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Nur rund 15 Prozent der „Wertstoffe" wie Plastikverpackungen werden recycelt. Das meiste Plastik wird verbrannt oder ins Ausland verschifft. - © Verwendung weltweit
Nur rund 15 Prozent der „Wertstoffe" wie Plastikverpackungen werden recycelt. Das meiste Plastik wird verbrannt oder ins Ausland verschifft. | © Verwendung weltweit

Sachbuch Die Deutschen und ihr Müll

Der Technikforscher Wolfgang König hat eine kleine Geschichte des Wegwerfens geschrieben.

Anke Groenewold
28.11.2019 | Stand 28.11.2019, 09:10 Uhr

Bielefeld. „Benutze es und wirf es weg" – mit diesem Slogan warb die schwedische Möbelkette Ikea in den 70er Jahren. Heute wäre der Spruch ein Aufreger. Einerseits. Andererseits produzierten die Deutschen 2017 so viel Verpackungsmüll wie nie zuvor. 10.000 Dinge soll ein Bundesbürger im Durchschnitt besitzen. Die Zeitspanne zwischen Anschaffung und Wegwerfen wird immer kürzer, beispielsweise bei Kleidung. Ganz zu schweigen von Artikeln, die von vornherein zum Wegwerfen bestimmt sind. Wie konnte es dazu kommen? Wann und wie wurde das Wegwerfen zu einer Selbstverständlichkeit? Der Berliner Technikforscher Wolfgang König legt dazu eine erhellende, kleine „Geschichte der Wegwerfgesellschaft" vor. Schwierige Recherche Die Kehrseite des in den 1960er Jahren einsetzenden bundesrepublikanischen Wohlstands zu erforschen, sei nicht einfach, sagt König im Interview. Die Produzenten von Konsumgütern seien nicht sehr aufgeschlossen, wenn es darum gehe, der Forschung ihre Archive zu öffnen – sofern sie überhaupt Archive haben. Zudem gebe es wenige Originaldokumente von Verbrauchern, die sich über ihr Konsumverhalten äußern. Er wertete unter anderem Werbeanzeigen aus. Dem Niedergang des Stofftaschentuchs zugunsten des Einweg-Taschentuchs oder dem Hang der Frauen zu Nass- und Wegwerfrasierern kam er in Neckermann-Katalogen auf die Spur. König greift Alltagsgegenstände heraus und beleuchtet deren „Karrieren" vom Luxusartikel zum Wegwerfprodukt, erzählt von Kugelschreibern, Rasierern, Strümpfen, Feuerzeugen, Kleidung und Einwegwindeln. Wegwerfen musste erlernt werden Das Wegwerfen musste im Lauf der Zeit erst „erlernt" und zur Gewohnheit werden. So schreckten viele Männer anfangs zurück, Rasierklingen wegzuwerfen. Verblüffend: Die Deutschen waren in den 50er Jahren „Kunststoffweltmeister". „Der Plastikverbrauch der Bundesbürger vermehrte sich um das Siebenfache und überholte den der Amerikaner." Um 1970 nahm laut König die Verschrottung funktionstüchtiger Geräte in markanter Weise zu. Doch wenn das Wegwerfen erst eingeübt werden musste, lässt es sich auch wieder verlernen? Können wir wieder sorgsam mit Ressourcen umzugehen und maßvoll konsumieren? König ist skeptisch. „Wir tun uns schwer, uns von Verhaltensweisen zu trennen", sagt er. „Wenn das Wegwerfen erhöhten Komfort bietet, dann wird es auch praktiziert." Produzenten und Konsumenten zögen einträchtig am gleichen Strang. „Die Industrie erhöht ihre Gewinne, die Verbraucher erhöhen ihre Bequemlichkeit." Scheinaktivität und Symbolpolitik 60 Jahre Wegwerfgesellschaft: Was hat die Politik getan? Die habe „insgesamt eine relativ geringe Rolle gespielt", so der Forscher. Auch die aktuelle „Verbotswelle", etwa von Trinkhalmen oder Plastiktüten, sieht er kritisch. „Das ist alles nicht falsch", sagt er, aber am Ende „ist das nur Scheinaktivität und Symbolpolitik, weil Plastiktüten nur ein Prozent des Plastikaufkommens ausmachen". Die Politik gehe das Problem Plastik nicht grundsätzlich an, indem sie beispielsweise nur bestimmte Sorten Plastik zulasse, die sich gut recyceln ließen. Verbraucher können ebenfalls handeln, „auch wenn es oft schwer zu erkennen ist, was ein ökologisch gebotenes Verhalten ist", so König. Intuitiv ist die Papiertüte sympathischer als die Plastiktüte, aber ökologisch ist sie bei einmaligem Gebrauch nicht besser als die Plastiktüte. Die Gegenbewegung König beschreibt in seinem Buch auch Ansätze des Widerstands. Die Umweltbewegung der 70er und 80er Jahre habe einiges bewegt, sagt König. Heute unterlaufen Menschen mit Tauschbörsen, Umsonstläden, Unverpackt-Geschäften, Second-Hand-Shops oder Repair-Cafés die Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Doch diese Graswurzelbewegungen haben nach Königs Einschätzung vor allem symbolische Qualität. „Ein Potenzial zur gesellschaftlichen Verallgemeinerung besitzen die Initiativen nicht." Teilen klingt gut, König weist aber auf die Schattenseiten der kommerziellen Sharing-Ökonomie hin. Etwa wenn Airbnb in Großstädten die Wohnungsnot verschärft und – weil das Übernachten ja so billig ist – den Tourismus und die Schadstoffemissionen ankurbelt. Auch Car-Sharing bringe nur dann etwas, wenn dessen Nutzer auch tatsächlich auf ein eigenes Auto verzichteten. Second Hand oder Teilen zeigten Möglichkeiten des Ausstiegs aus der Wegwerf- und Konsumgesellschaft auf, aber der Technikhistoriker glaubt nicht, dass viele Menschen diese Möglichkeiten ergreifen. Höhere Besteuerung von Plastik Er sieht drei mögliche Instrumente im Kampf gegen den Verpackungsmüll. Erstens: Verbote und Gebote. Zweitens: eine höhere Besteuerung von Plastik. Drittens: Bewusstseinsbildung. König plädiert für eine Mischung aus allen drei Instrumenten. Sein Favorit ist die höhere Besteuerung von Plastik – „unter der Voraussetzung, dass die Einnahmen an Konsumenten für ökologisch richtiges Verhalten zurückgegeben werden". Bei der Großen Koalition sieht der Historiker allerdings wenig Chancen, dass das umgesetzt wird – seien doch auch die 10 Euro pro Tonne CO2 des Klimapakts „ungeheuer niedrig". Langfristig werde sich etwas verändern, glaubt König, „aber langsamer als notwendig". Eins sei klar: „Wir kommen nicht darum herum, weniger zu produzieren, zu konsumieren, wegzuwerfen und Produkte länger zu nutzen." Der Wirtschaft müsse das nicht zwangsläufig schaden. „Sie gewinnt Kapazitäten, um andere Dinge auf den Markt zu bringen." Mehr tun müssten alle: Wirtschaft, Politik und Verbraucher.

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