Ach du Schreck: Eine Bielefelderin hatte keine 36 Stunden nach ihrer Anmeldung bei Parship ihre Mitgliederschaft widerrufen. Doch das Dating-Portal stellte trotzdem 360 Euro in Rechnung. Wie in dieser nachgestellten Szene, war die 34-Jährige entsetzt. - © dpa
Ach du Schreck: Eine Bielefelderin hatte keine 36 Stunden nach ihrer Anmeldung bei Parship ihre Mitgliederschaft widerrufen. Doch das Dating-Portal stellte trotzdem 360 Euro in Rechnung. Wie in dieser nachgestellten Szene, war die 34-Jährige entsetzt. | © dpa

Bielefeld Abzocke? 360 Euro für 36 Stunden bei Parship

Streit um Wertersatz: Das Liebes-Portal bucht nach Widerruf einer Bielefelderin knapp drei Viertel des Jahresbeitrags ab

Jens Reichenbach
08.03.2017 | Stand 08.03.2017, 11:10 Uhr

Bielefeld. Der Singlemarkt ist stark umkämpft. Zahlreiche Anbieter buhlen vor allem Online um die Gunst der Menschen auf Partnersuche. Auch die Bielefelderin Katja L. (Name geändert) wollte sich dort einen Überblick verschaffen und meldete sich an einem Abend bei der Partnerbörse Parship an. Kurz nach der Anmeldung jedoch machte sie schon wieder von ihrem Recht auf Widerruf Gebrauch. Trotzdem behielt Parship 360,80 Euro von ihrer Jahresgebühr ein. Zu Unrecht, wie Verbraucherschützer kritisieren. Katja L. will sich jetzt dagegen wehren. "Ich dachte, wenn ich für eine Premiummitgliedschaft mehr als 500 Euro Jahresbeitrag zahle, sehe ich endlich auch die Profilbilder der Singlemänner. Doch das war nicht der Fall. Ich musste jeden einzeln bitten, sein Profilbild für mich freizugeben." So erreicht sie an jenem Abend auf ihre Initiative drei Männer. "Ich bekam zwei Komplimente und ein paar Textnachrichten. Das war's." Bei den kostenlosen Portalen sei viel mehr los, erkannte L. und entschied sich keine 36 Stunden nach ihrer Anmeldung zum fristgerechten Widerruf. Wertersatz für 5 von 7 garantierten Kontakten Umso größer war ihr Erstaunen, als ihr das Ende der Mitgliedschaft umgehend bestätigt wurde, aber dafür folgende Rechnung präsentiert wurde: "Produktpreis für zwölf Monate: 505,13 Euro.Garantierte Kontakte: 7. Davon zustande gekommene Kontakte: 5. Wertersatz: 360,80 Euro." Katja L. war entsetzt. "Was sind schon sieben Kontakte, wenn jede Antwort auf meine Nachricht als ein Kontakt gezählt wird?" Als Nachricht gilt übrigens nicht nur ein Chattext, sondern auch eine Fotofreigabe, ein Kompliment oder ein Lächeln. "Das hilft Parship ganz viel Kohle zu scheffeln." Was ist Wertersatz? Wer ein Auto kauft und dieses wegen eines Fehlers nach sechs Monaten zurückgibt, muss dem Händler einen Wertersatz für sechsmonatige Nutzung bezahlen. Parship nimmt aber nicht die Zeit der Mitgliedschaft als Maßstab der Berechnung, sondern die Zahl der Kontakte: "Die Vermittlung von passenden Partnern ist das Herzstück unseres Services", erklärt Unternehmenssprecherin Anika Bollow. "Premiummitglieder bekommen eine Mindestanzahl an Kontakten garantiert. Wir stellen sicher, dass jeder vorgeschlagene Kontakt besonders gut zum jeweiligen Mitglied passt. Das ist unsere Kernleistung. Und das ist der Grund, weshalb wir für bereits entstandene Kontakte Wertersatz berechnen." "Dieses Vorgehen hält Verbraucher von ihrem Widerrufsrecht ab" Die Verbraucherzentralen (VZ) bezeichnen dieses Vorgehen als unzulässig, "da es nach unserer Auffassung geeignet ist, Verbraucher von der Ausübung ihres Widerrufsrechts abzuhalten." Zahlreiche Einzelklagen gegen das Portal hatten bereits Erfolg. Auch Katja L. informierte sich und fragte bei der Bielefelder VZ nach. Dort läuft bisher etwa einmal im Monat ein vergleichbarer Fall auf, sagt Bettina Willner: "Dabei konnten wir auch schon außergerichtlich Erfolge erzielen. In diesen Fällen wurde der Wertersatz schließlich doch taggenau abgerechnet." Im Fall von Katja L. läge der Wertersatz dann bei 2,77 Euro. Rechtsanwalt Christian Bergmann, der die Bielefelderin berät, erwägt nun zu klagen: "Die Situation für meine Mandantin ist sehr unangenehm. Sie hatte Kontakt mit vielleicht völlig uninteressanten Männern, soll dafür aber 360 Euro zahlen. Niemand rechnet nach zwei Tagen mit einer so hohen Rechnung." Lang erwartetes OLG Urteil gibt Parship Recht Erst vergangene Woche war in diesem Fall ein lang erwartetes Urteil am Oberlandesgericht in Hamburg ergangen (Az.: 3U122/14): Die Klage der VZ gegen Parship wurde in zweier Instanz abgewiesen. Gerichtssprecher Kai Wantzen erklärt: "Die Verbraucherzentrale wollte verbieten lassen, den Wertersatz in jeder anderen Weise abzurechnen, als nach Zeit. Diese Forderung hätte aber zu viele Möglichkeiten der Abrechnung ausgeschlossen. Aus diesen Gründen hatte die Klage keinen Erfolg." Auch konnte keine Irreführung der Mitglieder nachgewiesen werden. Trotzdem sagt Wantzen: "Dieses Urteil hat aber mit dem Sachproblem nicht viel zu tun. Einzelne Kunden können weiterhin gegen die Höhe des Wertersatzes klagen und müssen es wohl auch", so Wantzen. Denn Parship kündigte an, seine Praxis beizubehalten. VZ-Anwältin Julia Rehberg rät Katja L. und anderen Betroffenen trotz des Urteils zur Klage: "Die Chancen stehen weiterhin gut." Und die Bielefelderin ist ohnehin sicher: "Ich würde lieber noch einmal einem Anwalt Geld geben, als diese Summe zu akzeptieren." „Alle elf Minuten verliebt" Parship ist eine Tochter der ProSiebenSat.1 Group (vorher Holtzbrinck-Verlag). In Deutschland ist die Online-Partneragentur seit 2001 aktiv. Jedes Jahr registriert das Unternehmen im Schnitt 1,5 Millionen neue Mitglieder. 28.000 Neumitglieder pro Woche. Die Agentur wirbt mit einem wissenschaftlich erforschten Matchingsystem, mit dem man passende Partner für eine stabile und glückliche Liebesbeziehung ausfindig machen soll. Der Werbeslogan des Unternehmens „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship" wurde Ende 2015 allerdings als „Unstatistik des Jahres" ausgezeichnet. Rein statistisch bedeute diese Aussage, dass die Chance, sich zu verlieben, bei 2 Prozent liege, so die Begründung der Statistikwissenschaftler.

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