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Spektakulär: Idyllische Buchten und sanfte grüne Hügellandschaften machen die Coromandel-Halbinsel zu einem beliebten Urlaubsziel. - © Lukas_Holzmeier
Spektakulär: Idyllische Buchten und sanfte grüne Hügellandschaften machen die Coromandel-Halbinsel zu einem beliebten Urlaubsziel. | © Lukas_Holzmeier

Neuseeland Heimat der wilden Künstler

Früher herrschte im neuseeländischen Städtchen Coromandel Town der große Goldrausch. Heute tummeln sich hier zahlreiche Künstler, um ihren lässigen Lifestyle zu zelebrieren

Rebecca Schirge
23.11.2019 | Stand 21.11.2019, 17:38 Uhr

Davon, dass in der Stadt um 1852 ein wahres Goldfieber ausgebrochen war, ist nicht mehr viel zu sehen. Lediglich das Coromandel Mining & Historic Museum und die noch funktionsfähige Erzmühle Coromandel Goldfield Centre & Stamper Battery weisen darauf hin. Neben den unzähligen unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden gibt es schicke Cafés und Kunstläden zu entdecken. Der malerische Küstenort ist vor allem bei Kreativen beliebt: Über 350 Künstler und Kunsthandwerker leben im beschaulichen Coromandel Town. Eine von ihnen ist Diann Cade. Wir halten an der Colville Road 22, um ihr Studio zu besuchen. Aber sind wir hier richtig? Das, was sich hinter der Auffahrt verbirgt, sieht aus wie ein ganz normales privates Haus mit Garten. Einfach ein fremdes Grundstück zu betreten, damit tun wir Deutschen uns schwer. Doch am Straßenrand bunte Fahnen, und das heißt: Herzlich willkommen! Gerade erst geparkt, schon folgt eine freundliche Begrüßung: „Kommt rein", ruft eine ältere Frau mit schmutziger Kleidung durch die geöffnete Glastür des Hauses und winkt uns zu. Als wir ihr Studio betreten, stehen wir zu unserer Überraschung mitten im lichtdurchfluteten Wohnzimmer der Cades. Das Haus wirkt nicht aufgeräumt, nichts ist hergerichtet. Auf dem Küchentisch stehen wilde vertrocknete Blumen, allerlei Kram liegt herum. „Gerade eben habe ich noch Walnüsse geerntet, deswegen sehe ich so aus", sagt Diann lachend. Dann wischt sie sich die dreckigen Hände an der Hose ab und gibt uns die rechte zur Begrüßung. Was das Leben in Coromandel Town ausmacht? „Es ist einfach fantastisch hier", schwärmt die 73-jährige Industrie-Designerin, die mittlerweile im Ruhestand ist. „Die Küstenlandschaft, die grünen Hügel und die kreative Gemeinschaft, mein Mann und ich haben uns damals sofort in diesen Ort und seinen Spirit verliebt." Es war ein Urlaub, der die beiden 1994 nach Coromandel Town führte. Zehn Jahre später fanden sie ein Stück Land, kauften und bebauten es. Mittlerweile widmet sich Diann Cade hier täglich ihrer größten Leidenschaft – der Malerei. An den Wänden lehnen überall Leinwände mit begonnenen und bereits fertiggestellten Kunstwerken. Diann setzt auf verschiedene Pinseltechniken und Acryl. Was sie inspiriert? „Alles, was ich so erlebe", sagt sie, „das können Wanderungen in der wunderschönen Umgebung sein, Treffen mit Freunden oder Gartenarbeit." Denn vor allem mit letzterer verbringe sie viel Zeit. Etwa 400 neuseeländische Dollar bekomme sie pro Gemälde, das sind um die 230 Euro. „Sogar nach New York und Deutschland habe ich schon welche verkauft", erzählt sie stolz, „doch das meiste geht an Freunde und Bekannte." Wir verabschieden uns, um die Straßenseite zu wechseln, denn dort befindet sich das Studio der Keramik-Künstlerin Caitlin Moloney. Auch hier flattern bunte Fahnen am Wegesrand. Das Areal, auf dem sie mit ihrem Mann lebt, sieht aus, als sei es einem hippen Öko-Magazin entsprungen: Überquert man die kleine hölzerne Brücke am Fluss, fällt der Blick sofort auf den großen Bio-Garten, in dem Tomaten, Salat, Rote Bete und allerlei andere Gemüse wachsen. Dahinter stehen regenbogenfarbene Sitzbänke mit Tischen – ein Überbleibsel vom Sommer-Festival, das Caitlin jedes Jahr ausrichtet. Etwa 100 geladene Gäste dürfen dann zu lässigen Folk-Klängen tanzen. „Seit ich diesen Ort zum ersten Mal sah, hat er mich nicht mehr losgelassen", erzählt die junge Künstlerin, die ursprünglich aus Sydney, Australien, stammt. „Diese Ruhe und all die abwechslungsreichen Landschaften der Umgebung, das ist einfach himmlisch!" Fünf Jahre ist es her, dass sie mit ihrem Partner in das beschauliche 1.500-Einwohner-Städtchen zog, bereut hat sie es nie. Caitlin führt uns ins Atelier, wo sie viele Stunden mit dem Anfertigen ihrer Kreationen verbringt. Bis zu anderthalb Monate sitzt sie an den größeren Keramik-Kunstwerken im Ethno-Look. Viele erinnern an überdimensionale afrikanische Schmuckketten. „Es ist für mich wie Meditation, das zu tun", sagt sie und man glaubt es ihr sofort. Ob sie von ihrer Kunst leben kann? „Nein," antwortet die 34-Jährige, „vormittags arbeite ich derzeit bei einer nahegelegenen Töpferei. Aber was nicht ist, kann ja noch werden." Zeit, die Heimreise anzutreten. Schade eigentlich, wo man dem besonderen Zauber von Coromandel doch gerade erliegt. Die Herzlichkeit der Menschen, diese Leichtigkeit des Seins – es ist ein Ort, an den man kommt, um zu bleiben.

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