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Streitobjekt: So sehen die Funkmeldeempfänger aus, die seit 2014 die Bielefelder Retter über ihre Einsätze informieren. - © NW
Streitobjekt: So sehen die Funkmeldeempfänger aus, die seit 2014 die Bielefelder Retter über ihre Einsätze informieren. | © NW

Bielefeld Bielefelder Rettungskräfte: Jeder zehnte Alarmpieper bleibt stumm

Die Leitstellen für Rettungsdienst und Feuerwehr erreichen teilweise ihre Retter nicht. Die Stadt bemängelt Fehlfunktionen bei einem Teil der 800 neu angeschafften Funkmeldeempfänger

Jens Reichenbach
03.02.2016 | Stand 03.02.2016, 14:15 Uhr

Bielefeld. Wer für die Feuerwehr oder den Rettungsdienst tätig ist, führt immer einen sogenannten Alarmpieper (Pager) mit sich. Die Leitstellen alarmieren auf diesen digitalen Funkmeldeempfängern (FMEs) mit kurzen Textnachrichten ihre Mitarbeiter, geben ihnen erste Einsatzinfos und Adressen mit auf den Weg. Doch was passiert, wenn diese Nachricht gar nicht beim Retter ankommt? Ein Mann bricht zusammen, er kriegt keine Luft und klagt über stechende Schmerzen im Brustbereich. Ein Herzinfarkt? Jetzt zählt jede Sekunde. Ein Rettungsassistent wartet bereits vor dem Krankenhaus auf den Notarzt, um ihn mit Blaulicht und Martinshorn zum Patienten zu bringen. Doch der Arzt kommt einfach nicht. Das ist laut Insidern in Bielefeld bereits passiert. Der Funkmeldeempfänger des Notarztes hatte ihn schlicht nicht mit einem Alarmton auf seinen Einsatz aufmerksam gemacht. Das Gerät hatte sich - ohne sein Zutun - auf stumm geschaltet. Ein lebensgefährlicher, technischer Fehler. "Das ist schlicht inakzeptabel" "Das ist schlicht inakzeptabel", sagt auch Feuerwehrchef Rainer Kleibrink, der den Hersteller der bisher 800 gelieferten Geräte bereits mit Hilfe des Rechtsamts um eine Nachbesserung gebeten hat. Er spricht von einem laufenden Verfahren, an dessen Ende möglicherweise sogar die Rückabwicklung des 216.000-Euro-Auftrags stehen könnte. Aus Rettungsdienstkreisen ist zu hören, dass dringend eine Lösung gefunden werden müsse. Die Freiwilligen Feuerwehren winken entnervt ab. "Wenn bei einer Löschabteilung mit 40 Leuten fünf nichts von ihrem Einsatz mitbekommen, dann ist das schlimm, aber leistbar", erklärt Kleibrink, der betont, dass die Feuerwehrbereitschaft trotz der Probleme nie gefährdet war. "Wenn aber die zweiköpfige Besatzung eines Rettungswagens deshalb ausfällt, ist das nicht akzeptabel." Eine Überprüfung des Feuerwehramtes hat ergeben, dass 4 Prozent der neu angeschafften FMEs gar nicht Alarm geschlagen haben, 8 Prozent hatten auf Vibrationsalarm umgestellt. Aufgetreten seien diese Probleme übrigens nicht direkt nach der ersten Lieferung 2014. "Die Probleme sind erst nach der Verschlüsselung der Funksignale aufgetreten", sagt Kleibrink. Die Verschlüsselung sei aber im Leistungsverzeichnis aus Datenschutzgründen gefordert gewesen. "Auf die Meldeempfänger werden sensible Daten übertragen, darauf können wir nicht verzichten." Berufsfeuerwehr nutzt erst einmal wieder die alten Geräte Das Angebot der Fachfirma aus Koblenz soll bei der Ausschreibung um ein erhebliches günstiger gewesen sein, als das des bisher genutzten Anbieters, hieß es aus Rathauskreisen. Möglicherweise existierende Gerüchte über vereinzelte Ausfälle der Koblenzer Geräte hätten aber nicht ausgereicht, um den Zuschlag dem teureren Anbieter zu geben. Erst im Nachgang seien jetzt ähnliche Probleme in anderen Kommunen bekannt geworden, sagt Kleibrink. Digitale Funkmeldeempfänger verwendet die Stadt bereits seit 2002. Die damals angeschafften Pieper seien nun aber in die Jahre gekommen und sollten eigentlich ausgetauscht werden. "Wir statten jetzt die Mitglieder der Berufsfeuerwehr wieder mit den alten Geräten aus, die noch nicht entsorgt wurden", sagt Kleibrink. Weil die nicht für alle reichen, nutzten die Freiwilligen Helfer private Alarmierungsschleifen über soziale Netzwerke oder sie behelfen sich mit der guten alten Telefonkette. Denn der Streit um die fehlerhaften FMEs wird noch Zeit in Anspruch nehmen. So hatte die Fachfirma, die gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar war, Störsignale in Bielefeld bemerkt. Doch diese sind laut einer Landesbehörde als Ursache für Störungen dieser Art zu gering, sagt die Stadt. Also muss ein aufwendiges Gutachten das Rätsel lösen.

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