Schrille Inszenierung: „Charlys Tante“ lässt keine Wünsche offen. Foto: Philipp Ottendörfer - © Philipp Ottendoerfer+41794025633+4917699032030mail@ottendoerfer.com
Schrille Inszenierung: „Charlys Tante“ lässt keine Wünsche offen. Foto: Philipp Ottendörfer | © Philipp Ottendoerfer+41794025633+4917699032030mail@ottendoerfer.com

Kultur Langeweile Fehlanzeige

Mit „Charlys Tante“ im Theater am Alten Markt ist Regisseurin Mareike Mikat ein zielsicherer Wurf knapp unterhalb der Klamauk-Schmerzgrenze gelungen

Bielefeld. Die Verwechslungskomödie „Charlys Tante“ ist 125 Jahre alt. Mit Heinz Rühmann und Peter Alexander liegt sie als Filmversionen längst im deutschen Kulturgut-Eimer. Brandon Thomas’ Geschichte, inszeniert im TAM von Mareike Mikat, die so eben Premiere feierte, bleibt kompliziert zu erzählen: Charly und Chris sind in Eveline und Anita verknallt, Charlys reiche Tante aus Texas kündigt Ihren Besuch an und soll als Anstandstante bei einer kleinen Party für Zucht und Ordnung sorgen (das Stück spielt in den 1950ern), damit sich die knackigen Kerle und die feschen Mädels etwas näher kommen können. Dummerweise hat Tante Olga M. Rosely Bergit Whitbaker den Flieger verpasst, die Party soll trotzdem steigen, wogegen Wolfgang Hartwig, der Vater der beiden züchtig erzogenen Mädels, etwas einzuwenden hat. Dann taucht Chris’ Vater auf, der seine Kohle verzockt hat und dem eine millionenschwere texanische Witwe gerade recht käme. Aber wo ist Charlys Tante? Der Flieger kommt doch noch an - das Chaos ist perfekt Chris und Charly bitten ihren spanischen Hausverwalter Pedro doch bitte in „tantige“ Klamotten zu schlüpfen, sich als Tante Olga auszugeben und die Party zu retten. Amors Pfeile zielen nicht nur in Richtung von August Kreysler, Chris’ bankrottem Vater, sondern auch noch direkt auf Wolfgang Hartwig, dem gestrengen Daddy der wuschigen Mädels. Beide Herren sind heiß auf die reiche Witwe Olga. Irgendwann kommt der verspätete Flieger doch noch an, die richtige Tante ist ’ne gute alte Bekannte vom Vater der Hartwig-Sisters und das Chaos ist perfekt und die Geschichte erzählt. Beeindruckend, wie kompakt und wie dicht diese Story auf die TAM-Bühne gebracht worden ist, wie kurzweilig und wie zielsicher, denn nicht selten geriet die Inszenierung von „Charlys Tante“ an den Rand des Wahnsinns, des theatralischen Klamauks. Aber dieser Rand, diese Grenze wurde in der zweistündigen Darbietung nie überschritten. Chapeau! Es hatte viel von „Klimbim“, der kultigen Fernseh-Sketchshow aus den 1970ern und einiges von Billy Wilders Hollywood Komödien („Some like ist Hot“). Und es hatte nichts von verschnarchter und antiquierter Peter Alexander-Darbietung auf Celluloid. Männer in Schlüpfern stimmen einen Lobgesang auf die holden Damen an Die klimbim’schen Attitüden zeigten sich nicht nur in blanken Brüsten (keine Panik – es war nur Körbchengröße A von Hausverwalter Pedro), und Männern, die am Ende nur mit Schlüpfer bekleidet einen Lobgesang auf die holde Damenwelt vollzogen („Küssen kann man nicht alleine“), sondern auch in Anitas „Da mach’ ich mir ’n Schlitz ins Kleid und find’ es wunderbar“ – Hüftschlenker und dem ganz normalen Testosteron-gesteuerten Irrsinn, der auf – und auch neben der Bühne abging. Keine Sekunde war langweilig, es passierte immer etwas. Das Stück wurde regelrecht choreografiert von Regisseurin Mareike Mikat, der Inszenierung fehlte es an nichts. Gimmicks und Gadgets, die Knarre, die Tante Olga, ganz Texas-like aus ihrer Handtasche zog, der Running-Gag mit dem Oberbürgermeister am Telefon, der „immer noch nicht zur Party kommen kann“, der spanische Osbourne-Stier am Kulissenrand, der immer wieder mal seine Augen feurig rot funkeln ließ. Gespickt mit dem frech-frivolen Humor der 70er Jahre Auch die Kostümierung war famos, wie einige weibliche Premieren-Besucher bemerkten – und damit meinten sie nicht das Feinripp-Beinkleid der Herren, eher die Fifties-Kleider von Eveline und Anita. Es ist das Kunststück geglückt, ein über 100 Jahre altes Theaterstück in die Kulisse der 1950er Jahre zu hieven, mit dem frech-frivolen Humor der 1970er zu spicken und damit dem Publikum des Jahres 2018 zu gefallen. Nochmal Chapeau! Am Samstag, 2. Februar, um 19.30 Uhr gibt es eine Sonderaufführung von „Charlys Tante“ für NW-Leser. Auf die Karten gibt es mit der NW-Karte eine Rückvergütung von 50 Prozent. Karten gibt es in den NW-Geschäftsstellen (Niedernstr. 21-27) sowie in Brackwede, Hauptstr. 58, und über www.erwin-event.de. Infos aber keine Reservierungen unter Tel. 555-444. Weitere Termine unter www. theater-bielefeld.de

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