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Hinter dem Sarg: Kaiser Wilhelm II. und Prinz Heinrich folgten bei schneidender Kälte dem Sarg des kaiserlichen Erziehers Georg Hinzpeter. Der war am 28. Dezember 1907 in Bielefeld gestorben und wurde am 2. Januar 1908 auf dem Johannisfriedhof begraben. - © Stadtarchiv Bielefeld
Hinter dem Sarg: Kaiser Wilhelm II. und Prinz Heinrich folgten bei schneidender Kälte dem Sarg des kaiserlichen Erziehers Georg Hinzpeter. Der war am 28. Dezember 1907 in Bielefeld gestorben und wurde am 2. Januar 1908 auf dem Johannisfriedhof begraben. | © Stadtarchiv Bielefeld

Bielefeld Warum Kaiser Wilhelm II. am 2. Januar 1908 bei Eiseskälte nach Bielefeld reiste

Georg Ernst Hinzpeter: In Bielefeld gestorben, auf dem Johannisfriedhof begraben

Thomas Güntter
02.01.2017 | Stand 01.01.2017, 19:13 Uhr

Bielefeld. Der Chronist überschlug sich fast. Aus heutiger Sicht muten die Zeilen wie Satire an. Damals waren sie ernst gemeint. Und das nicht nur, weil der Anlass ernst war. Am 28. Dezember 1907 war Georg Ernst Hinzpeter im Alter von 80 Jahren gestorben. Er war seit 1866 der Erzieher und Hauslehrer des späteren Kaisers Wilhelm II. Zu seiner Beerdigung am 2. Januar 1908, heute vor 109 Jahren, erschienen der Kaiser und sein Bruder Prinz Heinrich höchstselbst und folgten trotz schneidender Kälte in der Nähe des Oberntorwalls seinem Sarg. Nach der kurzen Trauerfeier auf dem Johannisfriedhof verließ der Sonderzeug um 15.15 Uhr mit Kaiser und Prinz den Bielefelder Hauptbahnhof und fuhr zurück nach Berlin. Sämtliche früheren Zöglinge des Pädagogen stifteten im drauffolgenden Jahr eine Marmorgruft mit der Büste von Hinzpeter für den Johannisfriedhof. Der Prinz musste griechische Epen zu Pferde rezitieren Am 3. Januar 1908 stand im Bielefelder Generalanzeiger: "Es ist immer für uns Menschen ein besonderer Augenblick, den Kaiser in nächster Nähe zu sehen. Das Imponierende seiner Erscheinung fasziniert. Alles am ihm ist Herrscher, wie er so in das Trauerzimmer tritt, und doch fliegt ein männlich schöner Zug von Freundlichkeit über das tiefernste Gesicht, als er zur Freifrau von Ditfurth tritt, die in tiefschwarzer Trauerkleidung am Sarge steht. Warme herzliche Worte sind es, die der Kaiser den Angehörigen des Entschlafenen sagt." Später wird man für diese Art des Journalismus den Begriff "Hofberichterstattung" einführen. Der Bielefelder Historiker und Archivar Professor Reinhard Vogelsang hatte im zweiten Band seiner "Geschichte der Stadt Bielefeld" geschrieben: Die sogenannten "Kaisertage" seien aus heutiger Sicht völlig unverständlich. Wörtlich: "Immer dann, wenn ein Mitglied des preußischen Herrscherhauses die Stadt besuchte, schlugen die Wogen der Begeisterung hoch, und war der Kaiser selbst der Besucher, kannte der Überschwang keine Grenzen." Die Folgen der Festkomitees, der geschmückten Tribünen, Jubeleskorten, Ehrenjungfrauen, der unterwürfigen Reden und donnernden Hochrufe hätten mit den Augen der Gegenwart gesehen, eher etwas Komisches und es sei schwierig zu verstehen, dass dies alles im vollen Ernst ablief. Vogelsang: "Die Kehrseite der Maßlosigkeit war die Unfähigkeit, die kaiserliche Politik kritisch zu begleiten und zu erkennen, dass schließlich mit dem Feuer gespielt wurde." Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" charakterisiert Hinzpeter 1965 als "starren, calvinistischen Schulmeister". Eine besondere Tortur war für den behinderten Knaben Wilhelm der Reitunterricht. Sein linker Arm war verkrüppelt, und Hinzpeter hob den "unaufhörlich herabstürzenden Reiter" immer wieder aufs Pferd. Wilhelm weinte bitterlich. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich der Kaiser, dass ihm das Reiten "trotz tränenreichen Widerwillens" von Hinzpeter mit "besonderer Entschiedenheit aufgezwungen" worden war. Die Hauptschuld an der deformierenden Erziehung des Hohenzollern-Thronfolgers gibt die Biografin Virginia Cowles, der Mutter Wilhelms, Prinzessin Viktoria. Sie hatte Hinzpeter engagiert und unterstützte dessen harte Erziehung nach Kräften. So musste Wilhelm auf seinen Ausritten auch noch griechische Epen rezitieren. Laut "Spiegel" begann der ständig geschurigelte Prinz aufsässig zu werden. Hinzpeter selbst verzeichnete, dass der Zwölfjährige hochfahrend und selbstherrlich geworden sei. Wilhelm hatte sich daran gewöhnt, das "Gefühl der Unsicherheit" mit Hochmut zu überspielen. Der Kaiser wurde im Laufe der Jahre zu einem Neurotiker - mit Verbindungen in diese Stadt. Wilhelm II. hat sich mehrfach in Bielefeld aufgehalten. Als Kaiser erstmals im Jahr 1897, um die Huldigung der Honoratioren entgegenzunehmen, dann wieder im Jahr 1900 zur Einweihung des Kurfürstendenkmals auf der Sparrenburg, 1907, um das Denkmal für seinen Großvater, Wilhelm I., vor dem Rathaus zu enthüllen, und dann wieder 1908, um seinem Erzieher Georg Hinzpeter das letzte Geleit zu geben. Der erste Besuch von 1897 ist auch überregional bekannt geworden. Nach einer Besichtigung der Kolonie Wilhelmsdorf, die zu Bethel gehört, und nach einem Rundgang durch die von Bodelschwinghschen Anstalten, hatte sich der Kaiser auf die Sparrenburg begeben. Dort war er vom Oberbürgermeister und zahlreichen Ehrengästen begrüßt worden, hatte die Huldigung und einen Empfangstrunk entgegengenommen und war dann in einer eher mild gestimmten Ansprache unvermittelt politisch geworden: "Tief durchdrungen von dem siegreichen Erfolge evangelischer Liebestätigkeit, die gerade auf westfälischem Boden und in Bielefelds Mauern so herrliche Früchte gezeitigt hat, erhebe ich den Pokal in der Hoffnung, dass Westfalens Söhne nicht zurückstehen werden mit ihrer Unterstützung meines Programmes: Schutz der nationalen Arbeit aller produktiven Stände, Kräftigung eines gesunden Mittelstandes, rücksichtslose Unterwerfung jedes Umsturzes und die schwerste Strafe dem, der sich untersteht, einen Nebenmenschen, der arbeiten will, an freiwilliger Arbeit zu hindern." Die "Neue Westfälische Volkszeitung", so Vogelsang, habe einen Zusammenhang vermutet zwischen der kaiserlichen Drohung und dem zur gleichen Zeit stattfinden Streik der Maurer und Zimmerleute. Nach des Kaisers Worten habe "die Socialdemokratie den größten Terrorismus ausgeübt", indem sie sich in Massen am Bahnhof sammelten und dadurch die Arbeitskräfte, die von auswärts kamen, abschreckten. Erst in Zusammenhang mit der Zuchthausvorlage der Reichsregierung aus dem Jahr 1899, in der die kaiserliche Drohung in ein Gesetz eingeflossen war, erhielt das Ereignis seine volle Bedeutung. Für den Angriff auf das Streikrecht, so Vogelsang, fand sich jedoch im Reichstag keine Mehrheit. Durch die Gesellschaft ging ein tiefer Riss Durch die Gesellschaft ging ein Riss, am Tag des Kaiserbesuches sonnte sich das Bürgertum im Glanz des Monarchen. Für die anderen war es nur ein Tag, an dem der Lohn ausfiel. Vogelsang: "Die Arbeiterschaft hatten keinen Grund, hierfür dem Kaiser zuzujubeln. Für die Biografin Virginia Cowles zeigt sich in den Wesenszügen von Wihelm II. das Psychogramm eines Neurotikers. Angesichts des Ersten Weltkrieges, in dessen Ursachen der Kaiser verstrickt war, zitiert sie ein Wort Winstons Churchills über den Kaiser: "Es war nicht seine Schuld, es war sein Schicksal." Die Biografin trocken: "Es war unser aller Schicksal." Seine Regentschaft endete mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg am 28. November 1918. Er ging nach Holland ins Exil, wo er 1941 starb.

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