Pfarrer der syrisch-orthodoxen Gemeinden: Daniel Gök (35) ist in Deutschland geboren und betreut seit 2012 die St. Maria-Gemeinde an der Eichenallee; Sleman Djallo (64) kam bereits 1972 nach Gütersloh und kümmert sich um St. Stephanus. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Pfarrer der syrisch-orthodoxen Gemeinden: Daniel Gök (35) ist in Deutschland geboren und betreut seit 2012 die St. Maria-Gemeinde an der Eichenallee; Sleman Djallo (64) kam bereits 1972 nach Gütersloh und kümmert sich um St. Stephanus. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh Eine zweite Heimat gefunden

In Gütersloh und Umgebung leben 13.000 Aramäer / Heute Großkundgebung zum Jahrestag der Massaker im Osmanischen Reich

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Von Sabri Aydin wird gesagt, er war einst der erste amtlich gemeldete Aramäer in Gütersloh. 1972 kam er mit drei anderen jungen Leuten aus dem Tur Abdin, er war damals 21 Jahre alt. Aydin stellte sich in der Möbelfabrik Flicker am Elbrachtsweg vor und konnte gleich am nächsten Morgen dort anfangen. „Da wusste ich, es war die richtige Entscheidung.“ In seiner Heimat im ländlichen Südosten der Türkei waren seine Mitbürger, syrisch-orthodoxe Christen, Repressalien und wachsendem Druck der muslimischen Regierung ausgesetzt. Aydin kam als geladener Gast seines Onkels mit einer Drei-Monats-Genehmigung nach Deutschland, er hatte nicht vor, zurückzukehren. Bei Flicker verdiente er 3,70 Mark die Stunde. Das war mehr, als er je erhofft hatte, dennoch wechselte er später zu Mohndruck. Nutzten die ersten Aramäer die Möglichkeit, sich als Arbeitsemigranten in der Bundesrepublik niederzulassen, so endete dieser Zuzug wenig später mit dem Gastarbeiterstop von 1973. Nun konnten die syrisch-orthodoxen Christen nur noch als Asylbewerber nach Deutschland gelangen. Die Einführung der Visumspflicht für die Türkei 1980 erschwerte die Ausreise/Flucht zusätzlich. Diplom-Sozialarbeiter Davut Aslan (44) hat sich mit der Zuzugsgeschichte der Aramäer intensiv befasst. Aslan, Migrationsberater beim Sozialdienst katholischer Männer und Frauen in Rheda-Wiedenbrück, berichtet, viele Christen aus dem Tur Abdin schlossen sich damals Schlepperbanden an, um der Verfolgung in ihrem Land zu entkommen. In Deutschland wurden sie generell als Asylberechtigte anerkannt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Rechtsanwalt Georg König. „Ohne König“, sagt Aydin, „wäre Gütersloh niemals zu einem Zentrum für die Aramäer geworden.“ Der Jurist mit Kanzlei an der Friedrich-Ebert-Straße setzte sich mit Inbrunst für die aramäischen Flüchtlinge ein. Zu Hunderten zog er die Asylverfahren durch, König, ein geradliniger Typ, mauserte sich zur Anlaufstelle für die ganze Region. „Leider starb er bereits mit 49 Jahren an Krebs“, berichtet Aydin. Als er 1994 zu Grabe getragen wurde, folgte ihm eine große Gemeinde. Und Aydin? In den Achtziger Jahren oft nebenher als Übersetzer tätig, konfrontierten ihn seine ehemaligen Landsleute mit vielen Problemen. Aydin entschloss sich, Pfarrer zu werden, absolvierte seine theologische Ausbildung im St. Gabriel-Kloster in seiner Heimat und übernahm die St. Stephanus-Gemeinde an der Hohenzollernstraße/Ecke Nordring. 29 Jahre ist das her. Mittlerweile heißt Aydin anders, er hat sich umbenannt in Sleman Djalllo. Und es gibt nicht nur eine syrisch-orthodoxe Kirchengemeinde in Gütersloh, sondern drei. Neben St. Stephanus die Gemeinde St. Maria (Eichenallee) und St. Lukas (Diekstraße). Weitere haben sich in Harsewinkel (St. Augin) und Rheda-Wiedenbrück (St. Johannes) gegründet. Wie groß diese Gemeinden sind? „Insgesamt dürften es etwa 2.000 Familien sein“, sagt Djallo (64). Was wiederum eine Bevölkerungszahl von circa 13.000 ergebe. Genauere Zahlen über die Aramäer gibt es nicht, sie haben schließlich keinen Pass, sondern definieren sich über Herkunft und Religion. Für ganz Deutschland wird die Zahl der Aramäer auf 120.000 geschätzt. 80 Prozent sind im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft. Djallo (Aydin) bescheinigt Gütersloh eine gelungene Integrationspolitik. „Die Bürger hier haben es uns immer einfach gemacht.“ Soziologe Davut Aslan sagt, der Integrationsprozess habe auch deswegen so gut funktioniert, weil für die Aramäer von Anfang klar war, dass für sie keine Möglichkeit der Rückkehr in ihre Heimat besteht. „Sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie wollten Wurzeln schlagen und haben sich deswegen den Lebensbedingungen angepasst. Als Christen unter Christen.“ Auch die Mentalität half. Die Aramäer galten schon in der Türkei als fleißige, gebildete Menschen, Eigenschaften, die freilich auch manchen Neid auf sich zogen. In Gütersloh zeichneten sie sich durch ihre hohe Bereitschaft zur Integration sowie den unbedingten Willen, selber fürs eigene Auskommen zu sorgen, aus. „Den Aramäern ist es sehr rasch gelungen, in Gütersloh eine neue Heimat zu finden“, bestätigt der städtische Integrationsbeauftragte Eckhard Sander. Diese Leistung sei bewundernswert. Es habe zu keiner Zeit Probleme gegeben. Fleiß und Integrationswillen machen sich auch an der hohen Zahl der Selbstständigen fest. Arbeiteten anfangs viele Neuankömmlinge für Bertelsmann, Nosag (Lear, Rietberg) oder Vossen, so stellten sich mit den Jahren immer mehr auf eigene Füße. Heute sind mehr als 100 Betriebe in aramäischer Hand. Sie bieten Versicherungen an, führen Kosmetiksalons und Fahrschulen, unterhalten Eisdielen und Lebensmittelmärkte, Druckereien und Werbestudios. „Viele arbeiten auch als Rechtsanwälte, Ärzte und Mittelständler“, sagt Ischo Can. Der 33-Jährige, Fraktionsmitglied der CDU im Stadtrat, zählt selber zu den erfolgreichen Unternehmen in Gütersloh. Für die Aramäer und Assyrer tritt er, wie bei dem Ringen um ein Völkermord-Mahnmal, oft als deren politischer Sprecher auf. Integration statt Assimilation: Um ihre Identität und ihr Kulturgut in der Fremde zu wahren, haben die Aramäer nicht nur Kirchen gebaut und Gemeinden gegründet, sondern auch Kultur- und Sportvereine. In Heilbronn schlossen sich die Vereine 1985 zu einem Dachverband zusammen, der sich als Förderation der Aramäer (Suryoye) in Deutschland (FASD) bezeichnet. Der Bundesvorsitzende dieser zivilen Vertretung ist Daniyel Demir, ein 36-jähriger Wirtschaftsjurist aus Heidelberg. Demir ist regelmäßig in Gütersloh, nicht von ungefähr: Der Zentralverband der assyrischen Vereinigungen in Deutschland und europäische Sektionen (ZAVD) hat seine Geschäftsstelle am Kolbeplatz. Dessen Vorsitzender wiederum ist Johann Roumee, 41-jähriger Unternehmer aus Gütersloh. Roumee und Demir nahmen gestern am Gottesdienst im Berliner Dom mit Bundespräsident Gauck teil. Heute sind sie als Gäste zur Debatte des Bundestages eingeladen. Beide blicken gespannt darauf. „Wir hoffen, dass die deutschen Politiker ihren Eiertanz beenden und den Völkermord beim Namen nennen“, sagt Demir. Gerade für Deutschland, damals Partner des Osmanisches Reiches, sei es wichtig, die historischen Realitäten und die eigene, unrühmliche Rolle anzuerkennen. Es sei in der Tat an der Zeit, sagt Roumee. Der Papst spreche von Völkermord, Frankreich, Schweiz, die Niederlande und viele andere Länder, doch Deutschland betreibe „Wortakrobatik“. Damit müsse endlich Schluss sein, auch angesichts der heute noch andauernden Verfolgung und Religionsunterdrückung in der Türkei. „Noch immer – oder wieder – müssen Christen dort um ihr Leben fürchten.“ Betrug der Christenanteil in der Türkei vor einem Jahrhundert noch 20 Prozent, so liege er heute unter ein Prozent. Auch Pfarrer Djallo fürchtet, dass sich die Lage im ohnehin fast verwaisten Heimatland verschlimmert.

realisiert durch evolver group