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"Die Jugend bleibt hartnäckig": Autor Wohlleben in seinem Revier. - © picture alliance/Christian Charisius/dpa
"Die Jugend bleibt hartnäckig": Autor Wohlleben in seinem Revier. | © picture alliance/Christian Charisius/dpa

Förster im Interview Starautor Wohlleben: "Waldgipfel ist ein PR-Termin der Regierung"

Im Interview lobt Peter Wohlleben "Fridays for Future" und schlägt vor, die Senne einfach mal in Ruhe zu lassen.

Florian Pfitzner
25.09.2019 | Stand 25.09.2019, 07:11 Uhr

Hinter uns liegen zwei Rekordsommer, Herr Wohlleben. Wie krass hat sich die Hitze auf unsere Wälder ausgewirkt? Wohlleben: Auf richtige Wälder kaum, ramponiert sind vor allem die Plantagen – und die stellen nun einmal den Großteil des deutschen Waldes. Die Hitzesommer haben ihre Schwachstellen offengelegt. Das heißt? Wohlleben: Fichten, Kiefern oder Douglasien sind in unseren Gefilden überhaupt nicht heimisch. Häufig haben sie geschädigte Wurzeln und werden außerdem noch von schwerem Gerät plattgefahren. Es geht also gar nicht um ein Waldsterben, sondern um ein Plantagensterben. Der gesunde Mischwald kommt gut klar mit dem Klimawandel? Wohlleben: So sieht das aus – ein intakter alter Laubwald ist in der Lage, sich in Hitzeperioden um bis zu 15 Grad herunterzukühlen. So viel Wasser dunstet er aus. Unsere bewirtschafteten Bäume aber sind gestresst, sie mögen es bis auf ganz wenige Ausnahmen eigentlich kühl und feucht. Die Regionalforstämter in Nordrhein-Westfalen beklagen, dass es den Bäumen noch nie so schlecht gegangen sei. Werden da Krokodilstränen vergossen? Wohlleben: Den Förstern liegen die Wälder schon am Herzen, es ist nur an der Zeit, endlich umzudenken. 2007 hat der Orkan "Kyrill" NRW schwer getroffen. Es gab Zugeständnisse, die öffentlichen Laubwälder wachsen zu lassen. Die letzte deutschlandweite Inventur hat aber gezeigt, dass der Anteil der Buche in jüngeren Waldbeständen sogar abgenommen hat gegenüber den Nachkriegswäldern. Der viel beschworene Waldumbau hat bislang de facto nicht stattgefunden. Insofern versäumt es die amtierende Förstergeneration bislang tatsächlich, ihre Hausaufgaben zu erledigen. In der ländlichen Region Ostwestfalen-Lippe steht die Buche auf Platz eins der bedrohten Arten. Wie kann das sein? Wohlleben: Naturgemäß ist sie überhaupt nicht anfällig. Im geschlossenen Verband ist die Buche total klimastabil. Man darf sie halt nicht bei der Selbstregulation stören. In aufgelichtete alte Wälder, gerade in NRW, knallt nun aber die Sonne rein – da können sich die Bäume nicht mehr herunterkühlen. Wenn man sie grob behandelt, zerstört man sogar eine Buche. Sie haben mit vielen in Ihrer Zunft gebrochen, seit Sie sich der ökologischen Waldwirtschaft verpflichtet sehen und darüber erfolgreiche Bücher schreiben. Zu welchen Gelegenheiten suchen Sie das Gespräch mit der konventionellen Forstwirtschaft? Wohlleben: Wir tauschen uns ständig aus. Ich lade regelmäßig Studenten in unsere Wald-Akademie ein. Ich habe nicht mit meiner Zunft gebrochen, sondern mit den konservativen Kahlschlagsförstern. Die machen unsere gemeinsame Zukunft kaputt. Agrarministerin Julia Klöckner ruft am Mittwoch (25. September) zum "Waldgipfel". Was versprechen Sie sich von der Veranstaltung? Wohlleben: Frau Klöckner steht an der Spitze eines Systems, das sich selbst kontrolliert: Die staatlichen Forstverwaltungen sind gleichzeitig die größten Holzverkäufer. Darin liegt doch die Krux. Die konventionelle Forstwirtschaft stellt sich selbst permanent Persilscheine aus und schiebt den Klimawandel vor, um ihre eigenen Versäumnisse zu vertuschen. Der "Waldgipfel" ist ein PR-Termin der Bundesregierung. Welche Veränderungen schlagen Sie vor? Wohlleben: Neben einer Kontrollinstanz sollte in Deutschland der Studiengang „Ökologische Forstwirtschaft" eingeführt werden. Dann sollten wir uns die Regulierung vornehmen: Es gibt schöne Bewirtschaftungsmodelle, die in Kombination mit Schutzgebieten ein Holz erzeugen, das man guten Gewissens verbrauchen kann. Wir sollten die schädliche Massenbaumhaltung hinter uns lassen, in denen Bäume maximal 70 oder 80 Jahre alt und dann abgeholzt werden. Die Pläne, die Senne als Nationalpark auszuweisen, sind zunächst vom Tisch – auch weil die Gegner vor urwaldähnlichen Zuständen gewarnt hatten. Was halten Sie von dem Argument? Wohlleben: Solche Politiker sollte man abwählen. Wer warnt denn vor dem Urwald am Amazonas? Da ist das in Ordnung. Der Nationalpark Senne ist im bundesweiten Maßstab ein winziges Stückchen Land. Das könnte man doch einfach mal in Ruhe lassen. Angesichts der rasanten klimapolitischen Entwicklung habe ich allerdings noch Hoffnung. Sie waren neulich beim Sommerkongress von "Fridays for Future" in Dortmund. Was haben Sie aus den Gesprächen mit den Jugendlichen mitgenommen? Wohlleben: Einige waren richtig gut informiert, auch meine Beiträge wurden kritisch hinterfragt. Die Jugendlichen gehen ziemlich abgeklärt an den Klimaschutz heran. Wir leben in erfrischenden Zeiten. Sie sind Jahrgang 1964. Inwiefern unterscheidet sich die heutige Schüler- und Studentengeneration von ihrer? Wohlleben: Eigentlich sehe ich da gar nicht so viel. Der größte Unterschied ist, das die Jugend die Dringlichkeit besser erkannt hat und hartnäckiger für Umwelt und Klima demonstriert, nachdem wir damals Joghurtdeckel gesammelt haben. Da blieb vieles im Kleinklein stecken. Die Einstellung ist heute dieselbe, der Drive aber deutlich schwungvoller.

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