Bekanntes Bild im Supermarkt: Oben liegen lose Paprikas - unten verpackt in Plastik. - © dpa
Bekanntes Bild im Supermarkt: Oben liegen lose Paprikas - unten verpackt in Plastik. | © dpa

Umweltschutz Verpackungswahnsinn im Supermarkt: Warum wird das Gemüse in Plastik eingepackt?

Wer sich gesund und ökologisch korrekt ernähren will, hat es nicht leicht. Gerade an den Gemüsetheken im Supermarkt ist alles voller Plastik. Warum eigentlich?

Matthias Schwarzer

Bielefeld. Plastik gehört zu den umweltschädlichsten Erfindungen überhaupt. Acht Millionen Tonnen Plastikmüll landen jährlich im Meer. Kleinste Plastikpartikel gelangen nahezu ständig an die Luft, in den Boden und in das Grundwasser. Das hat wiederum schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Gesundheit und die Umwelt. Trotzdem bestimmt Plastik tagtäglich unser Leben. Der Deckel vom Coffee-To-Go-Becher morgens beim Bäcker? Aus Plastik. Das Essen vom Imbiss um die Ecke? Schnell mitgenommen in der Plastiktüte. Das Sechser-Pack-Getränke im Supermarkt? In Plastikflaschen. Ein plastikfreies Leben scheint manchmal ein Ding der Unmöglichkeit. Halbierte Tomaten in Plastik Da stellt sich die Frage: Was tun eigentlich die Supermärkte, um Plastikmüll langfristig zu vermeiden? Auf den ersten Blick: ziemlich wenig. In den sozialen Netzwerken machen immer wieder neue Schreckensfotos die Runde. Sie zeigen: Gurken in Plastik eingeschweißt, halbierte Tomaten verpackt oder gar Bananen ohne Schale in Plastikverpackung. 3,20€ les 3 tomates coupées en 2 chez @geant_casino. Disposées sur du plastique dur, emballées de plastique mou. La nature est bien faite, il fallait bien la défaire.#LécologieIncompatibleAvecLeCapitalismepic.twitter.com/CTjbVtsk7J — Cemil SANLI φ (@Cemil_FI) 13. Juli 2018 Bananen ausziehen und rein ins Plastik! Voilà, fertig ist die Nachhaltigkeit bei #Billapic.twitter.com/GYtMh2sk — Sandra Raunigg (@SandraRaunigg) 19. September 2012 Bei den genannten Beispielen mag es sich um "Ausrutscher" gehandelt haben. Das zum REWE-Konzern gehörende Unternehmen Billa hatte seinerzeit mitgeteilt, die nackten Bananen in Plastik seien von einem Mitarbeiter unüberlegt so abgepackt worden. Nichtsdestotrotz: Auch abseits von "To-Go-Produkten" gehört Plastik an der Gemüsetheke zum Standardsortiment. Drei eingepackte Paprika in Plastik sind oftmals sogar günstiger als drei einzelne ohne Verpackung. Wie ist das zu erklären? Plastik soll Bio-Produkte schützen Kristina Schütz, Pressesprecherin der Rewe Group, argumentiert mit der Qualitätssicherung. Der Transport und die Lagerung von Obst und Gemüse seien eine logistische Herausforderung. "Druckstellen oder welke Stellen im Obst und Gemüse sind für Kunden häufig K.O.-Kriterien", sagt Schütz auf Anfrage von nw.de. Diese Lebensmittel würden schneller verderben und weggeworfen und somit ein weiteres Problem nach sich ziehen: Lebensmittelverschwendung. "Das Einsparen von Verpackungen ist uns wichtig - allerdings steht der Schutz der Ware im Vordergrund", so Schütz. Das Hauptproblem an der Gemüsetheke sind überraschenderweise Bioprodukte. Sie sind besonders häufig in Plastik verpackt. Wer sich ökologisch korrekt ernähren will, steht vor einem Dilemma. "Die EU-Verordnung besagt, dass Obst und Gemüse so gekennzeichnet sein müssen, dass der Kunde erkennt, ob es sich um Bio-Produkte handelt oder nicht", sagt Annett Rabe von der Bünting-Gruppe (Combi, Jibi). "Da wir in unseren Märkten sowohl Produkte aus konventionellem Anbau als auch Produkte aus biologischem Anbau verkaufen, werden die Bio-Artikel separat verpackt, um eine gesetzeskonforme Kennzeichnung und Differenzierung sicher zu stellen." Das allerdings ist nur die halbe Wahrheit. Denn eine Pflicht, Bioprodukte in Plastik zu verpacken, gibt es nicht. Bio-Obst oder Gemüse darf nicht von herkömmlichen Produkten kontaminiert werden. Das Problem könnte man allerdings auch ohne Plastik lösen - zum Beispiel mit alternativen Verpackungsmaterialien und einer anderen Anordnung der Regale im Markt. Doch auch das stellt die Supermärkte vor Herausforderungen. Bei Real habe man beispielsweise Graspapierschalen und Banderolen für Bioprodukte getestet. Nicht immer seien diese Test auch erfolgreich verlaufen, sagt Presseprecher Frank Grüneisen. "Viele dieser Materialien halten den Anforderungen in unserer Lieferkette nicht stand." Märkte testen Alternativen Untätig sind die Supermärkte jedenfalls nicht. In nahezu allen Unternehmen werden inzwischen alternative Verpackungsmaterialien zumindest getestet. Eine Übersicht. Edeka: Sprecher Gernot Kasel erklärt, man habe die Plastikverpackungen bei Edeka im Obst- und Gemüsebereich deutlich reduziert. Inzwischen würden statt Kunststoffträgern beispielsweise Kartons aus Recyclingmaterial angeboten. In einigen Märkten würden wiederverwertbare Netze an der Gemüsetheke getestet. Sie sollen möglicherweise bald die umweltschädlichen "Knotenbeute" an der Wage ersetzen. Combi/Jibi: Die Bünting-Gruppe setzt in ausgewählten Märkten statt des Plastikbeutels ebenfalls schon abbaubares Material ein. Ein weiteres Projekt: ein Mehrwegsystem an den Bedientheken. Hier soll es künftig wiederverwendbare Behältnisse für Fleisch, Wurst und Käse geben. Beim "To-Go"-Obst teste man zusammen mit den Herstellern abbaubare Verpackungen, die das Plastik ersetzen sollen. Real: Auch das Unternehmen Real will künftig in ausgewählten Märkten Netze statt Plastiktüten an der Obsttheke anbieten. Bereits getestet habe man ein Mehrweg-Modell an der Frischetheke: In Märkten in Thüringen, Hessen und Bayern können Kunden bereits Mehrwegbehälter mitbringen um die Produkte zu transportieren. Aldi: Bei Aldi Süd soll Ende 2018 bei Bio-Bananen die Plastikfolie wegfallen und durch eine Banderole ersetzt werden. Auch Mehrwegnetze statt Knotenbeutel testet das Unternehmen. Bei Aldi Nord habe man die Transportverpackungen für Obst und Gemüse in den vergangenen Jahren gegen Mehrwegkisten eingetauscht. Netto: Der zum Edeka-Konzern gehörende Discounter verweist bei seinen Aktivitäten auf sogenanntes "Natural Branding". Dabei wird der Scan-Code für die Kasse nicht auf einer Kunststoffverpackung aufgebracht, sondern direkt auf der Oberfläche der Frucht oder des Gemüses. Das soll unnötige Verpackungen vermeiden. Allein bei den Gurken würde man damit 50 Tonnen Verpackungen im Jahr einsparen - dasselbe Verfahren teste man jetzt auch mit anderen Obst- und Gemüseprodukten. Auch bei Aldi und Rewe ist das "Natural Branding" bereits im Einsatz. Rewe-Sprecherin Schütz macht hier aber Einschränkungen: "Bei manchen Produkten wirkt sich das Branding auf die Haltbarkeit aus, sodass eine Fortführung keinen Sinn macht." LIDL: Bei LIDL teste man alternative Verpackungsmaterialien wie Netze aus Buchenholz für Bio-Kartoffeln und Zwiebeln, heißt es auf Anfrage. Bei den Bio-Tomaten und Bio-Paprikas sei eine kompostierbare Folie im Test. An Alternativen zum "Knotenbeutel" würde man zwar arbeiten, "allerdings entsprechen die derzeit am Markt angebotenen Alternativen noch nicht unseren ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Ansprüchen", sagt Sprecherin Melanie Pöter. Penny: Bei dem zum Rewe-Konzern gehördenden Discounter würden derzeit Verpackungen aus Graspapier getestet, zum Beispiel für Äpfel und Birnen. Der Test sei reibungslos verlaufen, heißt es. Trinkhalme fliegen aus dem Sortiment Einsparen wollen alle Märkte nicht nur beim Obst und Gemüse. Der Discounter LIDL hatte beispielsweise im Sommer angekündigt, Einwegplastikartikel wie Trinkhalme, Einwegbecher, Teller, Besteck und Wattestäbchen bis 2019 aus dem Sortiment zu verbannen. Sie werden ersetzt durch Produkte aus alternativen und recycelbaren Materialen. Das sei allerdings nicht in allen Bereich umsetzbar: "Oftmals sind Lebensmittelverpackungen unabdingbar", sagt Pressesprecherin Melanie Pöter.

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