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Teilzeitveganer: Der US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer posiert vor vegetarischer Kost. - © picture alliance / dpa
Teilzeitveganer: Der US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer posiert vor vegetarischer Kost. | © picture alliance / dpa

Safran Foers neues Buch Warum die Klimakatastrophe unser Handeln kaum beeinflusst

Der US-Schriftsteller hat einen Plan, wie jeder von uns etwas für den Klimaschutz tun kann.

Anke Groenewold
16.10.2019 | Stand 17.10.2019, 07:19 Uhr

Bielefeld. „Unser Haus brennt", warnt die 16-jährige schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg angesichts des Klimawandels. Von den Klimaleugnern mal abgesehen, wissen wir alle, wie schlimm es steht und welche katastrophalen Folgen der Lebensstil in den reichen Nationen auf den gesamten Planeten hat. Aber warum schlägt Entsetzen nicht um in Handeln? Was können wir überhaupt tun?

Mit diesen Fragen setzt sich der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer persönlich, emotional und klug in seinem Buch „Wir sind das Klima!" auseinander. In dem Essay geht es Foer nicht darum, den Klimawandel zu erklären.

Vielmehr erforscht er sein eigenes Denken, Fühlen und Verhalten im Angesicht der Klimakrise, „die trotz extremer Wetterphänomene abstrakt anmutet": Es ist eine Erzählung voller Widersprüche, in der sich viele Leser wiedererkennen dürften. Foer ist ehrlich – auch zu sich selbst. Denn auch bei ihm klafft eine Lücke zwischen Bewusstsein und Handeln. Er fliege immer noch zu viel, seine Wohnung sei zu groß, gibt er zu.

„Ich bin kein Klimaleugner, verhalte mich aber wie einer"

Das Schicksal des Planeten liegt ihm am Herzen, aber mehr noch bewegt ihn sein Baseball-Verein. „Ich bin kein Klimaleugner, aber ich verhalte mich wie einer." Bei der Recherche sei er oft geschockt gewesen von dem, was er erfahren habe, „aber es hat mich selten bewegt". Und wenn es ihn bewegt habe, sei das Gefühl vorübergehend gewesen. „Es war nie tief genug, um mein Verhalten dauerhaft zu verändern."

Foer holt weit aus, erzählt von seiner Familie. Das Buch ist auch eine liebevolle Hommage an seine jüdische Großmutter. Sie war 20 Jahre alt, als sie vor den heranrückenden Nazis aus ihrem polnischen Dorf floh. Ihre Großeltern, ihre Mutter, zwei Geschwister, Cousins und Freunde blieben und wurden umgebracht. „Sie wusste, was alle anderen auch wussten", schriebt Foer. Warum seine Großmutter gehandelt habe, habe sie später so erklärt: „Ich fühlte, dass ich etwas tun musste".

Ein Opfer bringen

Fakten reichten nicht aus, um uns zu mobilisieren, glaubt Foer mit Hinblick auf den Klimawandel – man müsse sie auch glauben, um handeln zu können. Foer hat einen Plan. Der allein könne zwar nicht das Klima retten, sei aber wahrscheinlich das Wichtigste, was der Einzelne für den Klimaschutz tun könne. Jetzt, sofort.

Es dauert einige Dutzend Seiten, bis Foer mit seiner unbequemen Wahrheit rausrückt, weiß er doch, „dass Menschen genervt reagieren, wenn es um Fleisch, Milchprodukte und Eier geht". Aber: „Wir können den Planeten nicht retten, wenn wir den Konsum von tierischen Produkten nicht deutlich reduzieren."

Foer will die Leser ermutigen, ein Opfer zu bringen und maximal einmal am Tag Fleisch und Milchprodukte zu essen und schlägt das Abendessen vor. Kein Komplettverzicht, aber radikale Mäßigung. Zudem helfe es, auf Flüge und ein Auto zu verzichten und weniger Kinder in die Welt zu setzen.

Anders zu essen, sei die einfachste Option. Foer gaukelt nicht vor, dass es einfach werden wird, ist kein Klimaretter mit erhobenem Zeigefinger. Er selbst hat sich auf einen lebenslangen Kampf mit sich selbst eingestellt. Er mag Fleisch.

„So viele Leben, Arten und Eisberge retten wie möglich"

Bei der Recherche für seinen ersten Sachbuchbestseller „Tiere essen" (2009) hatte er in die Abgründe der Massentierhaltung und der Agrarindustrie geblickt.

Dennoch isst Foer mitunter noch Burger, meist an Flughäfen, weil es tröstlich sei. Es sei ihm peinlich, das zuzugeben, schreibt er, aber er finde, dass seine unstillbaren Gelüste nach Fleisch auf den Tisch müssten.

Foer ist Realist. Es weiß, dass der Klimawandel schon jetzt dramatische Folgen hat. Aber er weigert sich eben auch, die Hoffnung fahren zu lassen, was in seinen Augen einem Suizid gleichkommt. Er will so viele Leben, Arten und Eisberge retten wie möglich. „Wir können zulassen, dass uns die Angst lähmt, oder dass sie uns ermächtigt. Wir werden die Welle sein, oder wir werden ertrinken."

Foer ist mit seinem persönlichen und leidenschaftlichen Zugriff auf das Thema eine erfrischend originelle Stimme. Der Klimawandel bewege uns nicht, weil er so komplex sei, dass er sich zu keiner guten Geschichte füge, lautet Foers These. „Wir sind das Klima!" dagegen ist eine gute Geschichte – stark, wahrhaftig und überzeugend.

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