Umfassend interessiert: Literaturwissenschaftler Friedmar Apel Foto: ANDREAS FRUECHT - © KULTUR
Umfassend interessiert: Literaturwissenschaftler Friedmar Apel Foto: ANDREAS FRUECHT | © KULTUR

Kultur Trauer um Bielefelder Literaturwissenschaftler Friedmar Apel

Der 70-Jährige verstarb am vergangenen Sonntag

Thomas Klingebiel

Bielefeld. Als Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Karl Heinz Bohrer verschlug es Friedmar Apel im Jahr 2000 nach Bielefeld. Wie sein Vorgänger beschränkte sich der Literaturwissenschaftler nicht auf Lehre und Forschung, sondern war als angesehener Rezensent und Buchautor auch Teil des aktuellen Literaturbetriebs. Das literarische Leben Bielefelds bereicherte Apel ebenfalls mit seinen Kenntnissen und seinen Beziehungen zu namhaften Autorinnen und Autoren. Er war gefragter Experte bei Lesungen und Diskussionen. Als Mitinitiator der Vortragsreihe „Lektüren und Lektionen" im Oberstufenkolleg lotste er regelmäßig Literaturprominenz in die Stadt. Am Sonntag ist Friedmar Apel im Alter von 70 Jahren gestorben. Leidenschaftlicher Fußballer Apel lehrte in Bielefeld bis zu seiner Emeritierung 2017 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Er forschte zur europäischen Literatur- und Kulturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, war Mitherausgeber der großen Goethe-Ausgabe und der Gesamtausgabe zum Werk Ror Wolfs. Als leidenschaftlicher Fußballer und Mitglied der Professorenmannschaft lagen ihm Ror Wolfs Fußball-Gedichte besonders nahe. Ein wichtiger Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit galt auch Theorie und Geschichte des literarischen Übersetzens. Im Wagenbach-Verlag gab Apel Erich Frieds Shakespeare-Übersetzungen heraus. 1993 meldete er sich prominent im berühmten Streit um die Übersetzung des englischen Romans „Lemprière’s Wörterbuch" zu Wort. In Berlin wäre er gern geblieben Für die Frankfurter Allgemeine (FAZ) schrieb Apel regelmäßig Buchrezensionen und stellte sich mit eigenen Romanen auch selbst der Kritik. 2003 erschien bei Suhrkamp „Das Buch Fritze", in dem Apel, geboren in Osterode am Harz, seine Kindheit im erzkatholischen Eichsfeld in der damaligen DDR und den Drogentod seines jüngeren Bruders verarbeitete. „Nanettes Gedächtnis", 2009 ebenfalls bei Suhrkamp verlegt, spielt in Berlin, der Stadt, in der er viele Jahre lebte und in der er „gern geblieben" wäre, wie er 2009 im Gespräch mit der NW sagte. „Gelehrt war er zweifellos, aber Gelehrsamkeit war ihm fremd", schrieb die FAZ in ihrem Nachruf. Auch die NW profitierte gelegentlich von Apels umfassendem inhaltlichen Interesse. So schrieb er auf Anfrage umstandslos einige Zeilen zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Rockkünstler Bob Dylan („Eine sehr gute Entscheidung"). Als wir ihn im März um einen Beitrag zu einer Serie im Vorfeld des Bielefelder Dylan-Konzerts baten, musste er wegen seiner schweren Krankheit absagen. Apel hinterlässt seine Ehefrau und vier Kinder.

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