War als Reporter unterwegs: Theaterintendant Barrie Kosky in Berlin-Mitte vor dem koscheren „Beth Café“. Foto: Labo M GmbH/Fabian Uhlmann - © Honorarfrei - nur für diese Sendung inkl. SocialMedia bei Nennung ZDF und Labo M GmbH/Fabian Uhlmann.
War als Reporter unterwegs: Theaterintendant Barrie Kosky in Berlin-Mitte vor dem koscheren „Beth Café“. Foto: Labo M GmbH/Fabian Uhlmann | © Honorarfrei - nur für diese Sendung inkl. SocialMedia bei Nennung ZDF und Labo M GmbH/Fabian Uhlmann.

Kultur Der alte Judenhass ist noch da

Aufrüttelnd: Theatermann Barrie Kosky will herausfinden, wie antisemitisch Deutschland ist. Das Ergebnis ist heute auf 3sat zu sehen. Der Bielefelder Torsten Berg hat die sehenswerte Dokumentation produziert

Anke Groenewold

Bielefeld. Barrie Kosky ist Intendant der Komischen Oper in Berlin und ein international bekannter Theatermann. Seit zehn Jahren lebt der Australier in Deutschland, ein Land, das er als offen und tolerant erlebt hat. Seit einem Jahr ist der 51-Jährige deutscher Staatsbürger. Aber auch das ist deutsche Wirklichkeit: 2017 gab es 1.453 antisemitische Straftaten, Tendenz steigend. Wie antisemitisch ist Deutschland? Barrie Kosky, selbst Jude, wollte es wissen. Von einem Filmteam begleitet, traf er Menschen auf der Straße und solche, die Antisemitismus erforschen, bekämpfen oder unter ihm leiden. Der Produzent des Films, der Bielefelder Torsten Berg, vergleicht Barrie Kosky mit dem kämpferischen US-Filmemacher Michael Moore. Da ist was dran. Kosky ist offen, neugierig und mitunter trotz des ernsten Themas locker. „Bin ich Ihr erster Jude?“ fragt er eine Passantin und lässt sich von einem Trainer der Kampftechnik Krav Maga in den Würgegriff nehmen. Vor allem aber scheut er die Konfrontation nicht. So spricht er mit einem jüdischen AfD-Politiker ebenso wie mit dem Ex-Lehrer Nikolai Nerling, der sich „Volkslehrer“ nennt und im Netz rechtsextremes und antisemitisches Gedankengut verbreitet. „Wir sind die ersten, die umfänglich und zur Prime Time mit dem ,Volkslehrer’ sprechen“, so Produzent Berg. „Der entlarvt sich selbst.“ "Weiter mit den alten Dämonen kämpfen" Unterfüttert werden Koskys Gespräche mit Zahlen, Fakten und kompakten Informationen zur Geschichte des Judenhasses. Am Ende stellt Kosky fest: „Die alte deutsche Furie geht nicht weg.“ Er appelliert an unser aller Verantwortung, „mit diesen alten Dämonen weiter zu kämpfen“. 3sat strahlt den aufrüttelnden 45-Minüter (Regie: Thorsten Berrar) am heutigen Mittwoch aus. „Wir haben noch viel mehr gedreht“, erzählt Produzent Berg, der die Entwicklungsabteilung der Berliner Produktionsfirma Labo M leitet. So viel, dass es genug Material für einen 80-Minuten-Film gegeben hätte. Der 42-jährige Berg ist auf Dokumentationen spezialisiert, die sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzen. Seine vorherige Produktion „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ schlug sogar in den USA Wellen. Regisseurin Viola Funk wurde dafür soeben beim International Music Journalism Award in der Kategorie „Beste musikjournalistische Arbeit des Jahres“ ausgezeichnet. „Ich bin stolz auf diesen Film“, sagt Berg. Doping im Breitensport, Deutsche, die sich bewaffnen, oder Täuschung und Meinungsmache im Netz sind weitere Beispiele aus dem Themencocktail, den Berg als Produzent oder als Regisseur verantwortet hat. In die Filmbranche kam er als Quereinsteiger. Berg studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Dresden und war nebenbei journalistisch aktiv. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst in Dresden, dann in Berlin für Zeitungen. Es lief und hätte so weitergehen können, „aber ich wollte Filme machen“. Also pfiff er auf die Sicherheit, machte ein Praktikum beim Fernsehen und etablierte sich dann als selbstständiger Dokumentarregisseur. Seine jetzige Tätigkeit als Entwicklungschef bezeichnet er als Traumjob, kann er doch „Trends erkennen, herstellen und Filme machen“. Produzent Berg ist mit Lisa Maria Potthoff verheiratet Verheiratet ist Berg mit der Schauspielerin Lisa Maria Potthoff. Sie ist unter anderem seit 2013 als Susi in den kultigen Eberhofer -Krimis im Kino zu sehen, aktuell im fünften Teil „Sauerkrautkoma“. Am 15. September taucht sie in dem ARD-Thriller „Carneval“ als taffe Polizistin ins Unterwelt-Milieu ab. „Sie hat sehr lange dafür trainiert und alle Stunts selbst gemacht“, so Berg. Wo sich die beiden kennengelernt haben? „In einer Berliner Kneipe“, verrät Berg. Die beiden haben zwei Töchter. Gelegentlich ist die Familie in Bielefeld, um die Eltern Bergs zu besuchen – auch der Tierpark Olderdissen steht dann auf dem Programm. Der Wahl-Berliner fiebert weiter mit Arminia mit. In der Hauptstadt gebe es zudem eine „kleine Enklave von Bielefeldern“ wie Philipp Köster („11 Freunde“) und Freunde, mit denen er einst in der Hip-Hop-Band „Lotti Nation“ gespielt hat. Darunter ist der bundesweit gefragte Theaterkomponist Vivan Bhatti. Der schrieb auch die Musik zu Torsten Bergs Film „Goldschmidts Kinder – Überleben in Hitlers Schatten“ (2013), der von der jüdischen Lehrerin Leonore Goldschmidt erzählt, die von 1935-39 in Berlin jüdische Kinder unterrichtete und auf die Emigration vorbereitete – wie seine aktuelle Produktion ein Film über Antisemitismus. „Da schließt sich ein Kreis“, so Berg. ´ „Wie antisemitisch ist Deutschland?“ mit Barrie Kosky strahlt 3sat heute, Mittwoch, um 20.15 Uhr aus.´ Viola Funks Film „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ ist in der WDR-Mediathek zu finden.

realisiert durch evolver group