Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann - hier auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Bielefeld - geht nach mehr als 30 Jahren als Ermittler in Pension. - © Nicole Donath
Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann - hier auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Bielefeld - geht nach mehr als 30 Jahren als Ermittler in Pension. | © Nicole Donath

Bielefeld Ralf Östermann hat 30 Jahre lang Mörder gejagt - eine Bilanz

30 Jahre lang bestimmten Mord und Totschlag das Leben des Kriminalhauptkommissars - hunderte von Leichen, Ermittlungen, Obduktionen und Akten

Bielefeld. Ralf Östermann sitzt in seinem Bielefelder Büro, lehnt sich zurück, die Arme auf dem Schreibtisch und sagt erst mal – nichts. Der Gesichtsausdruck leicht skeptisch, sein Gegenüber im Blick. Nein, spontan mag er sich nicht festlegen, ob er sich nun mehr auf den Ruhestand freut oder eher bedauert, dass jetzt die Zeit gekommen ist, den Job an den Nagel zu hängen. Diesen Knochenjob, der fast täglich brutale Bilder bereithält und Ausnahmesituationen sowieso. Mehr als 30 Jahre hat er ihn gemacht, mit Ehrgeiz, Einsatz, Fachwissen und auch Leidenschaft. Aber dann lächelt er, beugt sich nach vorne und sagt: „Es ist wohl eine Mischung aus beidem." Dass der heute 61-Jährige nach dem Abitur am Ravensberger Gymnasium von Bad Salzuflen überhaupt zur Polizei gegangen ist, liegt vor allem an seinem Onkel. Dieser war nämlich bei der Autobahnpolizei, fuhr schnelle Wagen und das muss Ralf Östermann als jungem Mann wohl gefallen haben. Die Aufnahmeprüfung schaffte er auf Anhieb und so ging es bald weiter zur Ausbildung nach Köln, ganz klassisch mit Diensten in einer Hundertschaft. Später wechselte er nach Bielefeld als Streifenpolizist, Kategorie mittlerer Dienst. "Einbruch habe ich praktisch gelernt" „Um in den gehobenen Dienst zu kommen, brauchte ich allerdings ein Studium", erzählt der Kriminalhauptkommissar. Deshalb schrieb er sich 1981 an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung ein und lernte drei Jahre lang. Die Praktika, die in dieser Zeit auf dem Lehrplan standen, absolvierte er bei der Kriminalpolizei und das gefiel ihm richtig gut. „Da war für mich schon klar, dass ich auf dieser Schiene bleiben wollte", sagt Ralf Östermann heute. Indes, mit Mord und Totschlag hatte der damals 27-Jährige nach seinem Studium noch nichts zu tun. Stattdessen ging es ins Einbruchsdezernat. „Einbruch habe ich praktisch gelernt", sagt Östermann und zwinkert ob der Doppeldeutung. Als die Kollegen aus dem Nachbardezernat dann bei verschiedenen Mordkommissionen Hilfe benötigten, gehörte Ralf Östermann zu den Ersten, die sich meldeten. „Für mich hieß das damals, Spuren bearbeiten, Leute besuchen..." 1988 schrieb er sein Umsetzungsgesuch für das Morddezernat. Drei Jahre später leitete er seine erste Mordkommission. Warum musste Frauke Liebs sterben? Ralf Östermann lässt den Blick durch den Raum wandern. Was sind die Fälle, die ihm in Erinnerung bleiben? „Da war beispielsweise der Mordfall Kerstin Jahn aus Paderborn. Das war 1998", sagt er dann. Nach akribischen Ermittlungen kam Östermann mit seinem Team darauf, dass der damalige Personalrat der Benteler-Werke die junge Frau getötet und darüber hinaus noch einen weiteren Menschen auf dem Gewissen hatte. Der Kriminalhauptkommissar war an der Aufklärung des Mordes an dem kleinen türkischen Mädchens Kardelen beteiligt. Warum Frauke Liebs sterben musste, nachdem sie im Juni 2006 in Paderborn verschleppt wurde, hat der Ermittler indes nicht herausgefunden. Die Schwesternschülerin meldete sich nach ihrer Entführung noch sieben Mal kurz bei ihrem Ex-Freund, ihrem Bruder und ihrer Schwester von ihrem Mobiltelefon. Knapp vier Monate später entdeckte ein Jäger ihre Leiche in einem Wald in Lichtenau. Ungelöste Mordfälle schwer zu akzeptieren Ähnlich rätselhaft bleibt bis heute auch der Mord an der Hallerin Nelli Graf, die 2011 martialisch erstochen wurde. Einen weiteren Mord in Halle, den an der Zeitungsbotin Gabriele Obst, klärte Ralf Östermann wiederum auf, ebenso wie viele weitere Fälle. Beispielsweise den Mord an dem Gütersloher Geschwisterpaar, Weihnachten 2013. Vor zehn Jahren klärte er auch zwei Bielefelder Morde auf: an der Oststraße hatte der Enkel (41) seine beiden Großeltern erschlagen und an einem Teich im Milse wurde ein Mann mit Messerstichen hingerichtet. Zuletzt trug Östermann als anfänglicher Leiter der Mordkommission Bosseborn auch viel zur Aufklärung der Foltermorde bei, die deutschlandweit für großes Aufsehen sorgten. Die Frage, wie sehr ihn ungelöste Mordfälle belasten und ob er sie womöglich sogar als persönliche Niederlage wertet, beantwortet der erfahrene Kriminalist ganz sachlich. „Doch, irgendwo ist das schon eine persönliche Niederlage. Und dennoch: Wenn du in den Spiegel schaust und dir sicher bist, alles Menschenmögliche getan zu haben, wenn du alles gegeben hast – dann kannst du es zumindest besser akzeptieren." "Bei Kindern weine ich heute noch mit den Eltern mit" Was nicht heißt, dass sich Ralf Östermann im Laufe der Jahre nicht immer wieder die Akten von ungelösten Mordfällen vorgenommen und aufs Neue überlegt hätte, ob er nicht vielleicht doch noch einen Ansatz für neue Ermittlungen finden kann. Und die Anblicke von grausam zugerichteten Menschen, erwürgt, erstochen, erschossen, misshandelt – wie hat er die verarbeitet? Kann man das überhaupt? Der erfahrene Beamte nickt. „Doch, das geht. Ich habe das geschafft. Für mich war das Problem ein ganz anderes." Östermann macht eine Pause: "Wenn du nämlich Eltern sagen musst, dass ihr Kind ermordet wurde. Es gibt nichts Schlimmeres und da weine ich heute noch mit. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn man in solchen Momenten Emotionen zeigt. Entscheidend ist nur, dass du danach wieder funktionierst. Dass du zielgerichtet ermitteln kannst und genau weißt, wo der Weg lang geht."

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