Tausende Gegendemonstranten haben sich am Hauptbahnhof und in der Innenstadt zu Kundgebungen versammelt. - © Christian Mathiesen
Tausende Gegendemonstranten haben sich am Hauptbahnhof und in der Innenstadt zu Kundgebungen versammelt. | © Christian Mathiesen

Reportage Nazi-Demo in Bielefeld: Eine Stadt im Ausnahmezustand

Straßen werden gesperrt, der Nahverkehr eingestellt. 400 Nazis sind am Samstag durch Bielefeld marschiert - 6.000 Menschen stellten sich ihnen entgegen.

Bielefeld. Eine Stadt im Belagerungszustand – Straßen gesperrt, reichlich Kontrollstellen, überall Einsatzkräfte, bewaffnet und mit Helmen und Schutzwesten ausgestattet. Schon in den Vormittagsstunden war klar, dass die Polizei bei dieser brisanten Demonstration der Neonazis nichts dem Zufall überlassen will. Gegen 11 Uhr sind Abschleppunternehmen damit beschäftigt, den Bahnhofsvorplatz zu räumen. Autos werden aufgeladen, Fahrradschlösser geknackt und die Zweiräder abtransportiert. Es wird Platz gebraucht für unzählige Einsatzfahrzeuge der Polizei, für Wasserwerfer, Räumfahrzeuge und die Transporter, die eine Reiterstaffel aus Baden-Württemberg an den Teuto gebracht haben. Absperrgitter werden aufgestellt. Der Bahnhofsvorplatz wird geteilt. Neonazis, die ankommen, werden am Ausgang nach links gebeten. Auf der rechten Seite sammeln sich immer mehr Gegendemonstranten, von etwa 2.000 ist die Rede. Fahnen vom DGB, der SPD und den Grünen sind zu sehen. „Nazis raus" ist lautstark und immer wieder zu hören. Die Rechten zeigen sich selbstbewusst und unbeeindruckt und werden in einem Kontrollzelt nach gefährlichen Gegenständen gefilzt. Auch ein Schäferhund marschiert mit An der Ecke zum Parkhaus der Stadthalle werden die Personalien von drei Rechtsextremisten notiert. Sie sollen Böller mit sich geführt haben. Gegen 14 Uhr setzt sich der Zug von 400 Neonazis, die gegen die Inhaftierung der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck in Bielefeld demonstrieren wollen, in Marsch. Auch ein schon älterer Deutscher Schäferhund darf oder muss mitmarschieren. Die Herforder Straße, Haupteinfallstraße in die City, ist für den gesamten Fahrzeugverkehr gesperrt. Über den Willy-Brandt-Platz geht es ins Zentrum der Stadt. Viele Geschäfte haben erst gar nicht geöffnet. Bis auf die ziehenden Demonstranten, unzählige Einsatzkräfte und viele Medienvertreter ist niemand auf der Straße. In jeder Seitenstraße haben sich unterdessen Gegendemonstranten versammelt, können aber wegen der rigorosen Absperrmaßnahmen nicht zu dem Zug vordringen. Es gibt kleinere Tumulte, weil einige Gegendemonstranten die Absperrgitter ignorieren wollen. „Wir kommen immer wieder, solange Ursula Haverbeck noch im Gefängnis sitzt", dröhnt es drohend aus den Lautsprechern der Neonazis, die auf einem mitfahrenden Lieferwagen montiert sind. "Wir wollen keine Nazis in Bielefeld" Vorbei geht der Zug über den Jahnplatz und biegt in den Niederwall ein, begleitet von Trillerpfeifen, „Nazi-Raus" und „Haut ab"-Rufen. Laut „Bündnis gegen Rechts" stehen hier mehr als 3.000 Menschen. Am Rathaus hat sich die nächste große Gegendemonstration formiert, darunter eine Abordnung des Theater-Ensembles. Oberbürgermeister Pit Clausen hat das Mikrofon ergriffen: „Wir wollen keine Nazis in Bielefeld. In unserer Stadtgesellschaft leben Menschen aus mehr als 100 Nationen der Welt friedlich miteinander", geht in einem Riesenapplaus unter. „Wir wollen laut und friedlich sein, nicht unsere eigenen Grundsätze vergessen", führt er weiter aus. Stramm marschieren die Neonazis zu ihrer nächsten Station, dem Landgericht. Dort beginnt die Schlusskundgebung. Es ist ein Sammelsurium von dumpfen Gedichten und deutschem Liedgut. Und immer wieder heißt es, die Stadt erst dann in Ruhe zu lassen, wenn Ursula Haverbeck aus der Haft entlassen ist. Derweil macht sich die Polizei Gedanken über den Abmarschweg der Rechten. Die angedachte Route, sie zum Brackweder Bahnhof laufen zu lassen, funktioniert nicht. Gegendemonstranten blockieren in beträchtlicher Zahl den Abmarschweg Richtung Adenauerplatz. Kaufleute sind entsetzt Also geht der Zug so zurück, wie er gekommen ist. Immer noch stehen Gegendemonstranten an der Zugstrecke und zeigen und schreien, was sie von diesem Auftreten halten. Um 18 Uhr fährt eine Regionalbahn die ersten Rechtsextremen wieder zurück in ihre Heimat. Gegen 19 Uhr ist der ganze Spuk in der Stadt zu Ende. Die Kaufleute in der City sind entsetzt, als sie am Abend Kassensturz machen. „Nur 50 Prozent der Besucher, mit denen sonst an einem Wochenende zu rechnen ist, sind gekommen", sagt C&A-Chef Roland Berlekamp. Die Polizei registrierte 19 Straftaten. Sechs Personen wurden in Gewahrsam genommen. Sie werden verdächtigt, Straftaten begangen zu haben. Insgesamt nahmen an diesem Samstag rund 6.000 Menschen an Gegendemonstrationen gegen die Nazis teil. Das "Bündnis gegen Rechts" spricht später sogar von 10.000 Gegendemonstranten. Für die Sicherheit aller Demo-Teilnehmer sorgten 2.000 Einsatzkräfte. Darunter war sogar eine Einsatzhundertschaft aus Würzburg. Um 5 Uhr am Morgen hatten sie ihre Heimat verlassen. Sie werden bei ihrer Rückkehr erzählen können, dass Bielefeld kein gutes Pflaster für Neonazis ist.

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