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Die aggressive Drogenszene, die 2017 an der Tüte für Probleme sorgte, war laut Polizei 2018 vermehrt am Kesselbrink zu finden. - © Archivfoto: Christian Geisler
Die aggressive Drogenszene, die 2017 an der Tüte für Probleme sorgte, war laut Polizei 2018 vermehrt am Kesselbrink zu finden. | © Archivfoto: Christian Geisler

Bielefeld Probleme am Kesselbrink: Eklatanter Anstieg des Drogenhandels

Aggressive Dealer sind von der Tüte zum Kesselbrink gewechselt

Jens Reichenbach
23.11.2018 | Stand 23.11.2018, 12:35 Uhr

Bielefeld. Der Sommer 2018 hat eine sehr lange Open-Air-Saison ermöglicht. Traditionell befördert das aber auch die Bildung randständiger Szenen und sorgt bei der Polizei für viel Arbeit. Im Gespräch mit der Lokalredaktion erklärt Polizeipräsidentin Katharina Giere, warum Bielefeld zwar keine Kriminalitätsschwerpunkte hat, dennoch aber die Verdrängung aggressiver Drogendealer zum Kesselbrink Sorgen bereiten. Gewalt auf der Straße 2017 wurde in Bielefeld viel über Straßenkriminalität und ihre Bekämpfung diskutiert. Wie war es 2018? Im Gesamtstadtgebiet sei die Kriminalität auf Straßen und Plätzen gesunken, heißt es von der Polizei. „Allerdings haben wir weiterhin für Bielefelder Verhältnisse ein paar Hotspots wie den Bahnhof, die Tüte, den Kesselbrink und den Jahnplatz", sagt die Polizeipräsidentin. Im Frühjahr und Sommer 2017 war die Sicherheitsbehörde mehrfach gegen die Drogenszene an der Tüte (Stadthallenpark) vorgegangen, die sich damals negativ verändert hatte. „Die Szene, die wir lange kennen, ist weiterhin dort", so Giere, „aber die Nordafrikaner, die in nicht unerheblichem Maße zu internen Zwistigkeiten und Gewalt beigetragen hatten, sind dort nicht mehr so präsent." Deshalb seien die Deliktzahlen an der Tüte deutlich zurückgegangen. Übrigens auch am Jahnplatz. Problem Kesselbrink Dafür hat sich in diesem Sommer diese aggressive Klientel zum Kesselbrink verlagert. „Dass, was wir so an negativer Szene, gerade auch durch Nordafrikaner, zu verzeichnen haben, ist jetzt eher dort zu verorten", betont Giere. Gemeint ist vor allem der Drogenhandel und damit einhergehende Körperverletzungsdelikte. Nach Angaben der Polizeipräsidentin ist der Handel auch härterer Betäubungsmittel eklatant nach oben gegangen – ein Phänomen, das aber landesweit zu verzeichnen sei. Auch sei eine Steigerung der Körperverletzungen zu verzeichnen, doch die bewege sich auf geringstem, einstelligem Niveau pro Monat. Giere kündigte an, in diesem Bereich mit Razzien und zivilen Kräften wieder aktiver zu werden. Treppenplatz Zwei Plätze gerieten 2018 neu in den Fokus, weil Anwohner sich dort alleingelassen fühlten. Der Treppenplatz in Brackwede und der Altstädter Kirchplatz wurden als Treffpunkt einer Trinkerszene zum Ärgernis. Der Ruf nach der Polizei war stets laut, doch die Behörde reagierte angesichts von Ruhestörungen und Wildpinklern zurückhaltend. Zuständig sei das Ordnungsamt. Doch jetzt traten und schlugen kürzlich Jugendliche auf einen am Boden liegenden Mann ein. „Sicherlich kein schöner Zwischenfall", sagt die Polizeipräsidentin. Er hat aber an unserer Einschätzung nichts geändert." Diese Körperverletzung sei eine Auseinandersetzung zwischen mehreren, nicht unerheblich alkoholisierten Menschen gewesen, die aneinandergeraten seien. „Wir haben dort eine zahlenmäßig überschaubare Trinkerszene – auch weil dort ein 24-Stunden-Kiosk als Versorgungsstation dient." Hilfe durch Ordnungsstreifen Politiker fordern eine Verstärkung der Ordnungsstreifen, eine Ausweitung ihrer Einsatzzeit bis in die Nacht hinein und eine bessere Zusammenarbeit mit der Polizei. Katharina Giere begrüßt neue Ordnungskräfte als Hilfe. Sich an Bürozeiten zu orientieren, sei nicht zielführend gewesen. Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei werde dadurch verbessert. „Am Treppenplatz gibt es jetzt Absprachen, damit wir schnell zu Hilfe kommen können. Weil es passieren kann, dass der Ausgangspunkt zwar im Aufgabengebiet der Stadt liegt, sich aber die Dinge entwickeln, so dass doch Polizei-Know-how benötigt wird", erklärt Giere. Keine Grundlage für Videoüberwachung Die CDU hat für den Altstädter Kirchplatz eine Videoüberwachung angeregt. Aus Sicht der Polizei sei dafür aber der Blick ins Gesetzbuch wesentlich: „Man kann vieles politisch diskutieren", sagt Giere. „Voraussetzung für Videoüberwachung ist laut Polizeigesetz ein Kriminalitätsschwerpunkt. Auch das neue Polizeigesetz lässt die Videobeobachtung nur unter eingegrenzten Voraussetzungen zu." Gibt es denn in Bielefeld Kriminalitätsschwerpunkte? Diese Antwort fällt bei der Polizeipräsidentin kurz und knapp aus: „Nein." Und dann fügt sich noch an: „Und schon gar nicht am Treppen- oder Altstädter Kirchplatz." Was die Anwohner belästige, speziell das Urinieren im Hauseingang, das würde auch Giere anekeln. „Aber Pinkel-Polizei ist nicht unser Fokus." Das heiße nicht, dass die Polizei dort nicht präsent wäre. Aber man stelle dort keine Kräfte präventiv ab.

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