Stimme und ein gewisses Niveau. Dann gibt es den Entertainer, der keine Stimme hat, das aber auch zugibt. Und den, der sich eigentlich ein bisschen darüber lustig macht, wie Daniel Danger. Dazu kommt die Szene um die Ex-Pornodarstellerin Mia Julia. Die Ladys ziehen sich beim Singen auch noch aus. Aber das wird vorübergehen. Da möchte ich gar nicht mit verglichen werden. Diese Karte zeigt die zehn in Gütersloh geborenen Persönlichkeiten der NW-Serie „Unsere Promis" an ihren Wohnorten. Klicken Sie auf die Gesichter, um zu den bereits veröffentlichten Interviews zu gelangen.

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