Familienleben: In den Unterkünften oft nicht einfach. - © Barbara Franke
Familienleben: In den Unterkünften oft nicht einfach. | © Barbara Franke

Bielefeld In den Unterkünften für Flüchtlinge rumort es

Eine steigende Zahl der Asylbewerber ist frustriert. Religiöse Auseinandersetzungen, Kriminalität, enge Belegungen, ungeliebtes Essen, Langeweile und Warterei zerren an den Nerven

Bielefeld. Die Verantwortlichen in den Flüchtlingsunterkünften zeichnen gerne ein weiches Bild von der Lage. Tenor: Alle sind gut versorgt, die Stimmung ist gut. Doch das entspricht zunehmend nicht den Tatsachen, wie Asylbewerber und Helfer vermehrt berichten. Sie erzählen von einem steigenden Frustpegel und großer Enttäuschung. Manche sind deswegen körperlich angeschlagen. Die Probleme: Wartezeiten Seit Monaten harren zahlreiche Flüchtlinge in den Unterkünften aus, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wie lange dieser Zustand noch dauern könnte. Viele sagen, sie fühlen sich nutzlos und zugleich rastlos, ohne dass es etwas zu tun gäbe. In manchen Unterkünften wie am Rütli im Teutoburger Wald ist auch noch die Internetverbindung so schlecht, dass sie sich auch von der Außenwelt abgeschnitten fühlen. Informationsdefizit Verstärkt wird der Frust darüber, dass viele nicht wissen, wie es um ihren Antrag auf Asyl steht, wann es zu Gesprächen kommt und warum andere, die später angekommen sind, bereits diese Prozesse hinter sich haben. Vor allem Flüchtlinge aus dem Jahr 2015 wundern sich darüber, dass Ankömmlinge aus 2016 mit den Formalitäten an ihnen vorbeigezogen sind. Zumindest berichten sie davon. Kürzlich tauchten Dutzende Flüchtlinge im Alten Rathaus auf, um Informationen vom Oberbürgermeister einzufordern. Sie wurden wieder weggeschickt, weil nicht die Stadt, sondern nur das Bundesamt ihre Fragen beantworten kann. Belegung In manchen Unterkünften ist die Belegung für Bewohner kaum auszuhalten. Ältere Flüchtlinge finden bei der Enge keine Ruhe, wenn zu viele Junge um sie herum sind, manchmal liegen vier Fremde in einem mit Bauzaun abgesteckten Raum, in einem Fall sogar ein junges Ehepaar mit zwei fremden Männern. Vor allem Frauen leiden unter diesen Zuständen. Generell klagen viele Flüchtlinge über Schlafmangel, weil es immer laut ist in den Hallen, auch nachts. Die Abtrennungen halten keinen Schall zurück. Religiöser Stress In mehreren Unterkünften ist es zu Streitereien aus religiösen Gründen gekommen, in einer sollen Flüchtlinge sogar mit den Messer aufeinander losgegangen seien. Dort stritten sich Jesiden mit Muslimen. Zum Teil wurden die Menschen danach verlegt - getrennt nach Religion. Kriminalität Vor allem eine Unterkunft in Gadderbaum ist mit Flüchtlingen belegt, die Probleme bereiten. Die dort hauptsächlich wohnenden arabischen Afrikaner sind mehrfach bei Diebstählen erwischt worden, unter anderem im Marktkauf Gadderbaum. Praktisch alle dort, heißt es, seien kriminell geworden. Vor Ort gab es eine Ansprache der Polizei. Stehlende Mitflüchtlinge sorgen auch an anderen Orten für angespannte Beziehungen. Essen Das ist ein Frustthema in Unterkünften mit Cateringservice. Die vorgekochten Tiefkühlmahlzeiten sind weitgehend unbeliebt, die Portionen, klagen Flüchtlinge, sind zu klein. Es hat deshalb Essensverweigerungen gegeben. Sprachkurse Einigen Flüchtlingen kann es gar nicht schnell genug gehen mit dem Deutschlernen, für sie ist aber mitunter nach 100 Unterrichtsstunden Schluss. Mehr ist für Asylbewerber mit geringeren Bleibeperspektiven nicht vorgesehen. Das empfinden die als frustrierend, die unbedingt weiterkommen wollen. Andere bekommen 300 Kursstunden angeboten, interessieren sich aber nicht dafür oder kommen erst gar nicht. Deshalb empfinden Asylbewerber aus manchen Staaten sich hier als Flüchtlinge zweiter Klasse. Zum Beispiel die Somalier. Die haben deswegen schon demonstriert. Krankheiten, Trauma Chronisch kranke Asylbewerber - etwa zuckerkranke oder mit Bluthochdruck - haben es schwer in den Massenunterkünften, eine Verlegung und bessere Behandlung ist nicht garantiert. Manche leiden an einem Kriegstrauma. Zu Silvester, wird berichtet, hätten mehr als ein Dutzend versucht sich das Leben zu nehmen. Sie ertrugen die Böllerei nicht.

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