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Noch inoffiziell, aber: Gütersloh trägt seit wenigen Tagen den Stempel Großstadt. - © Jens Reddeker/Montage: Thomas Grundmann
Noch inoffiziell, aber: Gütersloh trägt seit wenigen Tagen den Stempel Großstadt. | © Jens Reddeker/Montage: Thomas Grundmann

Gütersloh Gütersloh ist jetzt eine Großstadt – Interview mit einem Stadtforscher

Durch den stetigen Zuzug hat Gütersloh erstmals die statistisch festgelegte Schwelle zu einer Großstadt überschritten

Ludger Osterkamp
06.08.2016 | Stand 06.08.2016, 20:16 Uhr |

Gütersloh. Die Auswertung aus dem städtischen Melderegister stammt von Dienstag, 2. August, 8.32 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt zählte Gütersloh exakt 100.220 Einwohner. Gemäß einer Begriffsbestimmung, die die Internationale Statistikerkonferenz anno 1887 festlegte, ist Gütersloh damit eine Großstadt. Ein historischer Schritt. Rein rechtlich ändert sich durch den neuen Status allerdings wenig. Einer Großstadt fallen weder neue Rechte noch neue Pflichten zu, lediglich der Bürgermeister freut sich, in der Besoldung von B 7 auf B 8 zu klettern. Aber sonst? Wir sprachen mit dem Stadtforscher Walter Siebel. Vorab die Frage: Kennen Sie Gütersloh überhaupt? Walter Siebel: Ich war schon mal da, ja. Was war der Anlass? Siebel: Die Bertelsmann-Stiftung, ich habe dort Gespräche gehabt und einen Vortrag gehalten. Es ging um Wohnungswirtschaft. Wie ist Ihnen Gütersloh vorgekommen? Städtisch oder dörflich? Siebel: Ach, was sieht man schon bei solchen Anlässen? Man kommt mit dem Zug, steigt in ein Taxi, betritt ein Gebäude, sitzt den ganzen Tag rum und fährt abends wieder. Sicher, die Bertelsmann-Stiftung ist durch ihre Bedeutung etwas, das großstädtisch ist, insofern nimmt man durchaus einen gewissen Eindruck mit. Aber was das Gütersloher Stadtleben betrifft, dazu kann ich wahrlich nichts sagen. In einer Stadt zu leben, die mehr als 100.000 Menschen zählt und sich Großstadt nennen darf - wie verändert das die Einwohner? Siebel: Der Titel Großstadt ist etwas, das Selbstbewusstsein stärken kann, aber ein kleines Dorf wie Oberammergau kann sich darauf berufen, sogar global bekannt zu sein. Es gibt Orte, die erreichen die Einwohnergröße nicht oder nur knapp, sind aber über ein kulturelles oder wirtschaftliches Merkmal so bekannt, dass sie sich großstädtisch fühlen. Schwetzingen mit seinen Festspielen oder Ingolstadt oder Wolfsburg mit ihren Autowerken fallen mir da ein. Für das Selbstverständnis der Bewohner spielt die reine Einwohnerzahl also keine herausragende Rolle? Siebel: Größe ist ja was Relatives. Mit 100.000 Einwohnern wäre Gütersloh im Mittelalter als furchterregender Moloch empfunden worden, Köln, die größte Stadt, hatte nur 40.000. Und heute? Statistisch mag Gütersloh das Kriterium einer Großstadt erfüllen, verglichen mit Tokio oder New York ist es winzig. Weimar hatte zur Goethe-Zeit 7.000 Einwohner, und doch war es das kulturelle Zentrum Deutschlands, mit einer Ausstrahlung auf ganz Europa. Also nur eine statistische Zahl, die nichts verändert? Siebel: So würde ich das nicht sagen. Die Einwohnerzahl ist durchaus ein Kriterium für die Lebensqualität der städtischen Bevölkerung. Hält man sich vor Augen, dass jeder 1.000. Einwohner eine Gemäldeausstellung besucht, sind das in Gütersloh 100 und in Berlin 3.600. Das bedeutet: Je größer die Stadt, desto differenzierter kann ihr Kultur-, Konsum- und Freizeitangebot sein. Mit der Größe nimmt die ökonomische Tragfähigkeit auch für ausgefallene Angebote zu. Und je differenzierter das Angebot ist, desto größer die Rückwirkung auf den Geschmack des Publikums. Dadurch entsteht ein wechselseitiger, sich befruchtender Prozess der Ausdifferenzierung, der kulturellen Atmosphäre, des Angebots. Das ist wichtig für das Selbstverständnis eines Großstädters. Ist eine Stadt, die mit dem Großstadt-Label prahlen kann, auch attraktiver für Außenstehende? Ein Ansiedlungskriterium für Bürger und Firmen? Siebel: Das würde ich nicht abstreiten. Aber: Ich glaube, dass anderes entscheidender ist: Welche kulturellen Angebote macht mir diese Stadt? Welche Arbeitsplätze bietet sie? Die 100.000er-Marke ist dann vielleicht ein Signal, überhaupt erst hinzugucken, weil man mit einer Großstadt Erwartungen an ein gewisses Lebensniveau verknüpft. Für Einzelhandelsketten ist das Großstadt-Label ein Kriterium. Siebel: Stimmt schon. Es gibt konsumorientierte Unternehmen, die gehen ausschließlich in Großstädte. Aber selbst Projektgesellschaften wie ECE, die Einkaufszentren entwickeln, haben Modelle aufgelegt, die auch in Mittelstädten funktionieren sollen. Gibt es wissenschaftliche Untersuchungen über den psychologischen Effekt, den das Überspringen der 100.000er-Grenze auf seine Einwohner ausübt? Siebel: Ist mir nicht bekannt, jedenfalls nicht empirischer Art. Es gibt aber einen Aufsatz von Georg Simmel, "Die Großstädte und das Geistesleben", da entwirft er einen spezifischen Habitus, eine Mentalität des Großstädters. Simmel schreibt, dass die Fülle der Eindrücke, ihre Unüberschaubarkeit den Einzelnen überfordern und er sich deswegen gleichsam abschottet; das führe zu einer Gleichgültigkeit, Distanziertheit, Blasiertheit und einem Prozess der Abstumpfung, der zum eigenen Schutz notwendig sei. Am Ende grüßt man nicht mal mehr den Nachbarn. Teilen Sie diese Einschätzung? Siebel: Teils, teils. Gütersloh ist eine Stadt, die nicht sehr kompakt und im wesentlichen durch Eingemeindungen zu ihrer Größe gelangt ist. Ist eine solche Stadt anders zu beurteilen als eine kompakte, gewachsene? Siebel: Sicher, da existiert ein Unterschied. Bei den Eingemeindungen gibt es ja weiterhin diese lokalen Zentren, die ein großes Stück Identität auf sich ziehen. Die weisen eine sehr viel dezentralisiertere Form des Alltagslebens auf als Städte, die um einen Kern herum gewachsen sind. Die Bedeutung von Stadtteilen für das Lebensgefühl ihrer Bewohner ist nicht zu überschätzen. Wirkt sich die Größe einer Stadt auf das Zufriedenheitsgefühl seiner Bewohner aus? Gibt es dazu Studien? Siebel: Vieles in diesem Bereich ist widersprüchlich. Nehmen wir die Agglomerationstheorie. Je größer die Stadt, desto mehr Betriebe siedeln sich an, desto mehr Jobs gibt es, desto mehr Verflechtungen ergeben sich, desto mehr kulturelle und Freizeitangebote, et cetera. Auf der anderen Seite gibt es eine lange Diskussion über die Nachteile von Agglomerationen: Umweltbelastung, Verkehrsbelastung, hohe Mietpreise, Lärm, Stress und so weiter. Man hat mal versucht, über so etwas wie die optimale Stadtgröße nachzudenken, die Diskussion hat aber nie zu einem befriedigenden Ergebnis geführt. Um welche Größe ging es? Siebel: Man diskutierte über Größen zwischen 100.000 und 250.000 Einwohnern. Das Argument: Die notwendige Basisversorgung und alle Einrichtungen, die modernes städtisches Leben garantieren, sind vorhanden, die Nachteile von großen Agglomerationen aber nicht. Die Tatsache, dass Gütersloh so gewachsen ist, ist ja auch ein Zeichen, dass dieser Typus von Stadt attraktiv ist, und das beobachten wir schon lange. Die mittlere Ebene - schon Großstadt, aber noch nicht Moloch - ist das, was viele Menschen anzieht. Was sind die Hauptgründe für Zuzug? Siebel: Zuallererst ökonomische Gründe: Die Leute ziehen da hin, wo es Arbeit gibt. Und: Der Wandel zur Dienstleistungsökonomie führt heutzutage zu Firmenstrukturen, die leichter in eine Stadt integrierbar sind als etwa Bayer Leverkusen oder das VW-Werk oder große Zechen. Die Bertelsmann-Töchter sind über die ganze Stadt und den Kreis verteilt. Siebel: Sehen Sie, das meine ich. Das heißt, der Strukturwandel in der Ökonomie fördert Betriebsstrukturen, die selbst bei Konzernen verträglich sind mit Städten mittlerer Größe. Zweitens: Die Gruppen, die schon immer in Städte gezogen sind, sind zahlreicher geworden: Studenten, Zuwanderer, Alleinlebende. Und dann gibt es einen wichtigen sozialen Grund, das ist der Wandel der Rolle der Frau. Die Emanzipation hat das Wachstum der Städte gefördert? Siebel: Ganz klar. Früher konnte die Familie auf dem Dorf wohnen. Der Mann fuhr in die Stadt zur Arbeit, die Frau kümmerte sich um Kinder und Haushalt. Heute, wo beide Partner berufstätig sind, kann es kompliziert und teuer sein, außerhalb der Stadt zu wohnen. Und: Es gibt immer mehr karriereorientierte, berufszentrierte Frauen, die nun ihrerseits Entlastung von außerberuflichen Verpflichtungen brauchen. Dazu gibt es nur zwei Wege: die radikale Lösung, also der Verzicht auf Kinder, oder das Wahrnehmen von Dienstleistungsangeboten: Putzhilfe, Kita, Reinigungsbetrieb. All das lässt sich in der Stadt leichter finden als auf dem Land. Manche nennen das die Vergesellschaftung des privaten Haushaltes. In einer Großstadt kann sich der Bewohner rund um die Uhr versorgen lassen, und das schreitet Hand in Hand mit den neuen Familien- und Berufsmodellen. Was kennzeichnet eigentlich eine Stadt? Ab wann reden wir von einer Stadt? Siebel: Wenn wir die Statistik beiseite lassen, lässt sich sagen: Stadt ist ein Ort, wo Fremde leben. Es ist ein Ort, wo sich die Menschen nicht mehr persönlich kennen. Das ist anders als auf dem Dorf. Ist das nun gut oder schlecht? Ich freue mich doch, wenn ich alle Nase lang Bekannte treffe. Siebel: Die Bewertung kann unterschiedlich ausfallen: Die ständige Begegnung mit Unbekannten, die alles mögliche sein können, löst etwas aus. Wenn Sie auf dem Marktplatz in Gütersloh ständig Bekannte treffen, werden Sie meiner Meinung nach das Gefühl haben, gar nicht mehr richtig in einer Stadt zu leben. Stadt heißt: Begegnung mit Fremden. Und das kann zu Aggressionen, Angst und Abschottung führen und Gruppen wie Pegida oder die AfD fördern, es kann aber auch Neugier wecken und bereichernd wirken. Die Auseinandersetzung mit anderen Denkweisen, anderer Kleidung, anderen Lebens- und Verhaltensweisen kann ungeheuer anregend sein. Das ist eine ständige Begegnung mit Andersartigkeit und anderen Lebensentwürfen. Siebel: In Großstädten finden sie das Milieu der Studenten, Künstler, Kleinbürger, Obdachlosen, Banker, Homosexuellen, Intellektuellen, etc. Eine Stadt ist wie ein Mosaik. Da finden Sie Attraktives, Befremdliches, Subkulturen. Wenn ein Banker einer Punkerin mit bunten Haaren und verschlissenen Hosen begegnet, ist das nicht weniger befremdlich, als würde man einem Türken oder Afghanen begegnen, vielleicht sogar mehr. Wenn man sich mit dieser Andersartigkeit auseinandersetzt, kann das ungeheuer bereichernd sein...

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