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Der Journalist und Autor Wiglaf Droste ist tot. - © picture-alliance/ dpa
Der Journalist und Autor Wiglaf Droste ist tot. | © picture-alliance/ dpa

Kultur Nachruf auf Wiglaf Droste: Tucholskys Erbe

Der Autor und Satiriker Wiglaf Droste ist nach schwerer Krankzeit mit 57 Jahren gestorben. Die literarische Welt verliert einen scharfzüngigen Zeitgenossen

Ulf Hanke
17.05.2019 | Stand 17.05.2019, 08:51 Uhr

Ein "bissiger Satiriker" wollte Wiglaf Droste niemals sein, auch wenn sein Publikum genau das in ihm sah - und zuletzt offenbar vermisste. "Wo bleibt die Schärfe?", fragte ihn einmal ein Leser, der wohl mit Drostes Texten im vergangenen Jahrtausend aufgewachsen ist. Damals gab's noch Lederjacken mit Schulterpolstern, die Menschen rauchten im Fernsehen und mit dem Wort "Bots" verband man keine Filterblasen, sondern schlechte Musik. Ungefähr zum Millennium soll bei Droste dann angeblich die Altersmilde eingesetzt haben. Ein Missverständnis. Der Autor hatte sich einfach nur den schönen Dingen des Lebens zugewandt, zum Beispiel der lustvoll griffig beschriebenen "Rolle der Frau" oder seiner "kulinarischen Kampfschrift" namens "Häuptling eigener Herd". Der Leser, erzählte Droste amüsiert im Doppelinterview mit Elmar Brok der Neuen Westfälischen, sei so penetrant gewesen, dem habe er zurückgeschrieben: "Mannscharf sind Schäferhunde, ich war es nie." Wiglaf Droste, der Autor, Journalist, Sänger, Genussmensch und Osswessfale ist am Mittwoch nach schwerer Krankheit im Alter von 57 Jahren im fränkischen Pottenstein gestorben. Ausgerechnet am 70. Geburtstag seiner langjährigen Verlegerin Antje Kunstmann. Eine Woche zuvor, heißt es aus dem Verlag, hätten beide noch über einen neuen Gedichtband gesprochen. Hier, wo Dölmer ramentern und Tünsel wullacken Auftritte in seiner Heimat OWL waren selten, aber immer legendär. Hier, wo Dölmer, Hachos oder Tünsel durcheinander ramentern, wullacken und kalbern, auf dem vertrautem Terrain zur Vorweihnachtszeit im Bielefelder "Kamp", im "Bunker Ulmenwall" oder den zahlreichen gut gepflegten Kleinkunstbühnen der Region, erlebte Droste Heimspiele. Spontanität war seine Sache nicht. Er war ein Meister der kurzen Geschichte, der frechen Stichelei. Wochenlang feilte er an Formulierungen. Dafür saßen seine Wortspiele wie ein Maßanzug ("Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv"). Droste wurde 1961 in Herford als Lehrersohn geboren und besuchte das Gymnasium. Seine Zeit in OWL hat er in ungezählten Kurzgeschichten aufgeschrieben, in denen er liebevoll ("Tünseliges Ostwestfalen") und gehässig ("Dauerwurstgewellt in Bielefeld") mit seinen Zeitgenossen umging. 1983 zog es ihn nach West-Berlin, um ganze fünf Wochen lang Kommunikationswissenschaften und Publizistik zu studieren. Dann fing er an zu schreiben, wurde Redakteur bei der Tageszeitung taz und dem Satiremagazin Titanic, arbeitete für den Hörfunk, verirrte sich in eine Düsseldorfer Werbeagentur, schrieb Bücher und Kolumnen, sprach mit sonorem Bariton Hörbücher ein und trat als Sänger auf. Mit dem Spardosenterzett tingelte Droste über die Kleinkunstbühnen der Republik ("Jazz und Musik") und textete ganz nebenbei den gefühlvollen Soundtrack zum neuen Mann ("Frauen nicht mehr klammern / In der Gruppe jammern / Männergruppe gründen / Gründe dafür finden"). Der "Tucholsky unserer Tage" Seine Polemik traf ins Schwarze, amüsierte – und verletzte. Lange vor dem Fernsehfuzzi Jan Böhmermann lotete Droste immer wieder die Grenzen der Satire aus. Als verantwortlicher Redakteur machte er zum Weltfrauentag am 8. März 1988 die Medienseite der taz mit der Abbildung einer Vagina auf, in der eine Banane steckte ("Der Fotofix-Fick"). Er legte sich mit DDR-Bürgerrechtlern an ("Der Barbier von Bebra") und trat dafür ein, Soldaten Mörder nennen zu dürfen. Auch deshalb bezeichnete ihn die Süddeutsche Zeitung als "Tucholsky unserer Tage". Ähnliches befand auch die Jury des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises im Jahr 2005. Sein umfangreiches Werk zeuge von so hoher "sprachlicher Virtuosität", dass sich Vergleiche mit Tucholsky, Kästner und Heine aufdrängten. Der Preisträger, hieß es, habe einen eigenen, unverwechselbaren Ton gefunden. 2018 erhielt Droste den Satirepreis "Göttinger Elch" für sein Lebenswerk. Aus einer Begegnung mit dem Sternekoch Vincent Klink entstand 2009 ein gemeinsames literarisches Feinschmeckerprojekt, die Vierteljahreszeitschrift "Häuptling eigener Herd" ("Wir müssen den Gürtel weiter schnallen"), das Droste selbst - damals noch schwarz gelockt und mit geradezu barocker Statur - als "kulinarische Kampfschrift" bezeichnete. Natürlich haben die beiden Genießer nicht nur gemeinsam geschrieben, sondern im Sternerestaurant oben auf der Wielandshöhe in Stuttgart-Degerloch auch gefuttert. Und zwar unbeeindruckt von Tiergottesdiensten oder veganen Offensiven ("Uhus, Störche, Wiedehöpfe kommen mir nicht in die Töpfe"). "Das Allerschönste ist, wenn nichts in der Zeitung steht" Auf die Frage eines Journalisten, was er gerne über sich in der Zeitung lesen würde, antwortete Droste einmal: „Das Allerschönste ist, wenn nichts in der Zeitung steht. Wenn ich irgendwann nicht mehr als öffentliche Figur auftauche, steht dem Glück nichts mehr im Wege." Eine Trauerfeier soll es offenbar nicht geben. Wiglaf Droste habe das, schreiben mehrere Zeitungen, nicht gewollt. Der wortmächtige Autor ist verstummt. Seine Schriften aber hallen hoffentlich noch lange nach.

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