Schlecht erzogen oder entdeckungsfreudig? - © piepie/pixabay
Schlecht erzogen oder entdeckungsfreudig? | © piepie/pixabay

Bielefeld Kindersperre im Restaurant: Werden Kinder wirklich nicht mehr erzogen?

Wie viel Freiheit ein Kind verträgt und wann es Grenzen braucht

Lieselotte Hasselhoff
Kristina Grube

Bielefeld. Kindererziehung - ein Thema, zu dem jeder etwas zu sagen hat. Dieser Eindruck entstand zumindest in den vergangenen Tagen, in denen eine emotionale Debatte über das Benehmen von Kindern entbrannte. Auslöser war ein Rügener Restaurant-Besitzer, der abends keine Kinder mehr in seine Gaststätte lassen wird. Die Begründung des Restaurant-Besitzers: Die Kinder seien zu schlecht erzogen. Doch wie ist es tatsächlich um das Benehmen der Kinder von heute bestellt? Können sich unsere Kinder nicht mehr benehmen? Bei vielen Kindern sei dies jedenfalls zu beobachten, sagt Verena Bültermann, Erzieherin in einer offenen Ganztagsschule im Kreis Herford. "Die Kinder lassen sich nichts mehr sagen, sind teilweise sehr respektlos und frech." Jacken würden nicht aufgehängt und im Unterricht die Mappen nicht herausgeholt. Viele Kinder besäßen kaum noch Empathie. "Wenn sie jemandem wehtun, entschuldigen sie sich nicht und es scheint ihnen nicht Leid zu tun." "Dass sich Menschen nicht mehr zu benehmen wissen, hat seinerzeit auch Sokrates schon gesagt," gibt Sophie Phries Künstler zu bedenken. Künstler arbeitet an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. "Die Frage ist nicht, was war früher besser als heute, sondern wie sollte heute eine gute Kindheit aussehen." Insbesondere gehe es um die zentrale Frage über das Verhältnis von Freiheit und Zwang in der Kindererziehung. Freiheit oder Zwang - Wie viel ist richtig für's Kind? Genau um diese Frage drehte sich auch die Diskussion über die Entscheidung des Rügener Restaurant-Besitzers. Ab wann man Kindern Grenzen zu setzen hat, darüber gibt es sowohl innerhalb der Elternschaft als auch unter Gastronomen und Gästen unterschiedliche Vorstellungen. Auch diese Userin auf der Facebook-Seite der NW kann die Entscheidung des Restaurant-Besitzers auf Rügen gut nachvollziehen: Klar positioniert sich auch der Elternverein NRW: "Leider erleben wir immer wieder, dass Eltern ihren Kindern keine 'Kinderstube' mehr bieten." Manche hätten es selbst nicht besser gelernt oder sähen klare Regeln und eine liebevoll-konsequente Erziehung als tyrannischen Drill an." Kinder sollten sich zwar individuell äußern können, doch auch hier gebe es notwendige Schranken, sagt Bültermann: "Gewisse Dinge können Kinder nicht entscheiden, beispielsweise, wann sie schlafen gehen wollen." Kinder bräuchten einen geregelten Tagesablauf und klare Verhaltensregeln. Nur so könne man Kindern die Sicherheit geben, die sie zwingend bräuchten. Dennoch solle und müsse sich ein Kind auch entfalten können, sagt Bültermann. Diese Freiheit begrüßt auch Erziehungswissenschaftlerin Friederike Schmidt von der Universität Bielefeld: "Es gibt mehr Handlungsspielräume in der Erziehung." So komme es vor, dass Kinder phasenweise nur weiße Lebensmittel, wie Reis oder Nudeln essen wollten. "Viele Eltern akzeptieren das" , sagt Schmidt. Dies sei kein Problem, so lange die Gesundheit des Kindes dadurch nicht beeinträchtigt werde. Das Lager der Eltern ist gespalten Bemerkenswert ist, dass viele - darunter auch zahlreiche Eltern - die Entscheidung des Restaurant-Besitzers für legitim halten. So auch diese beiden Facebook-Nutzerinnen: Aus Sicht vieler User werden jedoch die Kinder zu Unrecht abgestraft, schließlich sei das Problem eine Frage der Erziehung und läge damit in der Verantwortung der Eltern: Auch eine solche Zuspitzung sieht Künstler kritisch: „Unsere Gesellschaft entwickelt sich dahin, Eltern die alleinige Verantwortung für den späteren Erfolg ihrer Kinder zuzuschieben, während sich der Staat immer mehr aus der Verantwortung zieht." Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien würden auf diese Weise ausgegrenzt. Und jetzt? Wie lautet die Gebrauchsanweisung für gute Eltern? Laut Schmidt gibt es kein Patentrezept für die richtige Kindererziehung. Jedoch besteht aus ihrer Sicht kein Erziehungsproblem - im Gegenteil: "Heute wird mehr auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen und das ist doch eigentlich nur was Gutes."

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