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Wegweiser der Trauer: Die Baumscheiben werden von Angehörigen ganz unterschiedlich genutzt. Die einen legen aus kleinen Steinen ein Herz, andere suchen Zapfen und Wildblumen oder legen nur eine einzelne Rose auf der Scheibe ab. Erlaubt ist, was natürlich ist. - © Julia Fahl
Wegweiser der Trauer: Die Baumscheiben werden von Angehörigen ganz unterschiedlich genutzt. Die einen legen aus kleinen Steinen ein Herz, andere suchen Zapfen und Wildblumen oder legen nur eine einzelne Rose auf der Scheibe ab. Erlaubt ist, was natürlich ist. | © Julia Fahl

Umwelt Waldbegräbnis: Die letzte Ruhe in der Natur

Immer mehr Menschen wünschen sich eine naturnahe Bestattung. Im Waldbegräbnis Gut Eckendorf können sie zwischen Bäumen ihre letzte Ruhe finden – sogar zusammen mit ihrem geliebten Tier.

Julia Fahl
06.10.2019 | Stand 23.09.2019, 13:44 Uhr

Leopoldshöhe. Die Sonnenstrahlen schimmern durch das noch grüne Laub, der Boden unter den Füßen federt leicht und raschelt, die Luft riecht leicht würzig – nach Wald eben. Vor allem aber herrscht Ruhe. Ruhe, die durchatmen lässt, die entspannt und die der Trauer Raum gibt. In Leopoldshöhe, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Bielefeld entfernt, erfüllt das Waldbegräbnis Gut Eckendorf seit April 2018 den Wunsch nach der Nähe zur Natur bis über den Tod hinaus. Die Idee dazu hatte die Familie von Dallwitz, die seit vielen Generationen den Eckendorfer Wald naturnah bewirtschaftet. Auf einer drei Hektar großen Fläche kann sich jeder in einer biologisch abbaubaren Urne am Fuße eines Baumes, eines Strauchs oder eines Findlings beisetzen lassen. Schon nach wenigen Schritten entdecken Spaziergänger die ersten kleinen Besonderheiten in diesem Waldareal an der Bielefelder Straße: Bäume, an denen kleine runde Plaketten mit Nummern angebracht sind. Grüne, rechteckige Schildchen an manchen Stämmen, auf denen unterschiedliche Namen eingraviert sind. Und runde Baumscheiben am Fuße der Bäume, die mit Steinen, Blüten oder Zapfen geschmückt wurden. Wegweiser der Trauer. „Jede Baumscheibe markiert eine Grabstelle“, erklärt Wolf-Friedrich von Dallwitz. Auch im Wald gibt es einige Regeln Bei der Deko gilt: Erlaubt ist, was natürlich ist. Aber nichts, was aus Plastik und Metall ist oder den Wald gefährdet. „Ballons, Grablichter, Gedenksteine aus Kunststoff, Engelsfiguren – das ist alles tabu“, sagt Ehefrau Victoria von Dallwitz. Genau wie Pflanzen, die sonst nicht im Wald wachsen. Damit hat die individuelle Gestaltung der Grabstellen, so wie man sie von Friedhöfen kennt, im Waldbegräbnis Gut Eckendorf durchaus ihre Grenzen. Aber aus gutem Grund: „Es ist nicht Sinn der Sache, dass wir in die Natur eingreifen“, sagt Victoria von Dallwitz. „Bei der Beisetzung sind aber ein Kranz und Blumen erlaubt.“ Diese werden allerdings nach einiger Zeit entfernt. Dann bleiben zunächst noch die Baumscheiben auf dem Boden, an denen sich Trauernde orientieren können. Sind diese verwittert, helfen die Nummern am Stamm, den Baum wiederzufinden. „Wir betreiben eben keinen klassischen Friedhof“, betont Wolf-Friedrich von Dallwitz beim Gang durch den Wald. „Es ist und bleibt ein Wald, der vollkommen naturbelassen und für jedermann jederzeit zugänglich ist.“ Befestigte Wege schlängeln sich durch das Areal und bilden in U-Form einen Rundweg, der an einem Parkplatz startet und endet. Die Familie von Dallwitz sorgt dafür, dass diese Wege frei bleiben – auch für Menschen mit Rollator oder im Rollstuhl. Aber sonst wird alles der Natur überlassen. Und rechts und links der Wege dürfen junge und alte Bäume ihr natürliches Alter erreichen. Die Forstwirtschaft rückt in den Hintergrund, stattdessen spenden Buchen und Eichenden Menschen, die einen geliebten Angehörigen oder Freund verloren haben, Kraft und Trost. Naturbestattungen liegen im Trend Einmal beigesetzt, verbleiben die Urnen im Waldboden. „Sie verwittern, die Asche des Verstorbenen geht ins Erdreich über, er wird Teil des ökologischen Kreislaufs und ist eins mit der Natur“, beschreibt Trauerrednerin Gabriele Hahn, die auf Wunsch die Urnen auch individuell bemalt und zudem Angehörige durch die Zeit der Trauer begleitet. „Ich finde, das ist eine schöne Vorstellung.“ Das denken auch viele andere Menschen und entscheiden sich deshalb bewusst für ein Grab in einer natürlichen Umgebung. Zumindest liegen Naturbestattungen im Trend, wie auch Familie von Dallwitz bestätigt. 140 Menschen haben sich in dem einen Jahr bereits in dem Waldstück beisetzen lassen. Noch einmal 140 Vorsorgeverträge wurden schon abgeschlossen. Die Gründe, warum sich Menschen für eine Grabstelle im Wald entscheiden, sind ganz verschieden, wie Wolf-Friedrich von Dallwitz erklärt: „Manche Menschen finden klassische Friedhöfe zu morbide, zu überfüllt oder zu beklemmend. Sie wollen freier sein.“ Andere wollen vermeiden, dass ihr Grab gepflegt werden muss, „entweder weil die Angehörigen zu weit weg leben oder aus Kostengründen“. Denn wer sich für das Waldbegräbnis entscheidet, trägt einmalig die Kosten für die Beisetzung, aber die Folgekosten für die Pflege der Grabstelle entfallen. Wie auf dem Friedhof gibt es auch im Wald verschiedene Grabarten Im Waldbegräbnis Gut Eckendorf gibt es verschiedene Ruhestätten. „Möchte jemand einen Einzelplatz haben, legen wir für ihn einen schönen Liegeplatz an einem Baum, Strauch oder Findling fest“, sagt Wolf-Friedrich von Dallwitz. Für eine Gemeinschaftsruhestätte können ein oder mehrere Plätze von insgesamt 12 Plätzen an einem Baum, Strauch oder Findling erworben werden. „So können Ehepartner nebeneinander bestattet werden.“ Die Fläche unter den Bäumen kann auch für ganze Familien oder Freundeskreise reserviert werden, ähnlich der Familiengräber auf klassischen Friedhöfen. Wer möchte, kann sich auch einen Wunschbaum pflanzen oder sich auf dem Urnenfeld beisetzen lassen. In dem gleichnamigen Areal im Norden des Wald-Areals kann die Asche des geliebten Haustieres als Grabbeigabe zur Urne dazu gegeben werden. Egal ob Hund, Katze, Pagagei oder Pferd: „Wir schließen keine Tierart aus“, betont Victoria von Dallwitz. Beeindruckenste Eiche ist verstorbenen Kindern gewidmet Fünf Minuten Fußweg vom Parkplatz entfernt, gelangen Fußgänger zum Andachtsplatz unter freiem Himmel. Ein Holzkreuz, Holzbänke und Urnensteine fügen sich ganz natürlich in die Umgebung ein. Dazu der Blick zu allen Seiten in den Wald. „Es ist ein Ort der Besinnung.“ Dieser kann ganz individuell für die Trauerfeier genutzt werden. Alternativ kann der Rokokosaal im Gutshaus gemietet werden. Vom Andachtsplatz ist es nicht weit: „Das hier ist unsere beeindruckendste Eiche im Wald“, sagt Victoria von Dallwitz, biegt vom Weg ab und bleibt vor einem Baum stehen, an dessen Stamm Holzherzen hängen. Wie eine Mutter des Waldes thront die Eiche auf einer kleinen Anhöhe. „Das ist unser Kinderbaum. Er ist für Kinder reserviert, die in ihren ersten fünf Lebensjahren gestorben sind. Sie haben hier ein kostenloses Ruherecht.“ Sie verstummt. Die Holzherzen tragen Namen wie Lilly und Johannes. Jeder einzelne von ihnen steht für ein Leben, das viel zu schnell vorbei war. „Dieser Baum beschützt sie alle.“

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