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Stark am Berg: Stefan Spieker setzt sich am Kühtai locker ab, während hinter ihm schwer getreten wird. - © Foto: Ötztal Tourismus/Sportograf
Stark am Berg: Stefan Spieker setzt sich am Kühtai locker ab, während hinter ihm schwer getreten wird. | © Foto: Ötztal Tourismus/Sportograf

Radsport Stefan Spieker war beim Ötztaler weit vorne

Früherer Höxteraner Fußballer braucht nur 8:06.52 Stunden

Torsten Ziegler
10.09.2015 | Stand 10.09.2015, 10:59 Uhr |

Boffzen/Sölden. "Ein gewisses Talent und Sportlichkeit ist schon vorhanden", sagt Stefan Spieker - und verrät damit jenes Understatement, mit dem viele Menschen zwischen Weser und Ems gerne kokettieren. Gewisses Talent? Der Mann hat gerade den Ötztaler Radmarathon als bester ostwestfälischer Nicht-Ex-Profi beendet. Auf Platz 144 mit der Zeit von 8:06.52 Stunden. Zum Vergleich: Jörg Ludewig, der beste ostwestfälische Ex-Profi, wurde 49. in 7:41.32, und Jan Ullrich, der wohl trotz allem beste deutsche Radfahrer aller Zeiten, lag mit 7:59.33 auf Platz 113 gar nicht weit entfernt vor Spieker. Gewisse Sportlichkeit? Spieker, gebürtig aus Bosseborn bei Höxter, ist erst spät zum Radfahren gekommen. Ein Wadenbeinbruch war der Auslöser für den heute 34-Jährigen. Er spielte Fußball in Höxter und Brenkhausen bis zur Bezirksliga und es war bereits seine zweite langwierige Verletzung. "Da musste ich mir etwas anderes überlegen, denn beruflich sind solche Ausfälle natürlich schwierig", schildert Spieker, der im Vertrieb des Maschinenbauers Reitz Ventilatoren (400 Mitarbeiter in Höxter) arbeitet. Anfangs wich er aufs Mountainbike aus, und 2008 gab's die erste Alpentour mit dem Rennrad. Nach den Tagestouren auf Timmelsjoch ("das war der Horror"), Stilfser Joch und Kaunertaler Gletscher begann er sich für den Ötztaler Radmarathon zu interessieren, um schon 2009 mit einer Premierenzeit von 9:50 Stunden im Ziel zu stehen. Gewisses Talent?Neue Passion entdeckt Spieker hatte seine neue Passion entdeckt. Er investierte in einen Wattmesser am Rad und recherchierte akribisch im Internet, mit welchen Trainingsmethoden er sich verbessern kann. Ein Autodidakt. Am 30. August 2015 finishte er bereits zum fünften Mal, nach einem Leistungssprung im Vorjahr auf 8:18 Stunden diesmal in persönlicher Bestzeit. "Ich hatte mir insgeheim eine Zeit unter acht Stunden erhofft, aber da darf man sich nicht verrückt machen. Das ist ja mein Hobby, mit dem ich mir viel Lebensqualität hole. Ich bin gesund, finde einen Ausgleich zum Job und habe mega viel Spaß dabei, wenn der Trainingsaufwand bei solchen Ereignissen belohnt wird. Das ist es, was zählt", erklärt Spieker. Nur spaßig war seine aktuelle Teilnahme an dem Kult-Marathon über 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter aber nicht. Auf die Frage, ob er nicht wie die meisten der mehr als 4.000 Teilnehmer bei Temperaturen bis zu 36 Grad irgendwo Probleme hatte, antwortet Spieker entschieden: "Doch!" Am Timmelsjoch musste er sich kurz vor der Passhöhe zwei Minuten wegen eines Oberschenkelkrampfes gegen die Felsen lehnen. "So etwas habe ich noch nie erlebt." Danach ging es in der Sorge weiter, der Krampf könne sich erneut bemerkbar machen. Dennoch fuhr er flott Richtung Ziel. Nach dem Gegenanstieg am Timmelsjoch habe ihn in einer Gruppe sogar noch einmal "richtiges Rennfieber gepackt". Dennoch wird die Ergebnisliste wohl kaum gerahmt im Eigenheim in Boffzen hängen. Dass er lediglich sieben Minuten hinter Jan Ullrich ankam, versetzte Spieker jedenfalls nicht in Aufregung. "Ulle war viel schlanker als in den Vorjahren", hatte er beobachtet. Seine Folgerung: "Wenn er gewollt hätte, wäre er deutlich schneller gefahren." Einer wie Spieker hängt solche "Sachen nicht an die große Glocke". Das größere Gefühl ist für ihn die "Dankbarkeit, dass ich so etwas machen kann". Voraussetzung ist dafür die Gesundheit und ein Umfeld, das das Hobby mitträgt. Spiekers Frau reitet - ebenfalls ein zeitintensives Hobby - und bringt auch deshalb das Verständnis mit. Beim Ötztaler steht sie regelmäßig an der Strecke, diesmal mit ihren Eltern kurz vor dem Brenner. Womit Spieker auch das Rätsel auflösen kann, wer dort so freundlich den Fahrern des NW-Team Ötztaler "Zieh durch, Neue Westfälische" zugerufen hat: "Das waren meine Schwiegereltern."

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