In Bielefeld mussten am Wochenende mehrere Amateurfußball-Spiele nach Auseinandersetzungen abgebrochen werden. - © picture alliance
In Bielefeld mussten am Wochenende mehrere Amateurfußball-Spiele nach Auseinandersetzungen abgebrochen werden. | © picture alliance

OWL Heftige Ausschreitungen im Amateur-Fußball: Die Hemmschwelle sinkt

In Bielefeld mussten am Wochenende mehrere Fußballspiele nach Krawallen abgebrochen werden. Kein Einzelfall.

Max Maschmann
12.11.2018 | Stand 12.11.2018, 22:33 Uhr

Bielefeld. Ausschreitungen bei Fußballspielen in den unteren Spielklassen werden immer gewalttätiger. Wie die Statistiken des Deutschen Fußballbundes (DFB) belegen, ist die Zahl der wegen Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle abgebrochenen Spiele zwar nicht gestiegen. Aber: Wenn es zum Konflikt kommt, wird härter zugeschlagen und heftiger beschimpft als früher. Jüngstes Beispiel sind drei abgebrochene Spiele in Bielefeld – wegen Gewalt, Bedrohungen und Beleidigungen gegen den Schiedsrichter. Nur 0,05 Prozent aller Spiele wurden laut DFB in der Saison 2017/2018 aufgrund von Gewalt und Diskriminierung vorzeitig beendet. „Diese Zahl ist seit Jahren konstant", sagt Gunter A. Pilz. Der pensionierter Soziologe hat an der Universität in Hannover unter anderem zu Sport und Gewalt geforscht und leitet die DFB-Arbeitsgruppe „Fairplay und Gewaltprävention". Er sagt aber auch: „Die Heftigkeit der Auseinandersetzungen hat zugenommen". Das bestätigt Manfred Schnieders. Der Vizepräsident Fußball beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) spricht auf NW-Anfrage vom Fußball als „Spiegelbild der Gesellschaft". Die Hemmschwelle bei jungen Leuten und Zuschauern sinke, berichtet Schnieders. Besonders betroffen seien dabei die unteren Spielklassen. „Fußballerisch gesehen sind das die schwächsten Ligen, aber diejenigen mit den meisten Emotionen." Profis haben negative Vorbildfunktion Als Erklärung führt Pilz auch den fehlenden Linienrichter an. „So sind dort Konflikte mit dem Schiedsrichter doch schon vorprogrammiert", sagt der Forscher. Dazu sind in vielen Partien junge Männer mit Migrationshintergrund beteiligt. „Da werden teils Konflikte auf dem Spielfeld ausgetragen, das Bildungsniveau und damit auch die Frustrationstoleranz sind oft niedrig." Auch die Profis hätten im negativen Sinne eine Vorbildfunktion. „Gerade Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp kommentieren fast 90 Minuten lang jede Entscheidung des Schiedsrichters und senden so ein falsches Signal", sagt Pilz. Betroffen sind von den Ausschreitungen – so wie am Wochenende in Bielefeld – fast immer die Unparteiischen. „Sie sind diejenigen, die die Tatsachenentscheidungen treffen und so Emotionen ins Spiel bringen", sagt Pilz. Bei der Bestrafung von Sündern wünscht sich Schnieders, dass künftig auf ein Modell mit Bewährungsmöglichkeit gesetzt wird. „Ein Spieler der den Schiedsrichter geschlagen hat, sollte seine Sperre verkürzen können, indem er selbst als Unparteiischer tätig wird", sagt er, dessen Verband einen Arbeitskreis für Gewaltprävention eingerichtet hat.

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