Großaufgebot: Auch am Abend war die Polizei noch damit beschäftigt, die Fans des FC St. Pauli zu identifizieren, um die Zug-Täter ausfindig zu machen. - © Barbara Franke
Großaufgebot: Auch am Abend war die Polizei noch damit beschäftigt, die Fans des FC St. Pauli zu identifizieren, um die Zug-Täter ausfindig zu machen. | © Barbara Franke

Bielefeld Fan-Krawalle: Polizei setzt hunderte St.-Pauli-Anhänger am Bielefelder Bahnhof fest

Vor Arminias Zweitliga-Spiel: Gewalteskalation in Regionalexpress löst folgenreiche Kettenreaktion aus

Dennis Rother
Jan Ahlers

Bielefeld. Wegen schwerer Ausschreitungen ist die Polizei am Sonntag zu einem Fußball-Großeinsatz in Bielefeld ausgerückt. Fans vom FC St. Pauli attackierten vor der Zweitliga-Partie bei Arminia auf der Zug-Hinfahrt offenbar Polizisten und wurden wenig später am Bielefelder Hauptbahnhof eingekesselt. Die Beamten flogen gar zusätzliche Kräfte mit Helikoptern ein. Wie Bundespolizeisprecher Carsten Bente mitteilt, kam es zu der Randale am frühen Mittag auf der Strecke zwischen Osnabrück und Bielefeld. Rund 250 Pauli-Anhänger hatten sich in Hamburg per Regionalexpress zum Auswärtsspiel auf der Alm auf den Weg gemacht. Rund 150 Reisende hätten als potentielle Problemfans gegolten, so die Einschätzung der Bundespolizei vorab. Polizisten wurden provoziert 21 Polizisten begleiteten die Fans deswegen. Das gefiel offenbar etlichen nicht: Die Beamten seien von Teilen der Fan-Gruppe provoziert worden, heißt es. Sie wurden nach derzeitigem Kenntnisstand unter anderem beleidigt, außerdem haben Fans den Einsatzkräften Zigerattenrauch ins Gesicht geblasen. In Abteilen sei es zu "Schubsereien" gekommen, so Carsten Bente. Viele Fans der Kiezkicker konnten den Erfolg der Boys in Brown nicht im Stadion feiern, sondern sitzen aufgrund von polizeilicher Maßnahmen im Bielefelder Bahnhof fest. Finden wir überhaupt nicht geil! Passt auf Euch auf! #fcsp — FC St. Pauli (@fcstpauli) 4. November 2018 Als die Beamten dann Personalien eines Tatverdächtigen am Bahnhof Melle feststellen wollten - zu diesem Zeitpunkt seien die Landespolizei Niedersachsen und NRW schon hinzualarmiert worden - habe sich ein Großteil der Fans mit dem Betroffenen solidarisiert: Beamte wurden geschlagen und mit PVC-Fahnenstangen malträtiert, so Bente. "Sie wurden quasi aus dem vollen Zug rausgedrückt." Fans sprangen zudem ins Gleisbett. "Gleise mussten für 30 bis 40 Minuten für den Verkehr gesperrt werden." Die Polizei setzte während des Aufruhrs Schlagstock und Pfefferspray ein, die Täter verschwanden nach der Gewalteskalation unerkannt in der Masse. Der Zug fuhr weiter. Die Krawalle führte allerdings dazu, dass die Pauli-Anhänger in Bielefeld von einem Großaufgebot von Landes- und Bundespolizei in Empfang genommen wurden. Hubschrauber brachten zusätzliche Kräfte der Bundesbereitschaftspolizei vom Standort Hünfeld zum Flugplatz Windelsbleiche. Das Einschweben der drei dunklen Maschinen (s. Video) sorgte dort für besorgte Blicke von Anwohnern. Keiner kam auf die Alm Die Fans wurden nach Ankunft in Bielefeld zum Boulevard-Ausgang eskortiert und festgesetzt. Person für Person wurden die Reisenden mit Hilfe szenekundiger Beamter einzeln aus der Gruppe herausgezogen. Sie mussten sich ausweisen, wurden abgetastet und fotografiert. Das Ziel: Straftäter vom Meller Bahnhof rausfiltern und überführen. Anhand der Fotos erhoffen sich Ermittler Aufschlüsse auch auf etwaige Rädelsführer. Zum Abgleichen gibt es Videomaterial vom Meller Bahnhof, erklärte Carsten Bente. Logisch, aber dennoch brisant: Weil die Kontrollen Stunden dauerten, konnte keiner der Zuginsassen auf die Alm. Die Nachricht führte zu Unmut, die Lage blieb brenzlig, die Fans skandierten Anti-Polizei-Parolen. Körperliche Angriffe blieben aber aus. Das lag mutmaßlich auch daran, dass die Polizisten in voller Montur auftraten. Sie waren so hochgerüstet, dass es zu verstörten Blicken etlicher Passanten kam. Boulevard-Ausgang dicht Der Ausgang zum Neuen Bahnhofsviertel war wegen des Ausnahmezustandes bis in die Abendstunden gesperrt. Fünf Polizeibullis waren vor den Boulevard-Treppen geparkt, der Zutritt zu den Gleisen war nur über den Haupteingang möglich. Selbst die Feuerwehr kam- und zwar zum Ausleuchten. Die Techniker sorgten etwa dafür, dass die Straßenlaternen nicht nach unten zeigten, sondern in Richtung Boulevard-Treppen. Außerdem wurde die Helligkeit erhöht. "Das geschieht zur Sicherheit aller Personen", betonte die Bundespolizei. Fans und Beamte standen auf den Treppen schließlich dicht an dicht. Großes Gefahrenpotenzial, falls sich die Stimmung plötzlich doch noch aufheizt. Das passierte nicht. Aufgrund der Vorfälle auf der Hinfahrt - laut Polizei ging es dort ziemlich unvermittelt los - war allerdings weiterhin Vorsicht geboten. Die Pauli-Anhänger wurden gegen 18.50 Uhr mit Polizeibegleitung per Zug wieder in Richtung Norden gebracht. Die Aufpasser wurden angeordnet, weil nicht auszuschließen war, dass die verärgerte Menge ihren Frust womöglich an Unbeteiligten auslässt - oder auch am Zugmobiliar. Ergebnisse der ausgedehnten Kontrollen standen indes am späten Sonntagabend noch aus. Update: Vor Ort sind 18 Tatverdächtige identifiziert worden, teilte die Polizei am Montagmorgen mit. Durch die Bundespolizei wurden 18 Strafverfahren wegen Landfriedensbruch sowie wegen Körperverletzung und Beleidigung eingeleitet. Zudem sei reichlich Vermummungsmaterial gefunden worden - inklusive Zahnschutz, Quarzhandschuhen und weiteren PVC-Stangen. Die Sachen wurden von der Bundespolizei sichergestellt. Im Stadion solidarisierten sich derweil viele Fans des FC St. Pauli mit jenen, die das Spiel nicht live verfolgen durften. Rund 800 Personen verließen den Gäste-Stehplatzblock zunächst nach einer Viertelstunde. Nach NW-Informationen planten etliche von ihnen womöglich, zum Bahnhof zu kommen. Das verhinderte die Polizei. Schon vor dem Verlassen des Stadions hatte es von Pauli-Anhängern kaum aktive Unterstützung von den Rängen gegeben, die Zaunfahnen hingen umgedreht - ein eindeutiges Indiz dafür, dass im Umfeld des Pflichtspiels etwas nicht stimmte. Zur zweiten Halbzeit waren die Fans dann zurück auf ihren Plätzen - und sahen, wie ihre Mannschaft einen 0:1-Rückstand noch in einen 2:1-Sieg drehte. Immerhin sportlich schrieben die Gäste aus Hamburg damit positive Schlagzeilen.

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