Startklar: Jens Brüggehofe ist passionierter Pilot - und war bereits als "Flying Doctor" in Australien im Einsatz. - © Wolfgang Rudolf
Startklar: Jens Brüggehofe ist passionierter Pilot - und war bereits als "Flying Doctor" in Australien im Einsatz. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Mitflugzentrale boomt: Von Bielefeld geht's nonstop nach Sylt, München - oder gar Paris

Windelsbleiche: Das Internet bringt Privatpiloten und Mitflieger zusammen. Bei der größten Online-Börse wächst der Markt für Kleinmaschinen-Direktstrecken ab Bielefeld. Ziele sind außergewöhnlich - aber das Wetter spielt eine große Rolle

Dennis Rother

Bielefeld. Mitfahrzentralen gibt's schon lange. Wer nicht alleine unterwegs ist, kann Spritkosten umlegen und sparen. Teilen lohnt sich auch beim Fliegen, zeigen derzeit Mitflugzentralen: Per Online-Inserat kommen Privatpiloten von Kleinmaschinen mit Familien oder Geschäftsleuten zusammen. Der Markt ist klein, wächst aber stark - besonders in Regionen, in denen man zum nächstgelegenen Verkehrsflughafen mit Linienverbindungen erst noch pendeln muss. Am Flugplatz Windelsbleiche brummt's. Gleich 25 Piloten bieten im Bielefelder Süden Flüge auf der Internetseite der Firma Wingly an, sagt Unternehmenssprecherin Olga Vetitneva. Wingly, 2015 gegründet, gilt als Platzhirsch unter den Vermittlern. "Seit dem Start gab es in Bielefeld und Umgebung 2.639 angebotene Flüge." Alleine 2017 seien es 2.272 gewesen. Zwar finden nicht alle Angebote Abnehmer und viele beziehen sich "nur" auf Rundflüge. Aber es ging und geht auch oft quer durchs Land, von Sylt bis München. Unterwegs mit ehemaligem "Flying Doctor" Einer der aktivsten hiesigen Hobbypiloten ist Jens Brüggehofe. Der 50-jährige Arzt ist Mitglied im Luftsportverein Bielefeld-Gütersloh, war per Propellermaschine schon am Nordkap und arbeitete als "Flying Doctor" in Australien. Von Bielefelds Piste hebt er unter anderem mit der klubeigenen Cirrus SR20 ab. Acht Meter lang, 200 PS, 290 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit, vier Passagiere. 30 bis 40 Liter Benzin schlucke das Leichtflugzeug pro Stunde, Instandhaltungskosten sind nicht ohne. Fliegen ist ein teures Freizeitvergnügen. Zufällig sei er dann jüngst auf die Mitflugzentrale aufmerksam geworden, sagt Brüggehofe. Die Vorteile für Gäste: "Flexiblere Abflugzeiten - und Direktstrecken, die es sonst nicht gibt". Eine dreiköpfige Familie habe er jüngst etwa nach Wangerooge geflogen, und zwar als Tagesausflug. Morgens um 7.30 Uhr ging's hin, abends um 18 Uhr zurück. Rund zwei Stunden insgesamt in der Luft, acht Stunden auf der Insel. Kurzurlaub. Eine Revolution der Luftfahrt? Geschäftsleute transportierte er außerdem schon nach Berlin, "und als ich selbst zu einem Kongress nach Stuttgart wollte, habe ich für einen freien Platz prompt Begleitung gefunden." Von den Festpreisen des Inserenten kassiert die Online-Börse Wingly einen Teilbetrag. Pilot und Passagier teilen sich indes nicht nur Geld für Treibstoff, sondern auch weitere Gebühren. "An der Nordsee zu landen, kostet nur 7 oder 8 Euro. Bei Großflughäfen ist das deutlich mehr." So solle dort die Zahl der Ankünfte von Mini-Maschinen im Vergleich zu Airbus, Boeing und Co. klein gehalten werden. Für 63 Euro geht's nach Aachen Die Gesamtflugkosten variieren wiederum je nach Maschine, berichtet Brüggehofe. Aktuelle Beispielpreise pro Person: Für 63 Euro geht's nach Aachen, für 135 Euro nach Norderney und zurück - und für 275 Euro nach Paris und zurück. Nonstop von Windelsbleiche in die Stadt der Liebe - kein Witz. Ob Privatanbieter Konkurrenz für Lufthansa und Konsorten werden, ob Bielefeld zukünftig gar Paderborn-Lippstadt Kunden abgreift, ist aber fraglich. Die Revolution am Himmel bleibt wohl zumindest vorerst aus. Denn erstens gibt es strikte Richtlinien (siehe Infokasten), und zweitens ist Jens Brüggehofe genau wie die meisten registrierten Piloten nach Sicht- und nicht nach Instrumentenflugregeln unterwegs. Heißt: Bei Wetterkapriolen bleiben sie kurzfristig am Boden. Planungssicherheit fehlt also. Brüggehofe: "Frühling und Sommer sind Saison." Übrigens auch in Paris. Mehr zum Thema Fliegen: Ein Bielefelder fliegt die Bielefeld

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