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Ständige Blicke aufs Handy zerstückeln den Tag viel zu stark, sagt Alexander Markovetz. - © Symbolbild: picture alliance / dpa Themendienst
Ständige Blicke aufs Handy zerstückeln den Tag viel zu stark, sagt Alexander Markovetz. | © Symbolbild: picture alliance / dpa Themendienst

Interview Experte zum Handykonsum: "Wir müssen uns grundlegend umprogrammieren"

Der Bonner Informatikprofessor Alexander Markowetz hat das Nutzungsverhalten von 60.000 Personen ermittelt. Und prophezeit einen digitalen Burnout, wenn wir nichts ändern.

Anneke Quasdorf
07.01.2020 | Stand 09.01.2020, 17:04 Uhr

Digital Detox, digitales Entgiften, ist einer der meistgefassten Vorsätze der Deutschen fürs neue Jahr. Das bedeutet für viele: Weniger Zeit im Netz, Smartphone aus Schlafzimmer und vom Esstisch verbannen. Doch so banal und einfach ist es nicht, wenn wir wirklich etwas an unserem Nutzungsverhalten ändern wollen. Denn unsere Abhängigkeit hat ein Ausmaß angenommen, dessen Folgen für unsere Gesundheit und Volkswirtschaft noch gar nicht abzusehen sind, sagt Alexander Markowitz, Juniorprofessor für Informatik an der Uni Bonn. Er weiß, wovon er spricht: Mit einer speziellen App hat er das Nutzungsverhalten von 60.000 Personen ermittelt.

Herr Markowetz, was ist das Problem mit uns und den Smartphones?
Alexander Markowetz:
Die ständigen Unterbrechungen, die sie bedeuten. Wir haben herausgefunden, dass jeder Deutsche im Schnitt 53 Mal pro Tag aufs Handy sieht - das bedeutet: alle 18 Minuten. Jedes Mal unterbrechen wir dafür die Tätigkeiten, die wir gerade ausüben. Dadurch widmen wir uns einer Sache nie mehr vollauf, so dass auf der einen Seite überhaupt keine Flowerfahrung mehr entstehen kann. Und auf der anderen Seite fehlen uns wirkliche Pausen.

Professor für Informatik und Experte für Handynutzung: Alexander Markowetz. - © Alexander Markowetz
Professor für Informatik und Experte für Handynutzung: Alexander Markowetz. | © Alexander Markowetz

Wie meinen Sie das?
Markowetz:
Früher gab es zwangsweise in unserem Alltag immer wieder Momente der absoluten Passivität, der Muße: Sie waren zu früh bei einem Termin und mussten warten. Der Bus kam nicht und Sie standen noch einen Moment an der Haltestelle. Man schaute ins Leere, die Gedanken begannen zu wandern - ganz einfach, weil es keine Möglichkeit gab, etwas zu tun. Das ist heute, dank Smartphone und W-Lan, nicht mehr möglich. Und das fehlt uns, um zu regenerieren.

Sie gehen aber noch weiter, prophezeien digitalen Burn-out und Einbußen bei der Volkswirtschaft.
Markowetz:
Ja, weil unsere Gesundheit und unsere Produktivität immens unter unserem Nutzungsverhalten leiden. Unternehmen haben keinerlei Strategie, wie sie ihre Mitarbeiter entlasten können. Welche Tools, welche Arbeitsprozesse, welche Kommunikationsetikette werden gebraucht, um Mitarbeiter vor ständigen Unterbrechungen zu schützen?

Warum sind wir überhaupt so verrückt nach unseren Smartphones?
Markowetz:
Smartphone-Apps funktionieren wie Glücksspielautomaten, sie veranlassen das Belohnungssystem Dopamin auszuschütten. Wir holen uns Klick für Klick den kleinen Kick. Dafür sind wir von Natur aus anfällig, so funktionieren unsere Triebe, und das nutzen die Entwickler dieser Apps aus, indem sie uns manipulieren, immer mehr zu wollen. Zum Beispiel bei Whatsapp: Drei blinkende Punkte zeigen, dass der andere gerade antwortet, da warten wir doch lieber noch ab, statt die App zu schließen. Und so geht das immer weiter. Der Content ist unendlich.

Die Lösung muss also in Ihren Augen sein, dass wir dem selbst ein Ende setzen.
Markowetz:
Absolut. Das, was in den 70er, 80er Jahren im Bereich Ernährung und Diäten passierte, muss jetzt für die Digitalisierung kommen. Da gibt es bislang viel zu wenig Ideen, zumal es auch hier so ist: Ein Programm passt nicht für jeden. Und der Grad unserer Abhängigkeit ist so hoch, dass es nicht reicht, uns mal hier und da das Handy zu verkneifen. Wir müssen uns grundlegend umpolen, umprogrammieren.

Wie schaffen wir das?
Markowetz:
Das funktioniert vor allem nicht rational und über Disziplin, sondern schlicht über Unerreichbarkeit. Damit ist aber nicht gemeint, dass wir nicht erreichbar sind. Das Handy darf nicht so leicht erreichbar sein. Wir brauchen keine handyfreien Zonen in unseren Wohnungen - sondern eine Handyzone. Ein Raum, in dem es erlaubt ist, das Handy zu nutzen und der möglichst ungemütlich ist. Wer vom Sofa aufstehen muss, um zum Handy im Flur zu gehen, wo er auch noch stehen muss beim Klicken - der überlegt sich das Ganze zweimal.

Im Prinzip plädieren Sie aber auch für eine Aufwertung der Langeweile.
Markowetz:
Absolut. Wir brauchen sie wieder in unserem Alltag, um abzuschalten. Dazu müssen wir sie aber erstmal wieder anerkennen, uns eine wohlwollende Passivität erlauben, Muße wieder ganz neu bewerten. Die letzten 30 Jahre waren einem Kreuzzug gegen die Langeweile gewidmet. Jetzt haben wir sie nicht mehr - und es wird sich noch zeigen, dass das fatale Folgen hat.

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