Konnten gar nicht genug voneinander bekommen: Julia und Lena aus Hamm (außen), Matina und Marijana mit Lukas und Phillip aus Bielefeld. - © Christian Weische
Konnten gar nicht genug voneinander bekommen: Julia und Lena aus Hamm (außen), Matina und Marijana mit Lukas und Phillip aus Bielefeld. | © Christian Weische

Bielefeld Zwillingstreffen in Bielefeld: Wie es sich mit einem Doppelgänger lebt

60 Zwillingspärchen trafen sich jetzt in der Universität Bielefeld - einige kamen von weit her

Alexandra Buck
29.10.2017 | Stand 30.10.2017, 10:37 Uhr |

Bielefeld. Leben mit einem Doppelgänger, das birgt ungeahnte Möglichkeiten im halblegalen Bereich. Identitätstausch, Verwirrung des Lehrkörpers, allgemeine Verunsicherung des Umfelds – ein Traum. Doch es gibt auch Konfliktpotenzial. Vier eineiige Zwillinge erzählen: Sie kommen aus dem selben befruchteten Ei, das sich im Laufe der Schwangerschaft spaltete. Das verbindet natürlich. Lukas und Phillip (8) aus Bielefeld schwirren umeinander wie zwei kleine Bienchen. Eine Berührung am Arm hier, eine Umarmung dort. Wie ein Schwarm Fische, immer in Verbindung, immer in dieselbe Richtung unterwegs. Als die beiden noch jünger waren, sprachen sie eine eigene Sprache, die die Eltern nicht verstanden. "Das hat sich zum Glück gelegt", sagt Papa Christian Weische. Ein weiteres Phänomen hat sich inzwischen gottlob auch erledigt: Wenn sich Lukas als kleines Kind am Mittagstisch den Pulli voll kleckerte und wechseln musste, sprang auch Phillip hektisch vom Stuhl, um das Kleidungsstück auszutauschen. Zwilling zu sein, das kann auch nerven. Wenn Mama wie so oft zu Phillip Lukas sagt und der verzweifelt erwidert: "Mama, ich bin nicht Lukas, ich sehe nur so aus", wird klar, warum die Wissenschaft großes Interesse an der Zwillingsforschung hat. Wie bildet sich die Persönlichkeit? Wie entwickelt sich die eigene Identität? Und was hat dabei größeren Einfluss: Gene oder Umfeld? Lukas und Phillip sind in der Schule nicht Lukas und Phillip, sondern "die Zwillinge". Und tauchen sie seltenerweise mal einzeln auf, dann heißt es oft: "Schaut mal, da ist Lukas oder Phillip." Das belastet die beiden Jungs. Alle Zwillingspärchen, die wir befragt haben, sprechen auch von einer enormen Konkurrenz untereinander. "Man wird gerade von der Verwandtschaft oft auf Unterschiede hin untersucht", erzählen Julia und Lena Krebeck aus Hamm (22). "Das ist manchmal sehr unangenehm". Und dann ist da noch die Sache mit den Jungs. "Mich hat mal einer angesprochen und ist abgeblitzt", sagt Matina Jovanovic (27). "Dann ist er eben zu meiner Schwester Marijana gewechselt." Schon merkwürdig, offenbar so austauschbar zu sein - und ein echter Konfliktherd. Und doch wussten diese beiden ihr Zwillingsdasein auch praktisch einzusetzen. Matina besuchte in der Schule die Lese AG, Marijana sang im Chor. "Irgendwann hatte ich Lust, auch mal zu singen und wir begannen, die Rollen zu tauschen", berichten die beiden. "Wir vergleichen uns manchmal mit einem alten Ehepaar", sagt Andrea Dreizehnter (51), die mit ihrer Zwillingsschwester Michaela Sawinski aus einem kleinen Ort bei Heidelberg zum Zwillingstreffen in Bielefeld angereist ist. "Wir lieben uns, können aber auch streiten wie die Kesselflicker." Die beiden leben mit ihren Familien im selben Haus, verstehen einander oft ohne Worte. "Manchmal reicht ein Blick und die andere weiß bescheid". Oft ertappen sich die beiden Frauen dabei, dass sie in exakt demselben Moment exakt dieselben Worte benutzen, fast so, als gäbe es eine unsichtbare Verbindung zwischen den beiden Köpfen. "Es ist ein beruhigender Gedanke, dass da jemand so nah ist und so vertraut."

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