Pilot und Experte für Lösegeldverhandlungen: Jörg Trauboth ging von Bielefeld aus in die weite Welt. Er flog Militärflugzeuge und verhandelte mit Erpressern. Seine neueste Tätigkeit als Notfallseelsorger bezeichnet er als die ehrlichste Form des Krisenmanagements. - © Andreas Frücht
Pilot und Experte für Lösegeldverhandlungen: Jörg Trauboth ging von Bielefeld aus in die weite Welt. Er flog Militärflugzeuge und verhandelte mit Erpressern. Seine neueste Tätigkeit als Notfallseelsorger bezeichnet er als die ehrlichste Form des Krisenmanagements. | © Andreas Frücht

Bielefeld Terrorexperte hat Thriller geschrieben

Interview: Jörg Trauboth war Kampfjetpilot und Krisenmanager bei Entführungen. Nun hat der Terrorexperte einen realistischen Thriller darüber geschrieben

Jens Reichenbach

Bielefeld. Drei Elitesoldaten der Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr sollen zwei deutsche Geiseln im Nordirak aus den Fängen des Islamischen Staates (IS) befreien. Doch die "Operation Eagle" wird verraten. Die drei Unzertrennlichen quittieren daraufhin den Dienst und machen sich als Bodyguards einer Unternehmerfamilie selbstständig. Doch auch hier schlägt der Islamische Staat zu. Im eigenen Flugzeug wollen die "Drei Brüder" die Geisel aus der algerischen Wüste befreien. Jens Reichenbach hat mit dem Autoren Jörg Trauboth über die Realität bei Lösegeldverhandlungen, Krisenmanagement und den Islamischen Staat gesprochen. Herr Trauboth, der Plot Ihres Politthrillers "Drei Brüder" liest sich wie ein Politthriller á la Hollywood. Wie viel Wahrheit steckt in Ihrer Geschichte? Jörg Trauboth: 80 Prozent der Infos in dem Buch sind real. Trotzdem sind alle geschilderten Handlungen und Personen frei erfunden. 80 Prozent Realität. Sie können das sagen, weil sie nicht nur jahrelanges Mitglied der Luftwaffe waren. Sie haben auch mehr als genug Erfahrungen mit Erpressern gehabt. Wie kam es dazu? Trauboth: Nach 30 Jahren als Waffensystemoffizier wollte ich etwas anderes machen. Auf mein Inserat "Oberst der Luftwaffe, ready for take off" meldete sich eine englische Firma für internationales Sicherheitskrisenmanagement. Was ist das? Trauboth: Ich wurde damals zum Special Risk Consultant ausgebildet und für die Bewältigung von Erpressungs- und Entführungslagen in Kolumbien, Mexiko, Brasilien und Russland eingesetzt. Das heißt, Sie haben mit Geiselnehmern über Lösegeldforderungen verhandelt? Trauboth: Ja. 70 Prozent der Arbeit galt aber der Prävention. Training, Sicherheitskonzepte aufbauen und Personen in gefährdeten Regionen und Ländern schützen. In 30 Prozent der Fälle ging es um reale Entführungen oder Produkterpressungen. Entführungen kennt man nur aus dem Fernsehen. Wie löst man so etwas im echten Leben? Trauboth: Wir haben vor Ort lokale Teams gebildet. Das sind in der Regel ein speziell ausgebildeter Verhandler, ein Vertreter der beteiligten Firma und ein Psychologe. Es gibt viele Dinge zu regeln. Was zum Beispiel? Trauboth: Zum einen sind wir Berater für die verzweifelten Angehörigen. Zum Anderen ist aber auch die Arbeit mit den Medien wichtig - besonders in Zeiten des Internets sind Stillschweigeabkommen wie im Fall Reemtsma kaum mehr durchzusetzen. Und im Ausland muss die Frage geklärt werden, ob man die Polizei einschaltet oder nicht. Letztlich gehören auch Entführungsverhandlungen dazu. Wie muss ich mir solche Verhandlungen vorstellen? Trauboth: Das Team muss sehr professionell arbeiten und immer das Risiko der eigenen Handlung abwägen. In Rio de Janeiro saß unser Team wochenlang im 18. Stock eines Hotels und verhandelte mit einer Guerillatruppe. Nach sieben Wochen ohne Fortschritte haben wir entschieden, mal nicht ans Telefon zu gehen, wenn die Entführer anrufen. Die Reaktion der Geiselnehmer darauf war sehr erbost. Wir sagten nur: Es hätte sowieso nichts geändert. Ein taktisches Mittel, um die Verhandlungen voranzutreiben. Kurz darauf gab es den entscheidenden Durchbruch. Bringt man damit nicht die Geiseln in Gefahr? Trauboth: Das Thema Entführung bedeutet Hochleistungsberatung, und es ist hochemotional. Vor allem für die Angehörigen. Es ist ein Geschäft: Leben gegen Geld. Je professioneller die Geiselnehmer umso besser. Ganz schlimm ist es, wenn es um politische Ziele geht. Und die Polizei? Die soll man bei Entführungen doch immer einschalten, oder etwa nicht? Trauboth: In Deutschland könnte ich nur abraten, die Polizei nicht einzuschalten. Die deutschen Behörden versichern glaubhaft, dass sie die Strafverfolgung gegenüber der Sicherheit der Geisel zurückstellen. Aber im Ausland ist oft nicht klar, wer bei der Polizei mit den Tätern unter einer Decke steckt. Dann agieren Agenten für Risikomanagement ohne die Behörden. Sie haben sich später im Risikomanagement selbstständig gemacht. Haben Sachbücher darüber geschrieben. Was war der Auslöser für den Roman? Trauboth: 2014 war ich an den Entführungsverhandlungen mit einer Abu-Sayyaf-Gruppe auf den Philippinen beteiligt. Diese hatte im April ein deutsches Seglerpaar verschleppt und über sechs Monate lang im Urwald festgehalten. Die Angst für alle Beteiligte war schlimm. Als die Geiseln auf deutschem Boden gelandet waren, habe ich gedacht: Das muss ich in einen Roman stecken. In einem Sachbuch lässt sich das nicht erklären. Wurde ein Lösegeld gezahlt? Trauboth: Das möchte ich nicht kommentieren. Hier war die Bundesregierung an den Verhandlungen beteiligt. Die USA, England, Kanada, Australien und Neuseeland zahlen grundsätzlich nicht. Allgemein kann ich sagen: Man darf dankbar sein, wenn man einen deutschen Pass hat. Doch verlassen würde ich mich auf diesen Vorteil nicht Wie viel von dieser Entführung kommt auch im Roman vor? Trauboth: Teile davon sind im Roman sicherlich zu finden. Die weibliche Geisel hatte immer Angst um ihren Partner. Sie war immer davon ausgegangen, dass zuerst er gefoltert und mit dem Tode bedroht werden würde. Trotzdem hatte sie sechs Monate lang in ihrem Schlafsack eine Glasscherbe versteckt. Damit wollte sie sich umbringen, sollte er getötet werden. Sie haben persönliche Erfahrungen mit Abu Sayyaf gemacht, Ihre Hauptpersonen im Buch kämpfen gegen den Islamischen Staat. Was macht die Milizen des IS so gefährliche? Trauboth: Einerseits ist der IS eine Terrormiliz wie andere auch. Aber sie haben in ihrem Machtbereich einen eigenen Staat aufgebaut - mit Steuern und Renten. Dort wurde ein Ordnungssystem aufgebaut, das den Menschen, die sich an die Scharia halten, relative Sicherheit gibt. Sie sagen, dass Sie eine Vorstellung haben, wie man den IS erfolgreich bekämpfen kann. Eine Frage, die viele Experten nicht beantworten können. Trauboth: Ich bin da auf der Linie des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Navid Kermani. Der Islamische Staat hat zwar ein Gebiet von der Größe Großbritanniens erobert, aber seine 20.000 bis 30.000 Soldaten sind besiegbar. Sie könnten in einer Bodenoffensive einer arabischen Liga, zusammen mit Spezialkräften verschiedener westlicher Militärs geschlagen werden. Das geht jedoch nur mit UN-Mandat. Welche Verbündeten könnten das sein? Trauboth: Auf arabischer Seite der Iran, Saudi Arabien, die Peschmerga, die Türkei und Jordanien. Alles Staaten mit einer eigenen konträren politischen Agenda. Es fehlt am politischen Willen für einen solchen gemeinsamen Angriff.

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