Offene Diskussion über eine offene Gesellschaft: (v.l.) Nilgün Isfendiyar, Moderatorin Andrea Marten, Aladin El Mafaalani, Michael Heiks, Leshker Berho und Kathrin Stühmeyer sprachen  im Theater am alten Markt. - © Christian Weische
Offene Diskussion über eine offene Gesellschaft: (v.l.) Nilgün Isfendiyar, Moderatorin Andrea Marten, Aladin El Mafaalani, Michael Heiks, Leshker Berho und Kathrin Stühmeyer sprachen  im Theater am alten Markt. | © Christian Weische

Bielefeld Soziologe: Gute Integration führt zu mehr gesellschaftlichen Konflikten

Diskussionsveranstaltung: Experten sprechen über Rechtspopulismus sowie Thesen zur Zukunft der Gesellschaft und berichten über Erfahrungen mit Migration im Alltag

Bielefeld. Je besser Integration gelingt, desto größer wird das politische Konfliktpotenzial in einer Gesellschaft. Aladin El Mafaalani, Professor für politische Soziologie an der Fachhochschule Münster, überraschte mit paradoxen Erkenntnissen. Er sprach vor fast 300 Besuchern im Theater am Alten Markt. Die Initiative "Offene Gesellschaft" hatte am Sonntag eingeladen, um über Migration, Populismus, Demokratie und Integration zu diskutieren und zu informieren. Die offene Gesellschaft, also die liberale Demokratie westlicher Prägung, steht unter Druck von rechts - und zwar weltweit, so El Mafaalani. Denn ihre Erfolge - etwa dass jeder, gleich welcher politischen Überzeugung, Religion, Herkunft oder sexueller Ausrichtung, dazugehören könne - löse eine Gegenbewegung aus: Rechtspopulisten agitierten gegen Eliten oder Einwanderer und würden die vermeintlich glorreiche Vergangenheit von Nationalstaaten heraufbeschwören. "In der offenen Gesellschaft wollen sich nicht nur immer mehr Menschen ein Stück von Kuchen abschneiden, sie möchten auch das Rezept des Kuchens mitbestimmen", sagt der Soziologe. "Damit haben Konservative ein Problem." Die Konkurrenz bei der Verteilung von Ressourcen beschere Rechtspopulisten auch Erfolge bei linken Wählern. "Um dagegen anzugehen, müssten sich die liberalen Kräfte einig sein, wofür sie gemeinsam sind." Als Unternehmerin hat Kathrin Stühmeyer ganz praktische Erfahrungen mit Flüchtlingen und Integration gesammelt. Die Firma Halfar Systems hat Geflüchteten Praktikumsplätze angeboten. "Dabei muss vor allem die Belegschaft mitziehen. Der beste Integrationshelfer ist der Kollege." Drei Männer hätten die Ausbildungsreife erlangt, doch nach über einem Jahr seien ihre Asylanträge abgelehnt worden, nun sollten sie ausreisen. Stühmeyer: "Flüchtlinge und Unternehmen brauchen schneller Perspektiven. Wie auch immer die sind, sie müssen klar sein." Sonst gebe es Frustration auf allen Seiten. In Deutschland Fuß gefasst hat Leshker Berho, der vor drei Jahren aus Syrien geflohen ist, da er weder bei den IS-, noch den Assad-Truppen Kriegsdienst leisten wollte. Mit viel Engagement und Eigeninitiative hat er seinen Weg gefunden und gehört heute als Schauspieler zum Ensemble des Alarmtheaters. Nilgün Isfendiyar, Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums, forderte ein deutliches Bekenntnis zur Einwanderung und zu einem durch Migration geprägten Land. Ein Beispiel für Integration lieferte Michael Heiks, Intendant des Stadttheaters: Dort arbeiten Menschen aus 38 Nationen zusammen. "Sehr vieles machen wir in Deutschland "unheimlich gut", so der Intendant. "Wir sollten das auch vermitteln und herauskehren, was funktioniert." Er kritisierte die Beschneidung der Kunstfreiheit in Ungarn und Polen, aber auch Veranstaltungen der türkischen Regierungspartei in Deutschland. "Da setzen sich Menschen, die hier in Freiheit leben, dafür ein, dass woanders Freiheit eingeschränkt wird." Gast im Publikum war auch Polizeipräsidentin Katharina Giere. Sie warnte davor, die Augen vor Konflikten zu verschließen. Auch unter Flüchtlingen gebe es Kriminalität, etwa Gewalt gegen Frauen. Und es gebe junge Männer aus den Magrebstaaten, "die nicht gekommen sind, um sich zu integrieren, sondern die hoch kriminell unterwegs sind". Zudem gebe es Probleme mit Rechtsextremen, die Gewalt gegen Flüchtlinge verübten sowie mit einem islamistisches Potenzial. "Man darf aber kein falsches Bild aufkommen lassen: Der weitaus größte Teil der Flüchtlinge sucht hier nur Sicherheit und Frieden." Insgesamt laufe es in Deutschland doch gar nicht schlecht, so eine Stimme aus dem Publikum. "Stimmt", sagt Nilgün Isfendiyar vom Integrationszentrum, "aber wir dürfen mit unseren Anstrengungen für die Integration nicht lockerlassen."

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