„Brausepöter“: Sänger und Gitarrist Martin Lück (v. r.), Schlagzeuger Klaus Feldmann und Bassist Bernd Handhardt. - © Privat
„Brausepöter“: Sänger und Gitarrist Martin Lück (v. r.), Schlagzeuger Klaus Feldmann und Bassist Bernd Handhardt. | © Privat

Platte Neue Lieder der Alt-Punker

Das elektrisierende Album „Nerven Geschädigt“ der deutschen New-Wave-Pioniere „Brausepöter“ aus Rietberg

Bielefeld. Auf einmal waren sie wieder da und stellten verblüfft fest: „Brausepöter" ist nicht vergessen. Wo immer die Deutsch-Punk-Pioniere aus dem ostwestfälischen Städtchen Rietberg auftraten, schlug ihnen eine Welle der Sympathie entgegen – und das Jahrzehnte nach der Bandauflösung 1982. Das mit dem Album „Selbstauslöser" vor vier Jahren eingeläutete Comeback der Urbesetzung war kein Strohfeuer, wie das gerade erschienene neue Werk „Nerven Geschädigt" zeigt. Sänger, Gitarrist und Songschreiber Martin Lück (58), Bassist Bernd Hanhardt (59) und Schlagzeuger Klaus „Kemper" Feldmann (59) haben 13 neue Titel aufgenommen. Enorm spielfreudig verbinden die alten Recken den widerständigen Geist von früher mit erfrischender stilistischer Offenheit. Brausepöter gefällt sich nicht in einer Punk-Opa-Rolle Es gibt auf dem Album durchaus Reminiszenzen an den einst lustvoll rausgedroschenen Krach. Aber Brausepöter, Ende der 70er Jahre neben „Abwärts", „Palais Schaumburg" und „Einstürzende Neubauten" unter den ersten Bands des legendären Hamburger „Zickzack"-Labels, gefällt sich nicht in einer Punk-Opa-Rolle. Sie erkennen hörbar an, dass sich seit ihrer Hymne „Keiner kann uns ab" oder ihrer damals wellenschlagenden „Bundeswehr"-Provokation viel getan hat. Das trotzige „Pogo ganz allein" spiegelt schon im Titel, dass die alten Zeiten vorbei sind. In „Ewig Ding" schreit Martin Lück zunächst noch in bewährter Anti-Manier Parolen wie „Ich will nicht viel wert sein, begehrt sein / Ich will nicht hip sein, fit sein" heraus. Im Refrain wird das Exaltierte dann aber effektvoll zu einem Raunen runtergedimmt: Gegenpol zum brachialen Gestus wie die schrägen Farfisa-Orgelklänge, die Lück auf dem Album hier und da einstreut. Musikalisch hat Lück seine Ausdruckspalette noch einmal erweitert Die Liedtexte sind überwiegend melancholisch gestimmt: Jemand fühlt sich fremd in der eigenen Haut und in der Welt, hat mit dem „ewig Ding" der anderen nichts am Hut und sieht in der Zukunft „keinen Sinn". Musikalisch hat Lück seine Ausdruckspalette noch einmal erweitert. Es scheint fast nichts zu geben, was er nicht in die Brausepöter-Zone zu integrieren vermag. „Seele", das mit Zeilen wie „Gleich geh ich unter in der Flut" eine Depression zu umkreisen scheint, unterlegt er mit einem geradezu unverschämt relaxten Gitarrenriff. „Leider ohne Dich" bietet im Kern Disco-Funk mit Background-Chor. Fremd in der eigenen Haut und in der Welt Flotte Nummern wie „Dienstag Mittag" scheinen in Richtung „Die Ärzte" zu weisen. „Dies ist nicht meine Welt" überrascht mit fetten AC/DC-Riffs. Das Titelstück „Nerven Geschädigt" ist mit zwei Zeilen Text fast ein Rock-Instrumental. Näher am Punk und seinen Ausläufern sind die ungemütlichen New-Wave-Gitarrenlinien in „Ganzer Körper brennt". Die Band, deren Comeback selbst von einschlägigen Magazinen in den USA registriert wurde, nimmt locker in Kauf, dass die neue Vielseitigkeit bei manchen Alt-Fans weniger gut ankommt. „Insgesamt bekommen wir mehr positive als ablehnende Reaktionen", berichtet Martin Lück. Um das dichte Live-Zusammenspiel der Band aufs Album zu bannen, das auch als Vinyl-Pressung erschienen ist, hat Lück Tracks aus unzähligen Proberaum-Sessions und Konzertmitschnitten ausgewählt. Sie bilden die Basis, im Studio kamen nur wenige Overdubs (Orgel, Saxofon) hinzu, die dem elektrisierend unpolierten Klangbild nichts nehmen. Brausepöter, so viel scheint sicher, ist wiedergekommen, um zu bleiben. Das Album „Nerven Geschädigt" von Brausepöter ist als CD und 180-Gramm-Vinylplatte bei Tumbleweed Records erschienen.

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