Viele Details: Aus den oft vielfarbig bedruckten Stoffen der Brüder Moritz und Julius Wallach fertigten fleißige Näherinnen schon damals die ersten eleganten Trachtenkleider. Und immer noch sind Modelle dieser Art der Hit zur Oktoberfest-Zeit.
Viele Details: Aus den oft vielfarbig bedruckten Stoffen der Brüder Moritz und Julius Wallach fertigten fleißige Näherinnen schon damals die ersten eleganten Trachtenkleider. Und immer noch sind Modelle dieser Art der Hit zur Oktoberfest-Zeit.

Bielefeld Bielefelder machten das Dirndl erst schick

Die jüdischen Geschäftsleute Moritz und Julius Wallach belieferten von München aus den europäischen Hochadel mit veredelten Versionen der bodenständigen Tracht

Heidi Hagen-Pekdemir

Bielefeld. Das Dirndl hat in Bielefeld eine ähnliche Tradition wie der Weihnachtsbaum in der islamischen Welt. Dass es ausgerechnet zwei Bielefelder waren, die der Arbeitskleidung für Mägde zum Kultstatus verhalfen, dürfte zu Oktoberfest-Zeiten trotzdem manchen interessieren. Zu verdanken ist das den Brüdern Moritz und Julius Wallach. Die jüdischen Geschäftsleute haben 1890 das legendäre Münchner Volkskunsthaus gegründet. Aus ihren oft vielfarbig bedruckten Stoffen, meist Seide, fertigten fleißige Näherinnen die ersten eleganten Trachtenkleider. Diese trugen die Damen der Gesellschaft zunächst in der Sommerfrische in den Alpen zur Schau. Das Dirndl wurde mit der Zeit salonfähig. Mit ihren handgenähten Unikaten waren die Händler schon bald Lieferanten des europäischen Hochadels. Für die Ehefrau des Prinzen Joachim von Preußen entwarfen sie ebenfalls ein Modell.Durchbruch mit 100 Jahre Oktoberfest Die Prinzessin soll damit bei einem Ball in Paris Aufsehen erregt haben. Auch Trachtenschauen zur Faschingszeit machte die Mode aus dem Hause Wallach populär. Der Durchbruch kam 1910 zum 100-jährigen Jubiläum des Oktoberfests, als die Brüder aus Bielefeld kostenlos den Landestrachtenzug ausstatteten. Für seine Großzügigkeit wurde Julius Wallach mit dem Titel des königlichen Hoflieferanten bedacht. Richtig in Mode kam die Tracht, meist mit tiefem Dekolleté und niemals ohne Schürze, nachdem die Operette Zum weißen Rössel 1930 das Berliner Publikum von den Stühlen riss. Die Wallach-Brüder hatten die Bühnenkostüme geliefert.Brüder emigrierten in die USA Auch die Machtergreifung durch die Nazis konnte den Geschäftserfolg zunächst nicht schmälern. Selbst Adolf Hitler und der ihm nahestehende Politiker Hermann Göring sollen an Wallach-Trachten Gefallen gefunden haben. Als Juden gehörten die Kaufleute irgendwann nicht mehr zur Gesellschaft. Nachdem 1937 die Arisierung begann, sprach im selben Jahr die Reichskammer der bildenden Künste Max Wallach die "Eignung und Zuverlässigkeit" ab, an der Förderung deutscher Kultur mitzuwirken. Wallach verkaufte sein Geschäft weit unter Preis und emigrierte in die USA, wenig später gefolgt von seinem Bruder Julius. Das Leben der Kaufleute ist Thema einer Ausstellung, die unter anderem im Jüdischen Museum München und im Jüdischen Museum Hohenems (Österreich) zu sehen war. Das Dirndl als cooles Outfit hat längst internationale Designer wie Dolce & Gabbana inspiriert. Und jedes Jahr im Oktober "dirndlt" es dann auch in Bielefeld.

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