Gütersloh Die Opfer erhalten ihre Namen zurück

Das LWL-Klinikum Gütersloh weiht heute Gedenkstätte für Opfer des Nationalsozialismus ein

von eike j. horstmann
Der unbehauene Findling aus Granit soll den fern der Heimat ermordeten Patienten symbolisch eine letzte Ruhestätte sein. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Der unbehauene Findling aus Granit soll den fern der Heimat ermordeten Patienten symbolisch eine letzte Ruhestätte sein. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh. Ihnen wurde alles genommen. Ihre Heimat, ihre Familien, ihre Gesundheit, ihr Leben und letztlich auch ihre Identität. 1.017 Psychiatriepatienten wurden während des Terrorregimes des Nationalsozialismus’ in der Provinzialheilanstalt Gütersloh als "nicht heilbar" abgestempelt, abtransportiert und systematisch ermordet. Dass hinter der riesigen Zahl genau so viele Menschen und Schicksale stehen, soll ab heute mit "Orten der Erinnerung und des Gedenkens" auf dem Gelände des LWL Klinikums verdeutlicht werden.

Bereits 1936 war die Fürsorge für psychisch Kranke und geistig Behinderte nach den "rassehygienischen Grundsätzen" der Nazis ausgerichtet worden. Ein Jahr später tauchte in diesem Kontext erstmals die Frage der so genannten "Euthanasie" auf – eine zynische, dem griechischen entlehnte Wortschöpfung, die grob als "schöner Tod" übersetzt werden kann, für die Betroffenen jedoch ein grausames Schicksal bedeutete. Denn durch die Radikalisierung des Regimes während des Zweiten Weltkrieges wurde das Urteil, das zwischen 1940 und 1943 über die 1.017 Patienten der Provinzialheilanstalt Gütersloh gefällt wurde, im wahrsten Sinne des Wortes vernichtend. Als "gänzlich gemeinschafts- und arbeitsunfähig" wurden sie aussortiert und in Tötungsanstalten deportiert.

Dort starben die meisten Patienten durch Medikamente, Hunger, Kälte und an den Folgen katastrophaler hygienischer Verhältnisse. Die Leichen verschwanden, mit der Vernichtung der Krankenakten wurden die Ermordeten zu namenlosen Toten und verschmolzen zur Zahl von 1.017 Opfern. Zumindest diese Entpersonalisierung soll durch die neue Gedenkstätte auf dem Gelände des LWL Klinikums aufgebrochen werden.

"Mit der Eröffnung der ,Orte des Erinnerns und des Gedenkens‘ wollen wir an die im Nationalsozialismus ermordeten Patientinnen und Patienten gedenken und die Erinnerung in nachfolgenden Generationen wach halten", so Reinhard Loer, Kaufmännischer Direktor des Klinikums.

"Es gab immer wieder Bestrebungen, die Klinikgeschichte aufzuarbeiten", sagt Bernd Meißnest, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie. Die Initialzündung für die Gedenkstätte lieferte vor zweieinhalb Jahren eine Anfrage eines interessierten Bürgers. Es bildete sich eine Gruppe aus Mitgliedern der Betriebsleitung, der Personalvertretung, Bürgern, Vertretern des Gütersloher Stadtmuseums, der Denkmalpflege und des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte, die sich mit dem wohl dunkelsten Kapitel der Klinikgeschichte auseinandersetzte und eine würdige und aussagekräftige Form der Erinnerung erarbeitete.

Im "Rundgang zur Klinikgeschichte" entlang des alten Anstaltsfriedhofes wird sowohl den Opfern des Nationalsozialismus als auch ehemaligen Mitarbeitern und Patienten der Klinik gedacht, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. "Es sind rund 2.000 Menschen hier beerdigt, aber viele Gräber sind nicht mehr auffindbar", sagt Meißnest. Einige Gräber wurden im Verlauf der Zeit doppelt belegt, bei anderen zerstörte der Zahn der Zeit die eisernen Grabkreuze. Durch auf Schautafeln gezeigte, ausgewählte Biografien soll nun ein Lernort entstehen, der einen tiefen Einblick in das Leben und Arbeiten in der Klinik gewähren soll.

Das auffälligste Element des dreiteiligen Ensembles ist ein vier Meter hoher und rund zehn Tonnen schwerer Gedenkstein aus Granit, der bereits im Oktober 2013 errichtet wurde. "Es wurde lange diskutiert, wie der Gedenkstein aussehen soll", sagt Bernd Meißnest. Letztlich entschied sich die Gruppe für den unbehauenen Findling. Er soll den deportierten und fern der Heimat ermordeten Patienten der Provinzialheilanstalt eine symbolische Ruhestätte sein. "Der Stein ist deutlich sichtbar, fügt sich aber sehr gut ein. Und jeder Betrachter kann sich ein eigenes Bild machen", erläutert Meißnest.

Im dritten Element, dem "Raum der Namen" in der Kreuzkirche, werden schließlich aus der Zahl der 1.017 Opfer wieder Individuen. Jedes der Euthanasieopfer ist auf beleuchteten, die Wände der Kirche umlaufenden Panelen verzeichnet, was ein persönliches Gedenken ermöglichen soll. "Neben den Namen ist auch das Geburtsdatum und der Tag der Deportation angegeben, da das genaue Todesdatum nicht bekannt ist", sagt Ute Feischen vom LWL.

Die Feierstunde zur Einweihung der Gedenkstätte in der Kreuzkirche des LWL Klinikums, Buxelstraße 50, beginnt um 15 Uhr. Im Anschluss findet ein Rundgang statt.

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