Bielefeld Im Mutterleib vergiftet

Heute ist internationaler Tag des alkoholgeschädigten Kindes / Infoveranstaltung

VON ALEXANDRA BUCK
09.09.2014 | Stand 08.09.2014, 21:30 Uhr

- © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Vermeidbare Tragödie | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Bielefeld. Dennis war perfekt. Zwei Jahre alt, ein süßer Kerl, das heiß ersehnte Pflegekind. Familie Prinz ahnte damals nicht, auf welch’ harte Probe sie das Kind bis heute stellen würde. Dennis ist schon im Mutterleib vergiftet worden, seine leibliche Mutter trank während der Schwangerschaft Alkohol.

Dass Dennis aus problematischen Verhältnissen kommt, war Pflegevater Rüdiger Prinz bewusst. Dass das Leben mit einem solchen Kind nicht reibungslos verlaufen würde, auch. Doch es kommt schlimmer. Im Alter von drei Jahren fängt Dennis an zu schreien. Stundenlang brüllt das Kind, ist nicht zu beruhigen. Laufend greift Dennis in brennende Kerzen und auf heiße Herdplatten, begreift einfach nicht, dass das weh tut.

Erst viele Jahre später, da ist Dennis sechs, erfahren die Pflegeeltern, dass das Kind am fetalen Alkoholsyndrom (FASD) leidet. Eine Diagnose, mit der sich viele Ärzte schwertun. "Wir haben den Kinderarzt zigmal gewechselt, weil uns niemand sagen konnte, was mit Dennis los ist", sagt Rüdiger Prinz. In der Uniklinik Münster schließlich stellten die Ärzte dann den unfassbaren Befund: Dennis’ Gehirn ist geschädigt, die leibliche Mutter, eine Alkoholikerin, hatte trotz der Schwangerschaft weiter getrunken.

Rüdiger Prinz mit einer Puppe, die körperliche Symptome einer Alkoholschädigung wie tief angesetzte Ohren zeigt. - © FOTO: JÖRG DIECKMANN
Rüdiger Prinz mit einer Puppe, die körperliche Symptome einer Alkoholschädigung wie tief angesetzte Ohren zeigt. | © FOTO: JÖRG DIECKMANN

10.000 Kinder mit Alkoholschädigung, so vorsichtige Schätzungen, werden jährlich in Deutschland geboren. 4.000 sind ihr Leben lang körperlich und geistig schwer behindert. Mit dem fetalen Alkoholsyndrom gehen körperliche Unterentwicklung und ein gestörtes Sozialverhalten einher.

Die Kinder haben Lernschwierigkeiten, handeln meist rein impulsgesteuert, haben keinen moralischen Kompass, sind aggressiv, leiden an Schlafstörungen, verhalten sich naiv – und bleiben ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen.

"Viele landen irgendwann auf der Straße oder in der geschlossenen Psychiatrie", sagt Rüdiger Prinz. Das wusste Prinz dank kreativer pädagogischer Tricks und Kniffe und großer Willensstärke zu verhindern. Dennis ist heute 26 Jahre alt, lebt im betreuten Wohnen, hat einen Arbeitsplatz und sogar eine Freundin.

"Es hätte schlimmer kommen können", sagt der Pflegevater, der sich der Thematik mit Haut und Haaren verschrieben hat und auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. 2004 gründete er die Selbsthilfegruppe FASD Ostwestfalen-Lippe. Hier treffen sich regelmäßig Pflegeeltern, aber auch leibliche Eltern, Betreuer und Vormünder, um Erfahrungen auszutauschen, einander zu helfen und über das Syndrom aufzuklären. So auch heute: Von 17 bis 20 Uhr informiert die Selbsthilfegruppe FASD OWL in den Räumen des Paritätischen an der Stapenhorststraße 5 zur kindlichen Alkoholschädigung.

Wer sich für das Thema interessiert, Hilfe sucht oder sich der Selbsthilfegruppe anschließen möchte, bekommt Informationen bei Rüdiger Prinz, Tel. (0 52 31) 45 34 405, im Internet unter www.fas-owl.de oder per E-Mail fasd@fas-owl.de.

INFO: Hilfestellung rund ums Kind

Die Selbsthilfekontaktstelle Bielefeld bietet in Zusammenarbeit mit den Bielefelder Elternselbsthilfegruppen eine neue Vortrags- und Informationsreihe "Menschenskind" an. Die Teilnahme ist kostenlos.

Alle Veranstaltungen drehen sich um das Leben mit Kindern.

Behandelt werden etwa Essstörungen, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Schlaganfall im Kindesalter, Lese- und Rechtschreibschwäche, Inklusion, Trennung- und Scheidung und Drogenmissbrauch.

Der Titel der nächsten Veranstaltung am 20. und 21. September lautet "Als afro-deutsche Familie leben".

Weitere Infos gibt es unter selbsthilfe-bielefeld.de und Tel. (05 21) 9 64 06 96.

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