Intensive Diskussion: Konfliktforscher Andreas Zick (v.l.), Netzaktivist padeluun (Digitalcourage), Hasret Karacuban, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft „Migration und Flucht“ bei den Grünen und Sprecherin der Grünen Muslime, sowie Moderator Thomas Seim, Chefredakteur der Neuen Westfälischen, debattieren auf der Bühne des Theaters am Alten Markt über die Gefährdungen der Freiheit. Foto: Barbara Franke - © Barbara Franke
Intensive Diskussion: Konfliktforscher Andreas Zick (v.l.), Netzaktivist padeluun (Digitalcourage), Hasret Karacuban, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft „Migration und Flucht“ bei den Grünen und Sprecherin der Grünen Muslime, sowie Moderator Thomas Seim, Chefredakteur der Neuen Westfälischen, debattieren auf der Bühne des Theaters am Alten Markt über die Gefährdungen der Freiheit. Foto: Barbara Franke | © Barbara Franke

Kultur Kontroverse Debatte über die Freiheit

Die Gesprächsreihe des Theaters und der Neuen Westfälischen unter dem Titel „Lob der Freiheit“ im TAM widmete sich zum zweiten Mal einer oft vernachlässigten Demokratie-Tugend

Andreas Klatt Bielefeld. Welchen Preis hat es, wenn durch Abschottung die vermeintliche Freiheit einiger auf Kosten anderer geschützt wird? Wie verträgt sich die Forderung nach Sicherheit, die etwa in neuen und äußerst kontrovers diskutierten Polizeigesetzen ihren Ausdruck findet, mit der Freiheit? Auch die zweite Auflage der von der Neuen Westfälischen und dem Bielefelder Theater initiierten Gesprächsreihe „Lob der Freiheit“ im Theater am Alten Markt vermittelte eindrücklich, wie fruchtbar es ist, das Herz der Demokratie im öffentlichen Raum wiederzubeleben. Hasret Karacuban, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft „Migration und Flucht“ bei den Grünen und Sprecherin der Grünen Muslime, der Gewalt- und Konfliktforscher Andreas Zick (Uni Bielefeld) sowie der Netzaktivist und Künstler padeluun bohrten in einer von NW-Chefredakteur Thomas Seim moderierten lebendigen Diskussion einen zur Selbstverständlichkeit gewordenen Kernbegriff auf, der sich im Hinterfragen zu einem spannenden Universum auffaltet, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen. Während ein Reflex, der zunehmenden sozialen Komplexität zu begegnen, im Vereinfachen liegt, im populistischen Polarisieren, lotete die Podiumsdiskussion aus, welche Handlungsmöglichkeiten sich ergeben, wenn Freiheit als oberste Maxime unserer Gesellschaftsform in letzter Konsequenz ernstgenommen wird, statt sie zum Privileg einer Elite zu verwässern oder auf eine Light-Version zu reduzieren. Die Freiheit des einen darf die Freiheit des anderen nicht beschränken Karacuban verwies darauf, dass der weibliche Körper bei solchen Diskursen rasch zur Projektionsfläche werde, indem etwa bei der Kopftuch-Debatte einer Zwangsbefreiung von muslimischen Frauen das Wort geredet wird, obwohl diese sich nicht zwangsläufig unfrei fühlten. Zick führte anhand der Kölner Silvesternacht im Jahr 2015 aus, für wie wichtig er gesellschaftliche Mechanismen hält, mit denen Konflikte friedlich regulierbar bleiben. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist ihm zufolge, dass die psychologischen Folgen der Einführung von Ungleichwertigkeiten verstanden werden, um dieser in Europa um sich greifenden, besorgniserregenden Entwicklung etwas entgegensetzen zu können: Je mehr die Spirale der Spaltung zwischen „uns“ und „denen“ voranschreite, desto anfälliger werde die Gesellschaft für Radikalisierung und die Verführung zur vielerorts gepredigten „Konservativen Revolution“ als „Reflex auf selbst erzeugte Bedrohungen“. „Das demokratische Modell der Freiheit ist eines, in der die Freiheit des einen die Freiheit der anderen nicht beschränken darf“, so Zick. Wenn die Frage nach zuverlässigen Sicherheitstechniken und autoritären Pflichten die Debatte um Integration verdrängt, sieht der Konfliktforscher Parallelen zum derzeit in Bielefeld aufgeführten Theaterstück „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist, in dem das Verwehren dieses elementaren Grundrechts zu Reaktanz beim Benachteiligten führt und schließlich dem Chaos Vorschub leistet. „Wir können schnell zu Feinden der Freiheit werden, wenn wir glauben, wir hätten die Freiheit, andere zu diskriminieren, um unsere Freiheit herzustellen“, warnte er. Auch padeluun (Digitalcourage) sieht das politisch und medial gern heraufbeschworene Szenario einer Gefahr durch Zuwanderung äußerst kritisch, werde es doch instrumentalisiert, um fundamentale Einschränkungen der Freiheitsrechte zu rechtfertigen. Der Begriff Terrorist wird gleich jedem einzelnen Irren umgehängt Er zeigte sich überzeugt, dass eine Überwachung durch Kameras etwa letztlich „nichts bringe“ und bedauerte, dass Demonstrationen durch immer umfassendere Auflagenbescheide zunehmend erschwert würden. Er findet es problematisch, wie der Begriff „Terrorist“ auf die Aktionen einzelner „Irrer“ bezogen wird, um gesellschaftlich Ängste zu schüren – stattdessen plädiert er für einen lockereren Umgang mit diesem vermeintlichen, seiner Sichtweise nach aufgebauschten Risiko. Eine Sichtweise, die im Publikum auf Widerspruch stieß. So spiegelte der Abend wider, wie sehr eine „mit frei Haus gelieferter Demokratie übersättigte Gesellschaft“, wie es in einem Beitrag aus dem Publikum hieß, von der Reibung profitieren kann, die mit einer offenen Auseinandersetzung über grundlegende Zutaten gelingender Gesellschaft einhergeht: So selbsterklärend der Begriff „Freiheit“ auf den ersten Blick scheint, so sehr lädt er ein, sich der eigenen politischen Haltung gewahr zu werden. Umso erfreulicher, dass eine dritte Veranstaltung der Gesprächsreihe in Planung ist.

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