Laut Polizei zogen rund 2.000 Menschen durch die Stadt. - © Barbara Franke
Laut Polizei zogen rund 2.000 Menschen durch die Stadt. | © Barbara Franke

Bielefeld "Seebrücke": 2.000 Menschen demonstrieren in Bielefeld für Flüchtlings-Rettung im Mittelmeer

Lauter Appell für Flüchtlingshilfe: Protestzug mit Plakaten, Fahnen und Sprechchören in der City. Klare Worte von jungem Syrer

Dennis Rother
21.07.2018 | Stand 25.07.2018, 12:39 Uhr |

Bielefeld. Das Flüchtlingsdrama im und am Mittelmeer ist für manche gedanklich trotz der Fernsehbilder weit weg. Am Samstag kam es Tausenden Menschen am Alten Rathaus in Bielefeld ganz nah. Leshker Berho, der 2013 aus Syrien floh, sprach bei der Demo für Seenotrettung bewegend von seinen eigenen Erlebnissen, von denen seiner Mutter, von Krieg und Vertreibung, von Deutschland als „Land meiner Träume", das nun so unerklärlich herzlos handele. 2.000 Protest-Teilnehmer hörten zu – und kritisierten die EU auf Plakaten, Fahnen und mit Sprechchören scharf. Das Bündnis „Geflüchtete willkommen in Bielefeld" hatte den Protestzug organisiert, die Idee kommt von der bundesweiten Bewegung „Seebrücke" von zivilen Menschenrechtsgruppen. Es ging vom Hauptbahnhof über den Jahnplatz zum Alten Rathaus. Die Teilnehmer machten lautstark darauf aufmerksam, dass „Menschen geschützt werden müssen, nicht Grenzen". Dass private Seenotrettungsschiffe an Land festgesetzt würden und Helfern sogar Rechtsverfahren drohen, sei illegal und führe zur humanitären Katastrophe. „All das werden uns noch unsere Enkel vorhalten, und das zu Recht", sagte Katja Friedrich (25) aus Brackwede. Sie reckte eine Holzstange in die Höhe, an der sie eine orangefarbene Rettungsweste festgemacht hatte. Europa wandele sich zur „Trutzburg", so Friedrich weiter. „Nicht nur Trump will Mauern. Auch Brüssel sieht Hilfsbedürftige als Gefahr." Sichtlich berührt war sie nach einer Gedenkminute für ertrunkene Flüchtlinge. Nach offiziellen Angaben seien alleine 2018 bislang 1.500 Menschen gestorben. Leshker Berhos Mutter hat die Bootsüberfahrt nach Deutschland 2015 überlebt. „Es war ihr vierter Fluchtversuch", sagte der 20-Jährige in seiner Ansprache. Er selbst kam im Juli 2014 nach Bielefeld, ist mittlerweile am Oberstufenkolleg. Mit den Worten „Wir sehen uns wieder" habe er sich 2014 von seiner Familie verabschiedet, bevor er vorm Terror von Assad-Regime und Islamischem Staat floh. „Albträume" plagten ihn nach der Ankunft, „ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, bis meine Mutter es auch schaffte". Leshker Berho fühlt sich angekommen in seiner neuen Heimat. Ein Zurück gibt es für ihn derzeit nicht. „Stellt Euch vor, ihr demonstriert auf dem Kesselbrink friedlich für Freiheit unter einem brutalen Regime. Dann kommt der Geheimdienst, schießt, foltert, tötet. Ihr verschwindet. Eure Eltern wissen nichts, dürfen auch nicht fragen. Würdet ihr dorthin zurückgehen?" Bei der Kundgebung dabei waren neben Vertretern von Menschenrechtsgruppen wie Sonja Skrobek  auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar sowie Zeichner Peter Eickmeyer und Autorin Gaby von Borstel. Eickmeyer und von Borstel haben ein Buch veröffentlicht, das ihren dreiwöchigen Aufenthalt auf dem Rettungsschiff MS Aquarius thematisiert. Rund 1.200 Flüchtlinge wurden während des Einsatzes an Bord genommen und nach Sizilien gebracht. Cartoonist Ralph Ruthe demonstrierte ebenfalls mit. Er betonte, dass westlicher Lebensstil arme Regionen noch ärmer macht, dort Krisen verstärkt. Das zwinge Einwohner der notleidenden Länder zur Flucht. „Im Biergarten zu sitzen, sich am Weizenglas festzukrallen und bockig ,Solche wollen wir hier nicht’ zu pöbeln, wird nichts an der Situation ändern", schrieb Ruthe nach der Demo im Internet. Dass Politiker Menschen ertrinken lassen, macht ihn fassungslos. „Welche ,Werte’ vertreten wir bitte, wenn wir ohne Protest akzeptieren, dass so etwas in unserem Namen geschieht?"

realisiert durch evolver group