Rappelvoll: Zu den Konzerten von Wincent Weiss und Seven kamen auf den Jahnplatz insgesamt fast 15.000 Menschen. - © Sarah Jonek
Rappelvoll: Zu den Konzerten von Wincent Weiss und Seven kamen auf den Jahnplatz insgesamt fast 15.000 Menschen. | © Sarah Jonek

Bielefeld 420.000 Besucher: Bielefelder Leinewebermarkt knackt Rekord

Mediterraner Flair am finalen Wochenende / Veranstalter und Schausteller ziehen positive Bilanz / Sicherheitsauflagen sorgen für Kopfzerbrechen / Stadtfest 2018 erstmals im Juni

Dennis Rother

Bielefeld. Es war ein Leinewebermarkt auf Rekordniveau: Chef-Organisator Martin Knabenreich von Bielefeld Marketing schätzt, dass rund 420.000 Besucher in die City geströmt sind. Bielefelder und Auswärtige hätten besonders Flair und Atmosphäre gelobt. „Die Resonanz bei Schaustellern reichte von positiv bis begeistert", so Knabenreich. Größere Einsätze habe es von DRK oder Polizei nicht gegeben. Wegen der Hitze klagten manche Gäste über Kreislaufprobleme. Offenbar sei das Konzept der unterschiedlichen Veranstaltungsplätze für unterschiedliche Zielgruppen aufgegangen. Die Stadt habe „unter Dauerstrom" gestanden, lediglich unterbrochen durch Regenschauer am Sonntag. Ärger um Verkehrsstörungen hat Knabenreich mitbekommen. Er setze auf Verständnis, auch bei Anwohnern. Die Infrastruktur sei stark in Anspruch genommen worden, aber Städte bräuchten fürs Image derartige Feste, um sich zu präsentieren. Um in Zeiten von Terroranschlägen Sicherheit für die Feiermeile zu gewährleisten, war hinter den Kulissen ein Kraftakt nötig, sagte Knabenreich. Sicherheitsdienste schoben rund 15 Prozent mehr Schichten als im Vorjahr, der Jahnplatz wurde durch Schausteller-Zugmaschinen bewusst abgeriegelt. „48 Seiten umfasste das Sicherheitskonzept, es ging durch fast alle Ämter." Der „Wust an Vorschriften" binde immer mehr Personal. Das kostet. Knabenreich: „Wir stoßen an Grenzen." Nach dem Leineweber ist vor dem Leineweber. Es bleibt 2018 beim Fünf-Tage-Fest, sagte Knabenreich. Laut Plan soll’s am Mittwoch, 30. Mai, losgehen. Schluss ist am Sonntag, 3. Juni. Am Donnerstag dazwischen ist Fronleichnam. Womöglich kommt der Freifallturm „Hangover" erneut. Laut Sebastian Wappelhorst, Leineweber-Projektleiter bei Bielefeld Marketing, war das die meistfotografierte Attraktion. Mit Schausteller Ewald Schneider will Martin Knabenreich sprechen. Am finalen Wochenende gab's Straßenflair wie im Süden. Dafür sorgten nicht zuletzt die hochsommerlichen Temperaturen. Rappelvoll war die City. Besonders beliebt: schattige Plätzchen. Rambazamba und Show gab’s dennoch – nicht nur auf den Bühnen. LEINEWEBER SPORTLICH Bielefelds Vereine zeigten auf dem Bunnemannplatz bis in die späten Abendstunden einen Auftritt nach dem anderen. Jazz-Dance, Gymnastik, Zumba, sogar Ringen. Die Nachwuchs-Showgruppe vom Kunstturnverein Bielefeld präsentierte Akrobatisches zu Dance-Pop. „Wir haben lange auf den Leineweber hingearbeitet", sagte Übungsleiterin Daniela Kunkel. Die Eltern der Kinder fieberten und wippten vor der Bühne mit. Es lief alles rund, so Kunkel. Etwas platt seien alle, logisch. „Aus dem Schatten wollen wir nicht mehr raus", sagte Charlotte (15) und grinste. „Lampenfieber hatte ich aber nicht." Abkühlung brachte für Charlotte und Co. der Merkurbrunnen – genauso wie für die Jugend-Boogietänzerinnen vom Studio Parts. Deren roter Dress samt Cheerleader-Pompons stach heraus. Hochrot waren dann auch die Gesichter der Sportlerinnen. Manöverkritik von Merle Große-Tebbe: „Alles passte." Die Trainerin konnte auf Routine bauen: Tänzerin Pauline (13) ist schon seit dem vierten Lebensjahr dabei. LEINEWEBER GEMÜTLICH Flanieren, klönen, essen und trinken sowieso – zwischen Kunsthalle und Rathausplatz war Volksfestatmosphäre. Es gab Szenen, die an die Mittelmeerküste erinnerten. Der Schachverein Zweihochsechs lud etwa zum „Streetschach" bei mediterranem Flair. Dort kam’s zum Duell Vater gegen Sohn: Ilija Bajraktarov (42) gegen Filius Filip (10). Am Ende triumphierte der Junior. „In der Grundschule Babenhausen war ich in der Schach-AG, daran liegt’s", sagte Filip und lachte. Schach gelernt habe er ursprünglich von Opa Todor. Papa Ilija nahm die Pleite gelassen, freute sich mit dem Junior. Mama Sandra war „als Fan dabei. Fan von beiden." Ilija und Filip kamen im Dress des VfR Wellensiek. Dort ist Ilija Jugend-Coach, Filip Torwart beim E2-Nachwuchs. „Statt zum Fußball gehen wir jetzt zu weiteren Bühnen, immer dorthin, wo Gitarrenmusik gespielt wird", sagte Ilija Bajraktarov nach dem Streetschach. Gitarre zu spielen, dafür brenne sein Sohn nämlich ebenso. LEINEWEBER MUSIKALISCH Bei der Bühnenwahl hatten alle Gäste die sprichwörtliche Qual der Wahl. An jeder Straßenecke wechselten die Klänge. „Es fühlt sich an, als wäre man auf einem Musikfestival, total ungezwungen", sagten Martin (51) und Stefanie Köhler (44) aus Schildesche. Tochter Nina stehe auf Rock, sie habe sich Richtung Süsterplatz abgeseilt. „Da scheppert’s mir zu sehr", sagte Martin. Die Eltern wählten stattdessen Blues auf dem Klosterplatz. „Nicht zuletzt weil’s da mehr Bewirtung gibt", fügte Martin augenzwinkernd an. LEINEWEBER NOSTALGISCH Wer’s urig wollte, der ging zum Jodokus-Kirchplatz. Stilecht mit barocker Perücke, Hut, Dudelsack und edlem Gewand empfingen dort der Marquis de Tisserand (Matthias Kleine) und Giacomo (Hans-Fabian Schimmelpfennig) das „gemeine Volk". Ihr Habitus ähnelte dem von königlichen Statthaltern. Der Grund: Marquis de Tisserand heißt übersetzt Markgraf der Weber. „Uns gehört also quasi der Markt", scherzte Kleine. Volle Montur in brütender Hitze – das hält man nur mit Kaltgetränken aus. Kleine: „Wir sind beste Kunden der Taverne nebenan.

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