0
Die Suche nach Stromtankstellen ist mitunter Glückssache.
 - © picture alliance/dpa
Die Suche nach Stromtankstellen ist mitunter Glückssache.
| © picture alliance/dpa

E-Mobilität Das sind die Baustellen beim Laden von E-Autos in Deutschland

Die Bundesregierung plant mehr Stromzapfsäulen, höhere Förderung sowie mehr Rechte für Mieter und Wohnungseigentümer.

Hannes Koch
05.11.2019 | Stand 05.11.2019, 07:53 Uhr

Berlin. Es ist ein Henne-Ei-Problem: Weil Ladesäulen fehlen, fahren bisher so wenige E-Autos. Weil nicht genug Elektrofahrzeuge unterwegs sind, bauen Firmen nur eine kleine Zahl neuer Stromtankstellen. Diesen Kreis will die Bundesregierung nun durchbrechen. Ihr neuer „Masterplan Ladeinfrastruktur" stand am Montagabend beim Treffen mit der Autoindustrie und der Gewerkschaft zur Diskussion beim "Autogipfel". „Eine Million öffentlich zugänglicher Ladepunkte" soll demnach bis 2030 für rund zehn Millionen E-Fahrzeuge zur Verfügung stehen. 2021, 2022 und 2023 werden mindestens jeweils eine Milliarde Euro Fördermittel zusätzlich ausgelobt. Welche sind die größten Baustellen bei der Errichtung des Autostromnetzes? Zu wenige E-Tankstellen Wer mit einem konventionellen Pkw oder Transporter unterwegs ist, kann darauf vertrauen, rechtzeitig, bevor der Sprit zur Neige geht, eine Tankstelle zu finden. Nicht so bei Stromzapfsäulen. Deshalb empfinden es manche Leute als Abenteuer, E-Auto zu fahren. In ganz Deutschland gibt es laut Bundesnetzagentur augenblicklich nur gut 21.000 öffentliche Ladepunkte – für ca. 200.000 Fahrzeuge. Bisher errichten Stadtwerke, Stromversorger und andere Firmen zu wenig Anlagen, weil ihre Kosten zu hoch und die Einnahmen zu niedrig sind. Die Infrastruktur ist teuer, doch zu wenige Pkw kommen zum Tanken. Während derzeit durchschnittlich vielleicht zehn Fahrzeuge pro Tag an jeder Zapfsäule halten, müssten es mindestens 100 sein, um die Geräte zu finanzieren. Also sagt Katherina Reiche, die Geschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU): „Um künftig mehr Ladesäulen aufzustellen, ist auf absehbare Zeit noch eine staatliche Förderung nötig." Das sieht auch die Politik so. „Daher ist es notwendig, dass die Bundesregierung einen zunächst überproportionalen Aufbau von Ladeinfrastruktur ermöglicht", heißt im Masterplan. Und teilweise sei auch „eine Finanzierung durch die öffentliche Hand notwendig". Zusätzlich will man der Wirtschaft aber auch Vorschriften machen. So sollen die Raststätten an den Autobahnen jeweils „mindestens vier Ladepunkte vorhalten", von Ausnahmen abgesehen. Und für „alle Tankstellen in Deutschland" peilt man eine „Versorgungsauflage" an. Stromzapfsäulen werden damit zur Pflicht. Bis 2022 sollen in Deutschland 50.000 neue Ladestationen für E-Autos entstehen. wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Montagabend sagte. Die Automobilwirtschaft wird davon 15.000 öffentliche Ladepunkte beisteuern Steckdosen für Wohngebäude In Einfamilienhäusern auf dem Land oder freistehenden Gebäuden der Vororte ist es kein Problem. Die meisten Menschen leben allerdings in gestapelten Wohnungen. Dort ist es schwierig, ein E-Auto zu laden: Man kann nicht einfach ein Kabel aus dem Fenster hängen. Deshalb soll das Bundesjustizministerium noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf zur Änderung des Miet- und Wohnungseigentumsrechts vorlegen. Mieter und Besitzer von Eigentumswohnungen werden dann den Anspruch auf einen Stromanschluss fürs Auto im oder am Haus erhalten, auch wenn die Vermieter oder anderen Eigentümer das ablehnen. Und Neubauten mit größeren Tiefgaragen müssen die technischen Voraussetzungen aufweisen, um später Autostromanschlüsse zu verlegen. Komplizierte Zapfsäulen Die Suche nach den Tankstellen ist mitunter Glückssache. Bei ihrem „Ladesäulencheck" stellte die Stromfirma Lichtblick in diesem Sommer fest, dass es keine vollständige Karte gebe, auf der die Fahrerinnen und Fahrer alle verfügbaren Stationen fänden. So sei auch die Information, ob eine Anlage gerade frei oder besetzt sei, schwer oder gar nicht zu recherchieren. Dem will die Regierung laut Masterplan nun abhelfen, indem alle Betreiber verpflichtet werden, Schnittstellen für Internet-Kommunikation einzubauen. Außerdem sagt Kerstin Meyer, Projektleiterin beim Institut Agora Verkehrswende: „Heute bieten die Betreiber der Ladesäulen unterschiedliche Zugangs- und Bezahlsysteme an. Die sind zu unübersichtlich, sie müssen einfacher und transparenter gestaltet werden." Passend dazu klagt der grüne Verkehrspolitiker Oliver Krischer: „Ich fahre selbst ein Elektroauto und besitze sechs verschiedene Abrechnungskarten und zehn Apps, um im Rheinland mit meinem Elektroauto halbwegs mobil zu sein." Dass es hier ein Problem gibt, scheint die Regierung zu sehen. Sie „strebt an, Authentifizierung, Bezahlsysteme und Roaming besser im Sinne des Verbrauchers zu regeln". Was das genau heißt, wird jedoch nicht erläutert. Mehr Ökoenergie Wind-, Sonnen- und Biomassekraftwerke liefern gegenwärtig gut ein Drittel des bundesdeutschen Stroms. Kommen Millionen E-Autos hinzu, muss auch diese Produktion stark zunehmen. Denn Stromfahrzeuge haben nur dann einen nennenswerten Ökovorteil, wenn sie nicht mit Elektrizität aus Kohle- oder Gaskraftwerken betankt werden. Wohin aber mit den zusätzlichen Ökokraftwerken? Für Photovoltaikzellen gibt es noch sehr viel Platz auf den Dächern der Städte. Aber Windräder auf den Feldern und im Wald? Der Protest nimmt zu. Das ist eine offene Baustelle, zu der der Regierung nicht viel einfällt.

realisiert durch evolver group